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Regional Bezauberndes Abenteuer: „Das Rätsel der gestohlenen Stimmen
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09:18 15.05.2018
Mathias Schlung (Otto, Susis Hund), Tania Lorenzo (Susi) Quelle: ©Semperoper Dresden/by Klaus Gigga
Dresden

 Aus dem Klavier kommen Trompetentöne, die Flöte gurgelt, die Trommel grunzt, und diverse Schubladen bergen die Klänge von Applaus und Flatulenzen – aber wie ist es zu dieser bizarren Kakophonie gekommen? Susi und ihr Hund Otto müssen es herausfinden, haben sie sich doch zum großen Finale um „Das Rätsels der gestohlenen Stimmen“, einem auf einer Geschichte des britischen Dramatikers Alan Ayckbourn basierenden Musiktheater von Johannes Wulff-Woesten, in die Villa eines grausamen Geräusche- und Stimmendiebs verirrt. Der immense Jubel, den Wulff-Woesten und Regisseur Tom Quaas am Sonntag für ihre Uraufführung in Semper Zwei ernten durften, war sicherlich zu großen Teilen dem komödiantischen Irrwitz und der akustischen Anarchie des Finales geschuldet, aber auch dramaturgisch und personell ging das Konzept dieser Inszenierung voll auf, die großen Anklang bei kleinen wie auch großen Besuchern fand.

Da wäre zunächst der entfernt an diverse Versatzstücke der Kinderliteratur von Michael Ende bis „Alice im Wunderland“ erinnernde Stoff, der es in sich hat. Herr Akustikus, der Schurke des Stücks, ist in seinem Wahn, „die Welt ganz still zu machen“ und vermeintlichen Unruhestiftern ihre Stimmen zu rauben, nicht nur die Zuspitzung des griesgrämigen und auf Einhaltung der Ruhezeiten pochenden Nachbarn, sondern auch ein zeitlos zeitgemäßer Despot, dem Countertenor Hagen Matzeit einen durchtriebenen Charme verleiht, der außerordentlich gut mit dem sanften Doris-Day-Irrsinn der von Angela Liebold gespielten Mutter harmoniert. Wie wichtig es ist, sich nicht den Mund verbieten zu lassen und seine Stimme einzubringen, lernt im Lauf der 80-minütigen, äußerst kurzweiligen Inszenierung nicht nur die von Tania Lorenzo quirlig gegebene Heldin, sondern auch das Publikum, das von Erzähler Thomas Förster wiederholt dazu aufgefordert wird, über den Fortgang der Handlung abzustimmen und Susi und Otto dabei zu helfen, den Weg durch Akustikus’ Klang-Kabinett zu finden. Eine Kammeroper über verhängnisvolle Stille, die auch eine Lanze für stimmliche Vielfalt bricht – das funktioniert in der Adaption sogar noch stimmiger als in der musiklosen Vorlage und erinnert entfernt an „A Quiet Place“, das Kino-Gruselstück der Stunde, in dem die Welt verstummt ist, weil noch das kleinste Geräusch schreckliche Folgen haben kann.

Hagen Matzeit (Herr Akustikus) Quelle: ©Semperoper Dresden/by Klaus Gigga

Dazu passt, dass Herr Akustikus ein wirklich denkwürdiges Monstrum ist, das nicht nur die vom Komponisten geleitete, mitreißend aufspielende Giuseppe-Sinopoli-Akademie anschnauzt, man könne ja ruhig mal was Anderes als immer nur Triolen spielen, sondern auch Trompeter Alexander Schuhwerk kurzerhand während seines Solos kaltstellt. Immer wieder spielt das kurzweilige Stück mit der eigenen Form, wechseln sich Erzählpassagen mit durchkomponierten Gesangspartien, Jazz-Elemente mit neo-romantischen Musikteilen ab, ohne dass es zu einer Überforderung der jüngeren Besucher käme. Zum Finale wird Rock’n’Roll aufs Parkett gelegt, und für die Opern-Nostalgiker gibt es noch Barry Colemans tragikomischen Herrn Pichler – ein um seine Stimme gebrachtes einstiges Gesangswunder, das sich, wie könnte es anders sein, der Welt fast ausschließlich in Opernzitaten von Gluck bis Mozart mitteilen kann.

Ohnehin weiß Regisseur Quaas sein Ensemble hervorragend in Szene zu setzen – dem glänzenden Komödianten Mathias Schlung, der den Otto im Hundekostüm als sehr menschliches Schlappohr von geradezu Snoopy-hafter Größe gibt, fliegen ohnehin die Herzen zu, wenn er knurrt, leidet, Slapstick-Einlagen beisteuert und die Katzen-Komparserie zur Ordnung ruft.

Welche Rolle darüber hinaus noch die Ballonfahrt im Stück spielt, das möge man für sich selbst entdecken, denn es lohnt sich wirklich sehr. Oder wie es mein begeisterter Juniorchef im Anschluss an den hochverdienten Premierenapplaus formulierte: „Na, das war mal toll!“

nächste Aufführungen: 15., 17., 18., 20. bis 23. Mai

www.semperoper.de

Von Wieland Schwanebeck

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