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Bruno Preisendörfer hat zum 250. in das "ungeschützte Leben" Johann Gottfried Seumes geschaut

Bruno Preisendörfer hat zum 250. in das "ungeschützte Leben" Johann Gottfried Seumes geschaut

Was für ein Leben! Johann Gottfried Seume (1763-1810), heute vor 250 Jahren in Kursachsen geboren, war Sohn eines Landmannes, wurde aber als kluges Kind gefördert.

So konnte er in Leipzig Theologie studieren und seiner Theaterliebe frönen. Aber Seume war mittellos, ständig auf Stipendien angewiesen, nicht unterwürfig gegenüber seinen Förderern, die er vergraulte. Ein eigensinniger Charakter, ein Kämpfer, der sich durchbiss. Davon erzählte er und avancierte, nur anderthalb Meter klein, kurzsichtig, ein knorriger Zwerg mit hochfliegenden Ambitionen, zu einem Pionier der Aufklärung und außergewöhnlichen Journalisten. Seume lebte intensiv, er wurde nur 47 Jahre alt.

Der in Berlin lebende Publizist Bruno Preisendörfer, 55, beschreibt in seiner Biographie Seume als asketischen Typ. Manchmal hat er aber eine falsche Weggabelung gewählt, so 1781, als er auf dem Wanderweg nach Paris war und in der Rhön von Soldatengreifern in Haft genommen wurde. Sie verschifften den hessisch zwangsrekrutierten Söldner nach Amerika. Dorthin zu kommen, das hätte er sich anders vorgestellt. Aber Seume hat meist aus dem etwas zu machen gewusst, was ihm in den Weg gelegt wurde. "Geschichtet und gepökelt wie die Heringe" gehörte der kleine Zähe zu den 27 von 500 Soldaten, die nach einer von Hunger und Durst gepeinigten, sturmgepeitschten Überfahrt in Halifax lebendig aus dem Schiffsbauch krochen. In den argen Umständen hatte er Vergil und andere Klassiker gelesen, musste dann auf Seiten der Engländer gegen die Franzosen kämpfen, aber weil der Krieg schon vorbei war, ging es wieder zurück nach Deutschland. Seume desertiert, aber preußische Werber schnappen ihn sich. Er desertiert ein zweites Mal, wird wieder gefasst und im Kerker zum Dichter - er schreibt Verse an die Wand. Ein schöngeistiger Gefängnisaufseher kommt mit ihm ins Gespräch, Seume wird begnadigt. Doch der Freiheitsliebende riskiert ein drittes Mal die Flucht.

Das hätte sein Ende sein können, denn er war fällig für den Spießrutenlauf. Doch Seume wird zu einmonatiger Haft begnadigt, und ein Unbekannter zahlt für ihn eine Kaution, so dass er frei wird. Er kehrt nach Leipzig zurück, wird Magister, promoviert, übersetzt und verdient seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer. Aber er bleibt umtriebig, gerät 1794 in Warschau in den Aufstand gegen die russischen Besatzer und schreibt von der Front "Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen", so packend geschildert, dass seine Schrift Aufmerksamkeit erlangt und er auf einmal anerkannter Autor ist. Allein die Schilderung seiner Todesangst, als er sich auf einem Speicher drei Tage ohne Nahrung versteckt und marodierenden Plünderern nur knapp entgeht, ist ein grusliges Leseerlebnis.

Zurück in Sachsen, arbeitet er in Grimma als Korrektor für den berühmten Verleger Göschen, gerät jedoch mit dem pingeligen Kommasetzer Klopstock über Kreuz und muss auch noch zusehen, wie die Frau, auf die er es abgesehen hat, einen anderen ehelicht. Jetzt ist Seume furchtlos und traut sich ins banditenverseuchte Italien. Zwei Mal das Messer am Hals überlebt er, sein "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" ist das erste große Werk deutscher Reiseliteratur. Ihm folgen "Mein Sommer 1805", ein Bericht über seine Umrundung der Ostsee auf dem Landweg als erster Europäer, und - unvollendet - "Mein Leben", autobiografische Notizen mit Erkenntnissen, die noch heute von Nutzen sind.

Häufig ist Seume auch in Dresden gewesen, wo er u.a. im Haus des Historien- und Portraitmalers Gerhard von Kügelgen verkehrte, der 1806 Seume portraitierte.

Er ist stolz darauf, anders als die saufenden und hurenden Fürsten und andere Höhergestellte, den Mut aufgebracht zu haben, "eine eigene Persönlichkeit" zu entwickeln. Er lobt das Gehen: "Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste im Manne". Und er war, wie sein Biograph Preisendörfer sagt, "ein Brückenmensch zwischen der alten und der neuen Welt...Er rebellierte gegen die Privilegien des Adels", die er nicht als gottgewollt hinnahm. Ein Intellektueller, sogar klassenkampfbereit und damit seiner Zeit voraus. Dennoch ein kantiger Einzelgänger. Preisendörfer: "Je näher man ihm kommt, desto weiter läuft er einem davon." Er beschreibt das Leben von Johann Gottlieb Seume nicht chronologisch, sondern in konzentrischen Kreisen - als Abenteuer und Selbstfindung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2013

Roland Mischke

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Von Redakteur Roland Mischke

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