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Regional Chester Mueller ist gestorben
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09:48 06.10.2016
Chester Mueller ist gestorben.  Quelle: Derevo
Dresden

 Heute zu sagen, Chester Mueller war ein Umtriebiger und Weitgereister, hat als Wahrheit nur einen einzigen bitteren Ton. Denn was richtig stört und heftig schmerzt, ist das „war“ im Satz.

Man könnte genauso gut sagen, dass Chester Mueller ein Beseelter war, einer, der zu leben wusste, ein – es gibt immer wieder solche Menschen – in sich ruhender Ruheloser, offen, klug, verschmitzt im Lächeln, tief in Sinn und Ernst und Humor. Und wieder dämpfen dabei nur diese drei unnachgiebigen Buchstaben alles gute Gefühl: w a r … In der Nacht von Donnerstag zu Freitag letzter Woche ist Chester Mueller, wie erst am Mittwoch wirklich bekannt wurde, gestorben. Mit 65.

Chester – das Mueller wegzulassen, ist für denjenigen, der ihm nahekam, fast ein Muss – hatte Mitte der 90er Jahre Dresden ausgewählt. Im Kulturzentrum Scheune wurde ein Veranstalter gesucht, gefunden hatten sie einen, der auch diesen Ort zu prägen wusste. Mit neuen Reihen, freiherzigen Kooperationen, wachem Geist fürs wirklich Interessante, dabei nie Risikoarme.

Wenn noch heute ein Liedermann wie David Munyon in Dresden nach Herzen greift, dann war es Chester, der den damals völlig Unbekannten als Erster „veranstaltet“ hat. Gehört hatte er bis zur Entscheidung einen Tipp und drei Lieder auf Kassette. Nur ein Beispiel.

1996 war dann die Theatergruppe Derevo auf der Suche nach einem Manager, der sich weniger um das Wort an sich Gedanken machte, als um dessen Inhalt. Mit Chester bekam Derevo einen echten Kümmerer, einen, der, wie Anton Adassinsky in einem Nachruf schreibt, „unsere Rücken freihielt.“ Auch das ist viel tiefer angesetzt, als reine Worte es beschreiben können.

Über zehn Jahre blieb Chester mit und bei Derevo, verortete sie kreativ zunächst im Industriegelände, dann in Hellerau, wusste die „doppelte Homebase“ Dresden und St. Petersburg anzunehmen, führte die Truppe in über 25 Länder auf der Welt. Zu kämpfen wusste Chester auch mit ihnen, nicht zuletzt um ein Grundmaß Respekt und Unterstützung von Ämtern. Auch das war ein Stück vom „Rücken frei“! Auch das war Chester!

Dresden also: Sein feiner nordischer Dialekt stammte aus Bremen, wo er Jahrzehnte lang gelebt hat. Geboren wurde Chester 1951 in den USA, wohin er immer wieder für kürzer oder länger zurückkehrte. Heimat aber sollte für ihn dort sein, wohin er seine prägende Kappe hängte. Er wollte Journalist werden und wurde es. Er wollte nicht länger nur über Kultur schreiben und machte Kultur. Als sich Deutschland 1989 an der Wende versuchte, steckte er im „bremer anzeiger“ fest. Im Feststecken jedoch war Chester nicht geübt. Als er 1992 nach Polen ging, um als Deutschlektor an einem Kolleg zu arbeiten, war es, als hätte er im Osten eine neue Lunge bekommen.

Was konnte man mit ihm, dem Westler, über den Osten reden! Wie neugierig er war! Wie respektierend, forschend, vorurteilsfrei! Sicherlich waren es vor allem diese Charakterzüge, die ihn hier ankommen ließen und gleichzeitig dafür sorgten, dass man in ihm nur mit bösen Absichten den „Wessi“ sah, der angetreten ist, um Vorurteile zu bedienen. In Dresden, wo sich gerade im Kulturbetrieb manch Einheimische auf besondere, manchmal entschieden absonderliche Weise ihrer Herkunft rühmen, war es nie leicht. Chester hat es geschafft.

Wer sagt, der damalige Kulturdezernent Jörg Stüdemann – ebenfalls in den Neunzigern aus dem Westen gekommen – hätte durch Wissen und Art die Kulturpolitik Dresdens geprägt, der muss gleich an zweiter Stelle Chester Mueller nennen als denjenigen, der mit Ideen und pragmatischem Verstand Kultur gelebt hat in dieser Stadt, ohne aus ihr zu stammen.

Irgendwann sagte Chester mit seiner so friedvollen dunklen Stimme, er gehe weg. Er kam bis in die Sächsische Schweiz … Sechs Jahre lang pumpte gerade er der legendären Brand-Baude ein neues (Über-)Leben ein, um ab 2012 in Hohnstein erneut Kulturmanager zu sein. Chester schickte Kasparek, den Kasper, über die Grenze. Nach Osten …

„Unser Großer Chester Mueller ist verstorben“, schreibt Derevos Anton Adassinsky gleich am Beginn seines Nachrufs. Groß ist nicht ohne Grund großgeschrieben. Und der Spruch, wonach man sich besser darüber freuen sollte, einen Gegangenen gekannt zu haben, statt über den Verlust zu klagen, wird sicher auch für Chester stimmen. Irgendwann. Heute noch nicht. Heute obsiegt noch dieses dumpfe „war“.

Von Andreas Körner

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