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Carolin Kebekus rockte

Selbst ist die Frau Carolin Kebekus rockte

Selbst ist die Frau – Die Kultstatus genießende Kölner Comedienne Carolin Kebekus rockte als „AlphaPussy“ die seit Monaten ausverkaufte Dresdner Messehalle.

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Carolin Kebekus

Quelle: Andre Kempner

Dresden. „Ein Teil meiner Antwort würde die Öffentlichkeit verunsichern“, erklärte 2015 Innenminister de Maizière bekanntlich, als er nach dem Grund für die Absage des Länderspiels gegen die Niederlande in Hannover gefragt wurde. Nun konnte kaum eine Antwort die Öffentlichkeit mehr verunsichern als diese, aber für Leute mit Sinn für Humor war sie eine Steilvorlage. Auch Carolin Kebekus war entzückt. Die Kölner Comedienne hat sich den Satz zu eigen gemacht, übernimmt ihn bei einer (un)passenden Gelegenheit, lässt etwa einen Polizisten, der sie bei einer Verkehrskontrolle fragt, ob sie was getrunken habe, kokett wissen: „Ein Teil meiner Antwort würde Sie verunsichern.“ Und ein Mann, der sie nach einer lauen Nacht partout wissen will, wie er denn so war im Bett, erhält keine Haltungsnoten, sondern muss -- wer blöd fragt, muss mit galligen Antworten rechnen – den Satz „Ein Teil meiner Antwort würde Dich verunsichern“ verdauen.

Carolin Kebekus, die in der seit langem ausverkauften Dresdner Messe ihr Programm „AlphaPussy“ vorstellte, arbeitete sich pointensicher durch ihre Themen, von Terrorangst über übercoole Eltern bis zu bescheuerten Trends. Und regelrecht erschrocken ist sie, „dass junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, Schlager hören. Das Revival des Schlagers ist für Kebekus der Supergau, es macht ihr schwer zu schaffen, dass die Jugend eine ganz eigene Form der Rebellion gefunden hat: mit atemloser Spießigkeit durch die Nacht. „Wirf dein Leben doch nicht einfach so weg“, redet sie einer jungen Zuschauerin ins Gewissen, um dann zu fragen: „Was ist mit Drogen?“

Die Droge, zu der Kebekus vorzugsweise greift, ist Bier. Blöd nur, dass sie Alk nicht mehr so gut verträgt wie früher, ihr der Kater (für Feministinnen: die Katze) schwer zu schaffen macht, wenn sie mal wieder sauftechnisch über die Stränge geschlagen hat. Entsprechend ihr verbindlich-„vorbildlicher“ Ratschlag an die jüngeren Semester im Saal: „Füllt euch so ab, wie’s nur geht, später geht’s nicht mehr.“ Dem Smoothie-Kult, bei dem die ganze Nahrung püriert werden muss, obwohl man doch eigentlich Zähne hat, frönt sie jedenfalls nicht, es sei denn, es läuft auf ein Hopfen-Smoothie hinaus.

Kebekus, die gegenüber Veganern auf ihrem Grundrecht auf Leberwurstschnitten besteht und schon mal in einem Interview einräumte, dass sie es schön findet, wenn man ihr bescheinigt, auf intelligente Art asozial zu sein, knöpft sich natürlich die Kerle vor, führt mit schneidender Selbstironie aber auch die Damenwelt diesseits der 30 an den blondierten Extensions durch die Manege. Die Botschaft ist klar: He Mädels, hallo Frauen, lasst euch nicht vorschreiben, schon gar nicht vom Trash-TV oder den „Bullshit-Tutorials“ auf Youtube, was ihr zu essen und anzuziehen habt, wie ihr ausseht und wie ihr euch gebt. Hechelt nicht falschen Schönheitsidealen hinterher, sondern seid selbstbestimmt und selbstbewusst! Kebekus wünscht sich mehr Alpha-Pussys, Frauen, die sich nichts von „Selber schuld“ und „einer Armlänge Abstand“ einreden lassen und getreu der Devise „Mehr Eier“ handeln. Was der Comedienne so richtig gegen den Strich geht: Das „geschlechtsspezifische Lohngefälle“, dass Frauen hierzulande im Schnitt Prozent 23 Prozent weniger verdienen als Männer. Kerlen, die rum- und runterrechnen, faseln, dass es nur sieben seien, entgegnet sie: „Wenn mir eine Taube auf den Kopf kackt, freue ich mich ja auch nicht, dass es kein Albatros war.“

Und es stößt sie immer noch sauer auf, dass es erst der Silvesternacht von Köln bedurfte, dass das deutsche Sexualstrafrecht reformiert wurde, das noch bis zum Juli vergangenen Jahres galt: „Dein iPhone besser geschützt als dein Arsch.“ Ja, die Lederrock tragende und sich die Fingernägel lackierende Kebekus versteht sich durchaus als Feministin, nur versteht sie den Feminismus ganz anders als Schwarzer & Co., und schon gar nichts zu tun haben will sie mit den Spacken von der AfD oder auch den Hell Angels, die der Kölner Sexmob plötzlich wie scheinheilig zu Frauenrechtlern mutieren ließ.

Sehr kritisch fällt auch Kebekus’ Blick auf die virtuelle Welt mit ihren Klick-Orgien aus. „Youtube hat mein Leben zerstört“, ihr Gehirn sei mittlerweile verkümmert, abgestumpft, ihre Aufmerksamkeitsspanne liege inzwischen nur noch „bei 1:30“, schon fünf Sekunden Werbung seien ihr zu langweilig: „Ich hab schon mal versucht, jemanden durchs Gesicht zu wischen.“

Immer wieder geht Kebekus unter die Gürtellinie, ist derb, frech, unkorrekt. Das ist ihr Markenzeichen – dafür, und für die derb-prollige Art natürlich, wird sie geliebt und gehasst. Es mag die Gefahr drohen, dass Kebekus noch als „Hells Granny“ endet, zu einer jener Rocker-Omas mutiert, wie sie in einem Sketch der Komiker-Truppe Monty Python die Straßen unsicher machen. Ein bisschen dünkelhaft-spießig wirkt es auf alle Fälle, wie die gerade mal 36 Jahre alte Komikerin die eigene Jugend verklärt und ihr einstiges exzessives Party-Leben inklusive Musikgeschmack zum Maß aller Dinge erhebt. Aber im Gegensatz vielen anderen weiß Kebekus sogar unter der Gürtellinie Wahrheiten zu finden, die auszusprechen, Gebot der Stunde ist. Am Ende, nachdem sie ordentlich nach vielen Seiten hin ausgeteilt hatte, räumte sie ein, „viele schlimme Sachen gesagt“ zu haben, ließ umgehend aber auch frank und frei wissen: „Ich habe sie auch alle so gemeint.“

Von Christian Ruf

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