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Charme und Morbidität: Fotografie von Marianne Dextor im Kunstfoyer des Kulturrathauses Dresden

Charme und Morbidität: Fotografie von Marianne Dextor im Kunstfoyer des Kulturrathauses Dresden

Wo die natürlichen Grenzen der Malerei beginnen, fängt die Dresdner Künstlerin Marianne Dextor zu fotografieren an. Die Künstlerin sucht immer nach neuen Wegen, um sich auszudrücken, integriert Beobachtungsgabe und Sinn für Farbe, Licht und Form auf ihren Gängen durch die Stadt für ihre Motive mit der Kamera.

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Marianne Dextor. Aus der Serie Industriebrachen. 2011/2012.

Zufälle spielen dabei immer eine wichtige Rolle: Im April 2011 entdeckte sie bei ihren Streifzügen ein besonderes Areal mit entkernten und teils abgerissenen Gebäuden inmitten einer Industriebrache an der Leipziger Straße. Dort hielt sie neben dem Chaos des Verfalls auch Graffiti von Spraykünstlern mit der Kamera fest, die die beiden Hauptgebäude innen und außen schmücken und an den Ecken und Gängen, den Freiräumen zwischen Türen und Fenstern entlanggeführt werden. Zentrum sind dabei die Haupträume in den beiden oberen Etagen, in denen Arbeitsbänke, Hängevorrichtungen, Rohre, Spinnweben und Produktionsrückstände ein wirres Durcheinander bilden. Porzellanscherben, Schmutz und Abfälle liegen auf dem Boden, Vorsicht beim Gehen ist geboten.

Marianne Dextor arbeitet mit dem natürlichen Licht ohne Eingriffe und Manipulationen. Das macht den Reiz der Arbeiten aus. Lichteinfälle und Schattenbildungen werden so der optischen Wirklichkeit gerecht. Der Blick auf die Graffiti wirkt wie ein Sog, der die Aufmerksamkeit auf Schriftzüge und Figuren auf sich zieht. Es ist, als gäben die Malereien den Räumen etwas von ihrer Würde zurück, schmückten sie wie etwas Totes, als wären sie ein suburbanes nature morte. Aufnahmen im Gegenlicht auf die Wände zwischen den Fenstern geben den Blick auf Graffiti mit erotischen Spielen von Mann und Frau frei. Andere zeigen einen Chinesen, während draußen hinter dem Fenster zart herbstlich oder frühlingshaft geschmückte Bäume wie eine chinesische Rolltapete erscheinen. Die Handhabung der kleinen, kompakten Digitalkamera Canon G11 forderten von der Künstlerin einige Einarbeitung. Über einen Zeitraum von zwei Jahren machte sich die Künstlerin im Areal mit dem Gegenstand vertraut.

In der Ausstellung im Kunstfoyer des Kulturrathauses zeigt Marianne Dextor 28 ausgewählte Fotografien mit Motiven der Industriebrache, mit den Haupträumen auf der Stirnseite der Ruine. Ihre Herangehensweise war dabei ohne intellektuelles Kalkül. Alles ist so, wie es das Bild zeigt. So entstehen dunklere, weniger ausgeleuchtete Bildräume, während andere den Einfall des Lichts zelebrieren, das geheimnisvoll wie ein Zauberreich Architektur, Farbe und Formen überscharf sichtbar macht. Dabei wirken gusseiserne Säulen und Hängevorrichtungen mit zerstörten Türen und Fenstern zusammen, bald bildet ein Rohr eine Diagonale, bald ist der Fußboden mit Bruchporzellan übersät, dessen feine sinnliche Materialität spürbar wird. Unschärfen werden durch die Verwendung eines Statives vermieden.

Über allem wölbt sich eine preußische Kappendecke aus dem 19. Jahrhundert. Die Konfrontation von Verfall und Graffiti führt zu einer ganz eigenen Poesie, die Marianne Dextor sichtbar macht. Immer aber spürt man den wachen Blick der Malerin, die von den Dingen fasziniert ist und sich für das auf ihren Oberflächen spielende Licht begeistert. Dabei wirken Charme und Morbidität von Natur und dem von Menschenhand Geschaffenen zusammen und ergeben einen ganz eigenen Blickwinkel auf sie, der die schöne, aber ephemere Graffitikunst mit dem Grauen vor dem Chaos des Zerstörten versöhnt.

bis 18. Januar. Kunstfoyer im Kulturrathaus, Königstraße 15. Tel. 0351/488 89 33, Mo-Do 9-18 Uhr, Fr 9-17 Uhr

www.dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.01.2013

Heinz Weißflog

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