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Regional „Bilderstreit mit Blickkontakt“im Dresdner Albertinum
Nachrichten Kultur Regional „Bilderstreit mit Blickkontakt“im Dresdner Albertinum
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18:21 07.11.2017
Im Dresdner Albertinum traf man sich zum „Bilderstreit“ mit Blickkontakt Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

„Ich bin frei, ich kann mir alles erlauben“, meinte Moderator Thomas Bille (MDR Kultur) eingangs – doch nahm sich am Abend im Lichthof des Dresdner Albertinums kaum jemand die Freiheit, sich etwas zu erlauben. Es blieben Einzelstimmen, die Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Kompetenz für ihren „Job“ absprachen oder von westzugereisten Museumsdirektorinnen zuvörderst „Demut und Hochachtung“ vor der Kunststadt Dresden einforderten.

Was Marion Ackermann begrüßend formulierte, gewann in knapp drei Stunden akustische und körpersprachliche Gestalt: Emotionen, Generationsdifferenzen, Kompetenzstreitigkeiten, differente Transformations-„Wende“-Erfahrungen sowie kulturell-biographische Dissonanzen zwischen „Ost“ und „West“, „Dresden“ und „Rest-Ost“.

Dabei blieb es sachlich im Ton, respektvoll in der Unterschiedlichkeit der Meinungen, doch klar auch im Widerspruch. So gelang der „Bilderstreit mit Blickkontakt“ – wie der Abend betitelt war. Auch das Format überzeugte: Etwa 15 Persönlichkeiten aus Kunst, Publizistik und Wissenschaft sprachen in der Mitte und aus der Mitte; hunderte Hörlustige und Schauselige („Wo ist die Kunst der DDR geblieben?“) standen drumherum – wenige (immer noch zu wenige) mischten sich ein.

Deutlich wurde, dass es sich beim Streit um die Kunst nach 1945/1949/1989 und deren „mangelnde“ (oder doch vorhandene?) Präsenz in den albertinischen Hallen nicht nur um einen „Stellvertreter-Diskurs“ (Karl-Siegbert Rehberg) über „Ost und West“ und diverse „Transformationsverletzungen“ handelt.

Es ging tatsächlich immer wieder um „wahre Kunst“, um die ästhetische Wertigkeit von Künstlern und Stilrichtungen, die – einst im Museum sichtbar – zum inneren Meublement vieler Dresdner Kulturbürger gehör(t)en. Im Reden über Kultur verbargen sich in aller Offenheit lebensgeschichtliche Prägungen und unterschiedliche Interpretationen davon, was (mit uns allen, Leute!) nach 1989 geschehen ist. Auch der alte Westen, in dem „auch nicht alles schlecht war“, ist verschwunden. Daher kommen nun die, welche man im neuen Osten gerne und oft als „kulturelle Kolonisatoren“ schmäht. – Elitenaustausch ist in der Tat ein Thema, über das künftig noch mehr zu reden wäre, und zwar in wiedervereinigter Neugier aufeinander.

Dabei kann man – wie auch in diesem Fall – versuchen zu klären, ob man über „DDR-Kunst“, „Kunst aus Ostdeutschland“, „Kunst von Künstlern aus Ostdeutschland, die nach Westen gingen“ oder die „Kunst der hier Gebliebenen“ zu sprechen hat. Die Diskussion schwankte zwischen der Befürchtung, mit solchen Etikettierungen die „Ost-Kunst“ zu ghettoisieren, und dem Wunsch, die Kunst „der DDR“ oder „Ostdeutschlands“ wieder in die Zusammenhänge zu stellen, zu denen sie gehört und denen sie entstammt. Das heißt, sie als gesamtdeutsche Kunst wahrzunehmen und zu schätzen sowie die Verwobenheit deutscher Künstler mit den internationalen Avantgarden und Kunstströmungen zu unterstreichen. „In China hinter der Mauer“, wie einst Wolf Biermann die DDR besang, lebte man eben nicht im Land der Ahnungslosen, in dessen Tallage sich angeblich-bekanntlich Dresden befindet. Und der Mauerfall hat längst nicht alle Blockaden beseitigt, die uns alle unser Leben eingeschrieben hat.

