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Regional „BürgerSingStunde“ will den Dresdner ein Wir-Gefühl in Verschiedenheit vermitteln
Nachrichten Kultur Regional „BürgerSingStunde“ will den Dresdner ein Wir-Gefühl in Verschiedenheit vermitteln
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22:00 07.09.2017
Der Austragungsort für die BürgerSingStunde: der Lichthof im Albertinum. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

BürgerSingStunde? Könnte es sich um ein ähnliches Angebot handeln wie das der „Mitsingzentrale“ der Dresdner Scheune mit ihrem „betreuten Singen“? Die Richtung stimmt tatsächlich, aber der Begriff muss erklärt werden. Olaf Katzer vom Ensemble Auditivvokal tut es. Man wolle „verbindende Elemente“ in unserer immer konfrontativer erscheinenden Gesellschaft schaffen. „Unsere Streitkultur hat noch Reserven“, sagt der Leiter des sich der zeitgenössischen Vokalmusik verschreibenden Ensembles. Eric Hattke vom Verein „Atticus“ nimmt die Wendung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wörtlich, „den Vielklang der Stimmen in unserer Demokratie hörbar zu machen“. Man wolle über das gemeinsame Singen „kulturvoll Menschen erreichen, die bisher nicht zu erreichen waren“, ergänzt Schirmherrin und Kunstministerin Eva-Maria Stange und spricht von einer Gesellschaft, die in „Unmenschlichkeit“ abzugleiten drohe.

„Vox populi?! – Der Klang der Demokratie“ ist das Programmheft folgerichtig überschrieben. Am kommenden Mittwoch, 19.30 Uhr, wird also im Lichthof des Dresdner Albertinums ein neues interaktives Format erprobt, das auch die Veranstalter nicht durchplanen können und wollen. Es verbindet konzertante Teile mit Liedern zum Mitsingen. Spätere verbale Dialoge nicht ausgeschlossen. Geschickt werden die Förderung des Zugangs zur Gegenwartsmusik, die verbindende Kraft des Singens und demokratiefördernde Ambitionen miteinander verknüpft. Die Idee geht zurück auf eine Anregung des Deutschen Chorverbandes und wurde zugleich von der Verrohung der politischen Auseinandersetzung online und auf der Straße inspiriert. „Vorsingen“ werden die 24 Sänger von Auditivvokal, das seit 2007 besteht, der Freie Chor Dresden und das Junge Ensemble der Singakademie Dresden.

Die zwölf Uraufführungen, die sie präsentieren werden, versprechen durchweg Brisanz. Peter Motzkus, Dramaturg bei Auditivvokal, beginnt gleich mit einem demokratischen Akt der Programmmitgestaltung durch das aktive Publikum. Agnes Ponizil, Leiterin des Freien Chores, vertont Text über die Würde des Menschen, Richard Röbel sinniert in „Mit-Be-Stimmung“ über Individual- und Massenklang. Für das „Megaphon“ von Christian Kesten sind Leser und Besucher aufgefordert, unter der Mailadresse buergersingstunde@auditivvokal.de Botschaften zuzusenden, die aktuell einbezogen werden sollen. Brechts Hitler-Choräle hatte Gerhard Stäbler schon für die Bundestagswahl 1980 vertont, 1983 wurden sie uraufgeführt.

Brecht ist auch mit seiner Kinderhymne „Anmut sparet nicht noch Mühe“ vertreten, die mancher 1990 gern als neue gesamtdeutsche Hymne gehört hätte. Wie sie mit der Bechers DDR-Hymne und dem Lied der Deutschen verwoben werden wird, stimmt neugierig. Die Volkslieder „In den Kerkern saßen“ und „Die Gedanken sind frei“ laden zum Mitsingen ein. Dieses Mitsingen soll aber nicht jene „künstliche Wärme“ und „kollektive Selbstzufriedenheit“ bedienen, gegen die schon der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno Misstrauen entwickelte. Olaf Katzer hat dazu einen lesenswerten Essay im Programmheft verfasst. Man wolle nicht um jeden Preis eine harmonische Atmosphäre beschwören, antwortet er auf Nachfrage. Man wolle „die Auseinandersetzung wagen und trotzdem ein Wir-Gefühl in Heterogenität und Disparität befördern“.

Einzelne Werke des Programms werden schon am bevorstehenden Wochenende zum Chorfest Meißen zu hören sein. Zuletzt die schlechte Nachricht: Weder das angefragte Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen“ noch das Dresdner „Lokale Handlungsprogramm Demokratie“ hielten die BürgerSingStunde für förderwürdig.

Mittwoch 13.9.17 19.30 Uhr im Lichthof des Dresdner Albertinums

Von Michael Bartsch

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