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Bewegende Dresdner Erstaufführung "Songs for Kommeno" im Festspielhaus Hellerau

Bewegende Dresdner Erstaufführung "Songs for Kommeno" im Festspielhaus Hellerau

Gewissermaßen schloss sich mit der Dresdner Erstaufführung der "Songs for Kommeno" im Festspielhaus Hellerau am Mittwochabend gleich mehrfach ein beziehungsreicher Kreis.

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Maria Labri.

Quelle: Michael Ernst

Der am 25. August 1943 in Dresden geborene Musiker Günter Baby Sommer setzte mit diesem musikalischen Gedenken den am 16. August 1943 im griechischen Kommeno von Angehörigen der deutschen Wehrmacht ermordeten Menschen ein Denkmal. Er schuf damit zugleich eine Brücke zwischen zwei geschundenen Orten, die wie so viele andere einer verbrecherischen Ideologie zum Opfer fielen. Ein Manifest an den Widerstand gegen Repression und eine Tautologie namens militärischer Ungeist. Nicht zuletzt aber auch eine Mahnung, die zum Nachdenken anregen sollte: Was haben "tausendjähriges" Nazi-Morden, die sogenannten NSU-Verbrechen und deren juristisch bislang gründlich misslungene Aufarbeitung, was haben höchstrichterlich geduldete Nazi-Aufmärsche von heute und die eilfertige Strafverfolgung von Gegendemonstranten miteinander zu tun?

Im Resultat dieser sehr persönlichen Fragestellungen ist Günter Baby Sommer ein Projekt gelungen, das trotz aller ideologischen Schwere zuvörderst von künstlerischem Anspruch geprägt ist. Von künstlerisch-aufklärerischem Anspruch. Die "Songs for Kommeno" sind am 16. August vorigen Jahres in Kommeno uraufgeführt worden, an eben jenem Ort, der genau 69 Jahre zuvor von Kohorten der im Zeichen des Edelweiß kämpfenden 1. Gebirgs-Division (Hitlers "Garde-Division") ausgelöscht werden sollte. Binnen weniger Stunden wurden 317 Menschen geradezu hingeschlachtet, ermordet auf einen brav befolgten Offiziersbefehl hin. Die Opfer: Säuglinge, Kinder, Männer und Frauen, Greise. Ausschließlich Zivilisten. Die Täter: Ausschließlich Männer, deutsche Männer, die unbestraft blieben. Manche von ihnen dienten nach Kriegsende in der Bundeswehr und wurden "in Ehren" entlassen. Eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung seitens der Bundesrepublik Deutschland ist bis heute nicht erfolgt.

Insofern ist Günter Baby Sommer mit seinen "Songs for Kommeno" einen ersten Schritt gegangen. Einen wichtigen Schritt, den die Politik längst hätte gehen sollen. Aber sie scheut sich, denn dieser Schritt könnte ein exemplarischer sein.

Dass die "Songs" nun auch in Dresden angekommen sind, darf wohl vor allem dem Jazzclub Tonne gedankt werden, denn der hat dieses von der Bundeskulturstiftung unterstützte Projekt initiiert. Es ist inzwischen in Zürich und Wien sowie zum Jazzfest Berlin aufgeführt worden, stets mit immensem Erfolg. Der Zuspruch war auch im Festspielhaus groß. Die Uraufführungsbesetzung - Günter Baby Sommer an den Drums, Savina Yannatou mit ihrer grandiosen Stimmkraft, Floros Floridis an Klarinetten, Spilios Kastanis am Bass und Evgenios Voulgaris mit der Yayli Tanbur - überzeugte das zahlreiche Publikum mit musikalischem Ausdruck, Ensemblegeist und virtuoser Spielkultur. Mehr freilich noch als diese künstlerischen Gestaltungsmittel stand bei diesem Konzert die inhaltliche Botschaft im Vordergrund. Die spürbare Ergriffenheit, die sich im Saal breitmachte, bewies eindringlich den angesichts solcher Wehrmachtsverbrechen nach wie vor herrschenden Schock. Er macht sprachlos und lässt darüber nachdenken, was die Menschheit aus diesen Gräueln gelernt hat - aber er macht eben nicht nur sprachlos, sondern fordert auf, sich zu äußern, die Stimme zu erheben.

Sommer und seinen Mitstreitern ist dies einmal mehr überzeugend gelungen. Er hatte obendrein eine der wenigen Überlebenden des damaligen Massakers gewinnen können, bei den "Songs" mitzuwirken. Die inzwischen 80-jährige Maria Labri hat das Morden vom Kommeno überlebt, durch Zufall. Vergessen wird sie es nie. In einem griechischen Klagelied, einem Miroloi, besang sie die Leidensgeschichte ihres Dorfes, in dem sie heute noch lebt. Zur Uraufführung geriet ihr Auftritt auf offener Bühne zu einem bezwingenden Höhepunkt. In Hellerau wurde ihr brüchiger Gesang eingespielt und erzeugte ebenfalls tiefe Betroffenheit.

Verdienter Applaus für ein großes Projekt, das endlich auch in Dresden angekommen ist, schloss sich an. Applaus natürlich auch für eine überzeugende Darbietung. Günter Baby Sommer und das griechische Musikerquartett starten heute eine kleine Konzerttour mit den "Songs for Kommeno", die sie nach Thüringen, Niedersachsen und Baden-Württemberg führen wird, um auch dort an das von Deutschland ausgegangene Leid zu erinnern. Am kommenden Montag werden die "Songs" um 18 Uhr noch einmal in der Friedenskirche Radebeul zu erleben sein.

Inzwischen liegt neben der sehr informativ ausgestatteten CD "Songs for Kommeno" (Intakt CD 190/2012) auch die vom Dresdner Studio Klarheit produzierte DVD "Sommer in Kommeno" mit Eindrücken von der Uraufführung im August 2012 vor. Michael Ernst

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.04.2013

Michael Ernst

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