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Chinesisch-tschechische Kooperation in Dresden-Hellerau

Erstaufführung von „Ordinary People“ Chinesisch-tschechische Kooperation in Dresden-Hellerau

Sie verstehen sich als eine Art Dokumentartheater und nehmen dabei das eine wie das andere sehr ernst. Denn trotz dokumentarischer Gewichtung vergessen sie zu keiner Zeit den sinnlich-erfahrbaren Moment der Aufführung und bei allen spielerischen Möglichkeiten des Theaters auch niemals den dokumentarischen Bezug im Bühnengeschehen.

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Eindrückliche Bilder entstehen, die die normalen Menschen weder simpel noch langweilig zeigen.

Quelle: Jakub Hrab

Dresden. Sie verstehen sich als eine Art Dokumentartheater und nehmen dabei das eine wie das andere sehr ernst. Denn trotz dokumentarischer Gewichtung vergessen sie zu keiner Zeit den sinnlich-erfahrbaren Moment der Aufführung und bei allen spielerischen Möglichkeiten des Theaters auch niemals den dokumentarischen Bezug im Bühnengeschehen. Wobei sich das eine quasi „organisch“ aus dem anderen heraus entwickelt. Im September 2015 gastierte die bemerkenswerte Regisseurin Jana Svobodova vom Archa Theatre Prag im Festspielhaus Hellerau bereits mit der eigenwilligen Produktion „Stört es oder stört es nicht?“ zum RomAmoR-Festival – und schon damals haben sich die Bilder, Geschichten und Charaktere deutlich eingeprägt.

Wie auch jene beim neuerlichen Auftreten dieses Theaters am Wochenende in Hellerau. In der Koproduktion „Ordinary People“ mit dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau, eine Deutsche Erstaufführung, verbünden sich die Prager mit dem 1994 von der ehemaligen Pina Bausch-Tänzerin Wen Hui und dem Dokumentarfilmer Wu Wenguang gegründeten und in Deutschland gut bekannten Living Dance Studio aus Beijing für eine Performance der ganz eigenen Art. In der gemeinsamen Regie von Jana Svobodova und Wen Hui sowie sensibel durchflochten im Mitwirken der live einbezogenen Musiker, Videokünstler und Lichtgestalter entsteht ein Theater, das es in sich hat. Wo man rätseln und staunen kann, von Besonderem und Besonderen erfährt.

Erfahrungsgemäß ist bei Aufführungen, die sich gewissermaßen in Grenzüberschreitungen, beispielsweise in der Verquickung von Tanz, Schauspiel, Video, Live-Musik und bildnerischen Künsten bewegen, mit einer gewissen Verunsicherung des Publikums immer zu rechnen. Die einen erhoffen sich dies, die anderen das, und im besten Fall gelingt es, die Zuschauer auf eine solch erkundende Reise mitzunehmen und ihr Interesse zu wecken. Das Berührende auch an diesem Abend ist, dass er auf seine Weise unverfälscht wirkt, quasi als eine erfreulich handgemachte Produktion erscheint. Was ja beileibe nicht heißt, sie wäre vielleicht unprofessionell. Wie auch der Titel „Ordinary People“ keinesfalls besagt, gewöhnliche Leute seien simpel oder langweilig. Hier geht es nur eben weniger um ausgefeilte, die Sinne überflutende Effekte, wird ein Licht-Stakkato auch mal mit der Hand „unterbrochen“. Und es gibt gar personengebundene „Rauch-Wölkchen“, eine überschau- und einsehbare Szene, die dennoch viele Überraschungen bietet.

Das weiß man ja längst: Das Perfekte ist nicht immer auch das Spannende. Viel aufregender sind die eigenen Bilder im Kopf, die sich assoziierend zum Bühnengeschehen einstellen. Beispielsweise dann, wenn die Performer mit Körpersprache und Worten von ihrem Erleben erzählen, auch wie sie zur Bewegung, zum Tanz, zur Bühne gekommen sind. Und sie schildern in eindrücklichen Szenen, was ihnen in ihrem Leben in der chinesischen oder tschechischen Heimat widerfahren ist, woran sie Freude hatten und sich auch weiter erfreuen, wie sie sich und wie sich andere verhalten haben in schwierigen und entscheidenden Momenten.

Spürbar beginnen sich die Bilder, Personen und Geschichten, die Ereignisse zu unterschiedlichen Zeiten und an weit voneinander entfernten Orten miteinander zu verquicken, offenbart sich Gegensätzliches wie auch Verbindendes, geht es um Selbstbehauptung, Verzicht, Angst, Not, Scham, Beglückendes. Das ist authentisch, wirkt nicht banal, und jeder erzählt dabei auf ganz eigene Weise. Da verwirrt sich beispielsweise ein Zahlengeflecht mit Strichen des Aufruhrs, werden die fahrbaren Absperrgitter zu bewegten Podesten des Protestes, entsteht zelebrierend aus Riesen-Kartons ein schwankender Turm als beredte Metapher für Gefahr und Zerfall. Es ist geradezu leiblich erfahrbar, wie da alle im Raum mit bangen, wie jeder hofft, es könne doch noch gut gehen. Und letztlich jeder weiß, wie fragil diese Hoffnung ist.

www.hellerau.org

Von Gabriele Gorgas

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