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Regional Brigitte Bretschneider in der Städtischen Galerie Dresden
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18:15 08.08.2017
Brigitte Bretschneider: Paradiesgarten, um 1957, Applikation, Stickerei. Quelle: Franz Zadnicek
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Dresden

Wir leben in einer rastlosen Zeit der Termine, in der Effizienz häufig unseren Alltag bestimmt. Da fällt das Arbeiten in Textil, das Sticken zumal, aus der Zeit. Stich für Stich will gesetzt sein in einer repetitiven, langsamen und detailgenauen Arbeitsweise, die technisches Können, Ruhe und Konzentration erfordert.

Die fast 92-jährige Meißnerin Brigitte Bretschneider fertigt seit 70 Jahren Stickereien und Applikationen. Die textilen Kostbarkeiten waren bislang kaum zu sehen. Momentan bietet die Städtischen Galerie Dresden Gelegenheit, die Nadelmalerei dieser Künstlerin zu entdecken.

Bretschneider ist eine leidenschaftliche Handwerkerin, die mit dem textilen Material in einem inneren Dialog steht. Die Nähe zu Stoff und Faden, die haptische Erfahrung des Anfassens und Fühlens, das körpernahe Tun ist nicht Mittel oder Werkzeug, sondern Lebenssprache. Nichts daran ist Attitüde oder schielt nach Anerkennung. Im Gegenteil: Die ungewöhnlich intensiven Werke sind aus innerer Notwendigkeit, in Zurückhaltung und Genügsamkeit langsam gewachsen, zeigen Ehrfurcht und tiefe Religiosität vor dem Leben: Pflanzen, Tiere, Menschen und Engel bevölkern ihre textile Welt.

Das Œuvre von Brigitte Bretschneider begann in den Nachkriegsjahren 1946 bis 1948 mit dunklen Szenen, in denen sie dem Gefühl des Verlorenseins und der Angst eindrucksvoll Ausdruck verlieh. Auf schwarzen Untergründen hielt sie den verlorenen Sohn, Judas und andere geschundene Gestalten aus der Bibel szenisch fest. Im Zentrum steht die Erfahrung menschlicher Grenzsituationen: Der Betrachter ist mit den Fragen des Lebens konfrontiert – mit Dunkelheit und Licht, Anfechtung und Zustimmung, Sehnsucht und Erfüllung. In ihrem Verzicht auf Zerstreuung und ihrer kontemplativen Innenschau kommen diese Kunstwerke Meditationsbildern nah.

Aus der „schwarzen Phase“ zeigt die Städtische Galerie sieben eindrucksvolle Werke, darunter die auf den ersten Blick unscheinbare Arbeit „Hände“ von 1947/48: zwei nur angedeutete, skizzenhaft frei gearbeitete Hände, die in goldenen Fäden wie mit einem Stift gezeichnet scheinen. In Wirklichkeit werden die frei geführten Garne durch kleinste Stiche am Ort gehalten, die in verschiedenen Abständen darüber gesetzt sind. Winzig, kaum sichtbar sind diese sogenannten Überfang- oder Fixierstiche.

Den versierten Umgang mit Textilien hatte Brigitte Bretschneider von 1941 bis 1944 an der Dresdner Staatlichen Meisterschule des deutschen Handwerks in der Abteilung für textiles Kunsthandwerk von der Pike auf gelernt. Kriegsbedingt musste sie ihr Studium jedoch unterbrechen. 1947 nahm sie das Studium für ein Jahr noch einmal kurz auf, bevor sie es abbrach und ins elterliche Tapezierer-Gewerbe einstieg. Genau in dieser Lebenslage, mit 32 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer dunklen Phase, nahm Bretschneider für etwa zehn Jahre Abstand vom künstlerischen Arbeiten.

