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Bürgertheater nach Handke auf dem Theaterplatz

Theaterpremiere in Dresden Bürgertheater nach Handke auf dem Theaterplatz

Die „Theaterplatzbespielung mit Dresdner Bürgern“ darf durchaus als Rückeroberung dieses Platzes durch Kunst und Kultur verstanden werden. Peter Handkes Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ bot eine großartige Grundlage dafür. Mit der Wiener Uraufführung von 1992 konnte sich die Dresdner Bürgerbühnen-Fassung dennoch nicht messen.

Szene mit Hansruedi Humm und Ensemble
 

Quelle: Klaus Gigga

Dresden.  Schlag acht kommt der Henker. Das ist so ziemlich die Halbzeit der „Stunde da wir nichts voneinander wußten“, deren Titel tatsächlich schon bei Peter Handke ohne Komma (aber noch mit ß) geschrieben steht. Der hat seine Regieanweisungen zu diesem undramatischen Drama 1992 veröffentlicht, im selben Jahr wurde das Stück von Claus Peymann am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Seitdem gab es eine ganze Reihe von Deutungen dieser Wortlosigkeit, deren Spieldauer zwischen einer und mehr als zwei Stunden variiert.

Dresden hat sich mit der Minimalvariante beschieden, dafür aber rund 120 Menschen aufgeboten, deren „Theaterplatzbespielung“ den Platz vor der Semperoper wieder zu seinem Recht kommen ließen und ihn theatralisch belebten. Ein Stück ohne Worte, lebendige Körper als ureigenste Theatermittel und die Bühne als Hauptdarsteller „Theater-Platz“ – was für eine Herausforderung! Das alles vor der prachtvollen Kulisse von Chiaveris Barock im späten Sonnenlicht – was für eine Chance!

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Für Peter Handkes Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ zog das Staatsschauspiel auf den Theaterplatz um.

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Aber ach, hätte man doch Handke vertraut und wirklich auf Worte verzichtet. Hätte man das „Lügenpresse“-Schlag-Wort und „Ich, ich“-Gestammel gelassen, das Resultat wäre größer geworden. So aber wirken die in zahllose Figuren geschlüpften Selbstdarsteller der Bürgerbühne gestelzt, wird ein Möchtegern-Theater zelebriert, das sich allzu oft selbst im Wege steht. Schon die Eröffnung ist wenig sinnlich, muss erst mühsam zwischen Publikum, Darstellern und Passanten geschieden werden. Kaum kommt „Die Stunde“ ins Fließen, wirken die Menschengruppen reichlich gescheucht, scheint der theatralische Anspruch stark unterschätzt, werden enorme Fallhöhen und Differenzen der spielerischen Ausdrucksmöglichkeiten unübersehbar.

Da huschen Schau-Spieler übers Pflaster, deren Spiel teils wirklich nur Schau zu sein scheint und mit dem Stück nicht viel zu tun hat. Gruppengymnastik mischt sich mit Persönlichkeiten wie einem Clown, einem Angler, einem Greis, lebhafte Drachenläufer stehen im Kontrast zu Schablonen von Feuerwehrleuten, Stewardessen und einer Politesse, zu Schattenboxern und Straßenkehrern. Erst vermeintliche Originale wie eine Pilzsammlerin, zwei Ladies in Rot, ein Teppichträger, eine verzweifelte Kellnerin, später auch eine Nonne auf einem Gebetsteppich, ein siecher Moses mit Gesetzestafeln sowie wiedererkennbare Figuren der Zeitgeschichte machen das Allgemeingut konkret. Wer mag, kann bis dahin ein wenig Zeitkritik konstatieren, weggeworfene Kaffeebecher und Zeitungsseiten etwa, dröhnender Motorradlärm, einen Handtaschenräuber und die in ein Schattendasein gedrängten Flüchtlingsfamilien. Für etwas Witz sorgen Letztere, wenn sie einer AfD-Kopie helfen, die unhandlichen Propagandafahnen wieder aufzusammeln.

Das es dem Regieteam um Uli Jäckle, Elena Anatolevna (Kostüme) und David Benjamin Brückel (Dramaturgie) Spaß gemacht hat, der kollektiven Fantasie freien Lauf zu lassen und schräge Figuren zu entwickeln, ist unübersehbar. Alte Damen stolzieren da eben nicht nur mit ihren Einkaufswägelchen übers Trottoir, sondern auch mal mit Eisenbahnspielzeug. Tierisch wird es, wenn ein Hahn kräht, Tauben aufsteigen und ein Elefant übers Pflaster rollt. Handke-Verweise gibt es mit lautem Sturm, einem Schiff und Spaziergängen. Rätselhafte Momente wechseln mit Slapstick und versuchtem Publikumskontakt. Viel zu oft aber wirkt die Komik aufgesetzt und die Dramaturgie beliebig.

Direkte Bezüge gibt es freilich auch zu einem früheren Namen dieses oft missbrauchten Platzes, wenn nämlich Claudius von Stolzmann mit Deutschem Schäferhund als Hitler auftritt und schließlich gestenreich vor einem Mikrofon verstummt, wo der einstige Verführer tatsächlich zu „seinen Sachsen“ sprach.

„Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ ist absichtlich ein wortloses Stück – wozu das brutale Stottern aus dem Lautsprecher? Der in Dresden bis heute unvermeidliche August und die lächerlichen Luther-Figuren – geschenkt. Dynamo-Bezüge und ein nur an der Tolle erkennbarer Elvis-Darsteller – dito. Warum aber kein Apfel? Während Peter Handkes Affinität zu Pilzen so im Vordergrund steht, wird seine beinahe leidenschaftliche Liebe zu diesem anspielungsreichen Obst schlicht ignoriert. Unfreiwillig entlarvend tönt ein „Bissel halbherzig“ aus der Konserve.

Mitunter scheint just das Theatralische unterschätzt worden zu sein, ausgerechnet auf dem Theaterplatz. Dabei sind den Machern an anderer Stelle so schöne Bilder voller Poesie gelungen, etwa ein Fahrradkorso, der die Spielfläche umschließt, oder „gefrorene“ Szenen, in denen ein Innehalten überspringt und das Publikum wahrhaft mit einbezieht. Manchmal genügen auch kleine artistische Einlagen – Seifenblasen etwa und Akrobaten –, um die langatmig bis beliebig geratenen Szenen aufzubrechen.

In Handkes Stück geht es um die Darstellung des Skurrilen im Alltag, gewiss auch um die Wechselbäder der menschlichen Begegnungen – aber eben nicht um die Alltäglichkeit des Austauschbaren. Das wäre nah am Verrat dieses Stückes.

Diese widersprüchlichen Wahrnehmungen schmälern jedoch keineswegs den hingabevollen Einsatz der vielen Kinder, Frauen und Männer, die sich für lediglich sechs Vorstellungen in diese Handke-Welt hineinbegeben haben.

Termine: 16., 17., 18., 19. Juni

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Ernst

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