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Regional Bodo Wartke in Dresden - Der Kavalier am Klavier
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14:14 19.11.2017
Bodo Wartke.   Quelle: Fotografin: Nele Martensen
Dresden

Frau Dr. Wartke kann aufatmen – aus dem Jungen ist ja doch noch was geworden! Nicht ohne Genugtuung erzählt der Klavierkabarettist Bodo Wartke bei seinem ausverkauften Gastspiel im Alten Schlachthof am Donnerstagabend, wie seine Mutter dereinst nach dem zweiten (!) Studienabbruch des Sohnemanns die Hände gerungen und ihn angehalten hat, doch bitte nicht gleich das Schlimmste zu tun und freischaffender Künstler zu werden – bis zu drogensüchtig und schwul könne es ja dann auch nicht mehr allzu weit sein. Wartke genießt diese Pointe sicherlich, denn der Erfolg spricht für den groß gewordenen Ärztespross. Tatsächlich feiert der blitzgescheite Komödiant mit den ausgefeilten Texten und den flinken Fingern an den Klaviertasten nun schon geraume Zeit Tournee-Erfolge, hat etliche „Achillesverse“ und „Klaviersdelikte“ aufs Publikum losgelassen und einen wahnwitzigen Ein-Mann-Ödipus frei nach Sophokles auf die Bühne gebracht. Und noch immer umgibt Wartke, der seit bald zwei Jahrzehnten singend und liedermachend aktiv ist, der Nimbus des Klassenprimus, der im Grunde sehr wohl im Einklang mit Mamas Idealbild spielt, nämlich vor allem, „um mit dem Jungen vor den Nachbarn anzugeben“.

„Was, wenn doch?“ heißt Wartkes aktuelles Programm, das sich in bewährter Manier an Liebes- und Gefühlsbelangen abarbeitet und wie gewohnt seine phänomenalen Fähigkeiten als Texter und Komponist zur Geltung bringt. Seinem Studienabbruchstrauma wirft er ein auf Bachs tückisches c-Moll-Präludium gesungenes Lied über den Fluch der Pianisten (die Sehnenscheidenentzündung) nach; ein betörender Blues tritt den Beweis an, dass sich Erotik und Witz nicht ausschließen müssen und dass der Verführung erst dann Genüge getan ist, wenn sich auf den Blues auch Rendezvous, Dessous und Penélope Cruz gereimt haben.

Bodo Wartke Quelle: Fotografin: Nele Martensen

Nach der Pause schlägt Wartke neue Töne an und arbeitet mit dem Publikum sein persönliches Operntrauma durch, das ihn den grausigen Schikaneder-Text zur „Zauberflöte“ verbessern und Mozarts Musik in Richtung Queen und Prince weiterdenken lässt. Schließlich gedimmtes Licht für einen unerwartet ernsten Gesang: Wartke formuliert Gedanken zum Zeitgeist. Dass er auch noch im Genre der Ballade mit sozialem Gewissen den Übererfüller gibt, tut seinem Anliegen nicht durchweg wohl, denn der Sprung von gewitzten Kaffeehausliedchen über traurige Clowns, das Liebes-ABC und Kommunikationsprobleme zwischen den Geschlechtern, hin zum „Land, in dem ich leben möchte“, ist ein gewagter. Dieses gesungene Bekenntnis, von Wartke anlässlich der letzten Bundestagswahl veröffentlicht, ist die gut gemeinte Hausaufgabe eines Tausendsassas, der im Bemühen, Kritik an Machtmissbrauch, Glaubenskrieg, Finanzkapitalismus und Kindesmisshandlung unter einen Hut zu bringen, einen derartigen Betroffenheitsbrei anrührt, dass das Ergebnis eher klingt wie die von rechts kommende Persiflage einer Konstantin-Wecker-Ballade. Wartkes nachvollziehbare Kritik am Sexismus und der Marginalisierung von LGBT-Menschen nähme sich zudem glaubwürdiger aus, wenn sie nicht von schenkelklopfenden Gesängen darüber flankiert wäre, weshalb Männer und Frauen partout nicht zueinander passen, und wenn seine fabelhaft musizierende, u.a. mit Tanz- und Slapstickeinlagen glänzende Bühnenpartnerin Melanie Haupt nicht bei jedem ihrer Auftritte zum Kostümwechsel verdonnert wäre.

Spätestens beim Zugabenblock ist der Star des Abends allerdings wieder obenauf und gibt zum Niederknien komische und umwerfend dargebotene Kabinettstückchen mit doppeltem Boden. Sein Gangster-Rap über die allgemeine Insektenplage, der ganz beiläufig mehr über kleinbürgerliche Genozid-Fantasien enthüllt als seine betont seriös vorgetragenen Utopien, wird ebenso frenetisch gefeiert wie das als vorsätzliche Kitsch-Bombe gezündete, von Wartke pragmatisch simultanübersetzte französische Chanson, zu dem sich Melanie Haupt am Flügel windet wie Michelle Pfeiffer in den „Fabelhaften Baker Boys“, und noch den begeisterten Applaus verwertet Wartke zu einer weiteren Kapriole, wenn er das rhythmische Klatschen des Publikums für einen Gesang über die deutsche Unfähigkeit verwertet, auf den zweiten und vierten Schlag zu empfinden.

Demnächst taucht Wartke wieder in die Mythologie ein – eine Fortsetzung des Ödipus-Projekts steht auf dem Plan und wurde in Dresden bereits mit einer Kostprobe vorgestellt. Die Zwei-Personen-Fassung der „Antigone“, die im Juni im Schauspielhaus Station machen wird, verspricht Reimexzesse und schülerfreundliche Abitur-Nachhilfe mit viel Witz: „Theseus, spann den Faden an!“

Nächste Termine: „Antigone“ mit Bodo Wartke und Melanie Haupt am 12., 13. und 14. Juni 2018 im Staatsschauspiel Dresden

Von Wieland Schwanebeck

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