Brigitte Bretschneider: Der verlorene Sohn, 1947, Applikation, Stickere Quelle: Franz Zadnicek

Erst mit dem prächtigen „Paradiesgarten“ wurde sie um 1957 wieder künstlerisch aktiv und setzte den früheren Dunkelheiten lichtdurchflutete Arbeiten entgegen. Offenbar kann die auf die Hände konzentrierte Tätigkeit heilende Wirkung entfalten: In majestätisches Rot gekleidet steht, mit geneigtem Haupt, eine Dame unter einem Baum. Pflanzen und Blumen in verschiedenen Größen umgeben die einsame Gestalt. Sie wird von blauen Feldern hinterfangen. Dieser blaue Hintergrund isoliert die Figur von ihrer Umwelt. Sie scheint nicht zu ahnen, welch grüne Wunderwelt sie außerhalb des Blaus umgibt.

Das Werk markiert einen Wendepunkt im Leben der Künstlerin und steht deshalb in der Ausstellung zentral. Die Verheißung des Engels, der sich der rot gekleideten Dame im „Paradiesgarten“ so überaus vorsichtig nähert, wird zum Sinnbild einer Lebenssituation. Die stille Szene, die sich dort abspiele, sei wie die erste Liebe, sagte Brigitte Bretschneider in einem Gespräch: Die Welt würde anders, durch die Liebe verwandele sie sich. Hier bringt der göttliche Liebesbote üppig wachsende Blumen und Blüten mit sich. Jede Pflanze ist anders geformt und ausgestaltet als die andere. Mal sind die Blüten und Blätter im Plattstich gestickt; dicht an dicht sind die Fäden dann aneinandergereiht, häufig sogar mit einem Wechsel der Farbe kombiniert, sodass es aussieht, als falle Licht darauf. Dass man die Blumen erkennen kann – von der Tulpe bis zur Schwertlilie –, verdankt sich den Vorzeichnungen, die die Künstlerin vorab angefertigt hatte.

Bretschneiders künstlerische Lebensleistung ist neben ihrem Beruf als Tapezierer und Dekorateur entstanden – einer körperlich anstrengenden Tätigkeit. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1975 hatte sie das elterliche Geschäft 16 Jahre lang als Meister allein weitergeführt. Erst seit 1992, seit sie im Ruhestand ist, kann sie sich ganz ihren Werken widmen, die in ihrem Grundanliegen gar nicht für andere Augen gemacht sind. Stattdessen steht das Private, die eigene Lebensgeschichte und Empfindung im Mittelpunkt der Arbeiten. Beispielsweise hat Brigitte Bretschneider den weinroten Stoff des Frauengewandes im „Paradiesgarten“ dem Verlobungskleid ihrer Mutter entnommen; ein Stoff, den die Künstlerin über viele Jahrzehnte gehütet und nur stückchenweise verarbeitet hat.

In ihrem zurückhaltenden Wesen ist Brigitte Bretschneider bislang mit ihren Werken nur selten in die Öffentlichkeit getreten. Umso dankbarer kann sich die Städtische Galerie Dresden zeigen, 19 hochwertige Applikationen und Stickereien von der Künstlerin in diesem Jahr geschenkt bekommen zu haben. Sie umfassen die Jahre 1946 bis 2015 – ein Lebenswerk. In der Ausstellung werden die Textilien auf Goldgründen präsentiert, womit die Tradition des Mittelalters, der Ikonen und illustrierten Handschriften aufgenommen wird, wo sie als transzendentes Himmelszeichen, als Erscheinung des Heiligen fungierten: Sie entrücken die Werke ins Zeitlose.

*Die Autorin Dr. Carolin Quermann ist Kustodin für Grafik und Skulptur an der Städtischen Galerie Dresden und Kuratorin der Ausstellung.

bis 15. Oktober, Ort: Projektraum Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2 Veranstaltung: Dienstag, 5. September, 19 Uhr, Musik und Literatur: „Engel sind dienstbare Geister“ – mit Pfarrer Uwe Haubold (Sankt Afra Meißen), Dr. Kerstin Schimmel (Evangelische Akademie Meißen) und Dr. Carolin Quermann (Städtische Galerie Dresden). Die Künstlerin wird anwesend sein. Der Eintritt ist frei.

Von Carolin Quermann

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