„Kunst der Gegenwart“ prangt als Leuchtschrift im Lichthof des Museums, von denen sich die einen wünschten, es möge deutlich und selbstbewusst eine „sichtbare Kunstgeschichte“ klangvoller Namen und rangvoller Werke auch für nachwachsende Generationen sein. Andere warnten davor, durch Kanonisierungsstrategien und -ansprüche die Freiheit von Künstlern und die Offenheit ästhetischer Prozesse vorschnell einzuhegen. – Versteht man ein Museum als Lernort ästhetischer Bildung, so bleibt die Frage, ob eine Dauerausstellung oder der kluge Wechsel von Sonderschauen der Königsweg zur Kunst(geschichts)erkenntnis ist. Trägt der Bestand des Albertinums den eigenen Anspruch, „die Kunst“ aus „dem Osten“ zu zeigen – und zugleich einzelnen Künstlerindividualitäten gerecht zu werden?

Und war macht‘s denn, das Ding mit den Ausstellungen? Schnell war man hier bei Raumkapazitäten Sammlungsprofilen, vor allem aber Stellenplänen in Häusern, von denen Politik und Publikum, Markt und Mäzene immer höhere Umlaufgeschwindigkeiten beim Wechsel der Expositionen erwarten.

Gemessen an der Wirklichkeit von halben, dreiviertel und 20%-Stellen (auf 1, 2 oder 3 Jahre…?) bleibt manches ein frommer Wunsch. Klar jedoch ist: Wer von Museen Kanonbildung und Sammlungsprofilierung, mitreißende Kunst-Schauen und konservatorische Sorgfalt, Forschung und Bildung sowie eine kluge, nachhaltige Ankaufspolitik erwartet, muss auf die Kontinuität des Mitarbeiterstamms ebenso setzen wie auf die innovative Kraft mutiger Neuberufungen. Beides kann Politik unterstützen und teilweise finanzieren – doch mittragen (manchmal auch aushalten) muss dies ein Publikum, das Gustav Mahlers Maxime zu folgen bereit ist: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche!“

Dresdens Museums-, Galerien- und Atelierlandschaft wird erst einmal im klugen Zusammenspiel das ersehnte Panorama einst hochgeschätzter, nun vielfach vermisster „Ost-Kunst“ malen, was vom Albertinum allein zu fordern dessen Überforderung wäre. Noch enger sollte künftig das Zusammenspiel von Initiativen und Institutionen sein, die sich emphatisch und neugierig der Kunst und Künstlerausbildung in Dresden verschrieben haben. Anfänge sind gemacht, auch das wurde deutlich.

Mit Rückschauen und Anschauen, Bewundern und Erfreuen allein ist‘s aber nicht getan. Denn auch musealisierte, wissenschaftlich begriffene und kunstpolitisch beförderte (wie bisweilen behinderte) Kunst muss die Kraft des Utopischen ebenso bewahren wie den Mut zum Widerspruch. – Wer sich einst systemkonform verhalten musste, ist der heute als marktkonformer Ästhet wirklich freier? Wäre ihm alles erlaubt? Und könnte es nicht sein, dass es in vielen Fällen die Konformität von uns ost-west-deutschen Europäern ist, die uns eint – auch im Wunsch, ästhetisch aus dem „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“ (so heißt der Kapitalismus bei Max Weber) auszubrechen. Doch auch in der Kunstfreiheit gilt, was jegliche Freiheit bedingt: die Mündigkeit zur Freiheit, von der schon der ästhetische Erzieher Schiller phantasierte und die man auch im Museum lernen oder wachhalten kann.

Weitergehen werden die Kulturdebatten, und das müssen sie auch. Wenn es so läuft wie am 6.11.2017, kann man froh, aber noch nicht ganz zufrieden sein. Zudem gilt der Satz von Otto Dix: „Male Maler, rede nicht!“ weiterhin uneingeschränkt – zumindest für Maler.

Von Justus H. Ulbricht

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