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Regional Bernhard Kretzschmar – Chronist, Farbmagier, Philosoph
Nachrichten Kultur Regional Bernhard Kretzschmar – Chronist, Farbmagier, Philosoph
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12:55 10.02.2018
Bernhard Kretzschmar, Der falsche Prophet, 1934, Öl auf Leinwand, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)   Quelle: © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

 Zu den heimlich wachsenden Lücken im (Kunst-)Gedächtnis der Stadt zählt seit längerem das Wissen um den in Döbeln gebürtigen Dresdner Maler Bernhard Kretzschmar (1889-1972). Auch wenn die Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit 2015 im Lipsiusbau für eine kleine Aufhellung sorgte und sicherlich einen wichtigen Anstoß gab für die am Freitagabend eröffnete: Die letzten und zugleich einzigen großen Ausstellungen zu Kretzschmars Œuvre fanden 1974 in der Ostberliner Nationalgalerie und 1989 im Dresdner Albertinum statt. Letztere sei in der Euphorie der Wende fast gar nicht wahrgenommen worden, gestehen selbst die Macher von heute, Gisbert Porstmann als Chef der Städtischen Galerie und Sigrid Walther, seit Jahrzehnten ausgewiesene Galeristin, die hier als Kuratorin tätig war.

Ihnen ist eine Schau gelungen, die durchaus opulent ist und zugleich übersichtlich, ein Wesenszug, der auch dem Werk eigen ist. Das bedeutet nicht allein Konzentration auf Wesentliches, sondern zugleich auf die Mittel einer wirkungsvollen Darstellung. Der Ausstellung gelingt sie durch die Beschränkung auf Malerei und Druckgrafik sowie die strikte Trennung zwischen den beiden Genres. Es scheinen geradezu verschiedene Welten – hier die Weite der mal leuchtenden, mal gedämpften, immer Tupfen an oder auf Tupfen und kleine Flächen gesetzten Farben, da die intime und doch unglaubliche Expressivität der feinen, überaus virtuos mit der kalten Nadel geritzten Linien. Auf der einen Seite der Milieu- und Lebensraum, auf der anderen die konkrete (soziale) Befindlichkeit.

Bernhard Kretzschmar, Emporkömmlinge, 1939, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin Quelle: © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Zu seinen späten Lebzeiten und kurz nach dem Tod galt Kretzschmar vor allem als Meister, ja Inbegriff des Dresdner Kolorismus vorbildhaft für die damals junge Malergeneration. Da war noch einer, bei dem das Werk gewissermaßen aus der Werkstatt kam, gebaut wurde aus Farbe und profund erarbeitetem Wissen und Können. Dabei schien in den Endsechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts sein Bekenntnis zu Gegenständlichkeit und unmittelbarer Realitätsverbundenheit weniger bedeutsam. Doch gerade hier setzt das Konzept der Ausstellung an, wenn sie nichts Geringeres als eine „Deutung des Daseins“ verspricht. Das scheint zwar auf den ersten Blick auch banal, doch hinter dem scheinbar Einfachsten steckt oft das Schwerste, was überhaupt zu erreichen ist. Und dessen war sich der Künstler auch noch sehr wohl bewusst.

Von der Erscheinung zum Wesen, zum Wesentlichen, vom optischen Eindruck zur philosophischen Erkenntnis und zur Poesie. Nicht nur Schönheit, auch Haltung. Der Maler oder Grafiker als Erzähler von Begebenheiten, mit Durchblick und Hintersinn. Solche Ansichten scheinen heute nicht nur streitbar, sondern auch strittig.

Streitbar war Kretzschmar stets und nicht nur vermittelt durch seine Kunst, sondern auch für die Interessen von Kunst und Künstlern, wie Johannes Schmidt in einem Kapitel des ausführlichen Katalogs darstellt. Das 250-seitige von der Städtischen Galerie herausgegebene Buch referiert nicht nur die Ausstellung, sondern stellt sie in den großen Zusammenhang von Geschichte, Leben und Werk. So hat Kretzschmar „zu allen Zeiten“ brieflich bei Behörden und Institutionen interveniert, einflussreiche Persönlichkeiten um Unterstützung gebeten. Der Mitbegründer der Dresdner Sezession 1932 war bei den Nazis gerade noch gelitten, in der DDR mehrfach hoch geehrt. Aber das hinderte ihn keineswegs, seine eigene kritische Sicht zu bewahren und anderen zu vermitteln.

Manchem gilt ein vedutenhaftes Gemälde wie „Eisenhüttenstadt“ vielleicht nur als Verbeugung vor dem Prinzip des sozialistischen Realismus, doch beweist es vielmehr die Neugier und Offenheit Kretzschmars gegenüber allem, was er in seiner Zeit als „neue Welt“ entstehen sah. Der Künstler sich verstehend gar als deren Ordner, wie ein Kapitel überschrieben ist – hat das nicht eine „gefährliche“ Nähe zum Schriftsteller als „Architekten der Seele“?

Wie dem auch sei, niemand kann wohl Kretzschmars doppelte Bedeutung als Chronist übersehen. Sie betrifft die Kunstgeschichte seiner Zeit, an der er mehr oder weniger episodenhaft teilnahm, indem er seinen eigenen unverwechselbaren Stil entwickelte. Sie betrifft, von seinen persönlichen Lebensumständen ausgehend, aber auch in einzigartiger Weise die Stadt und die Region, in der er lebte. Die beiden frühesten Bilder der Ausstellung zeigen, wohl noch etwas von Robert Sterl beeinflusst, eine Vorstadt-Winterlandschaft und den Vater beim Nähen mit der Hand auf dem Schneidertisch.

1919 malt Bernhard Kretzschmar als Hoffnungszeichen, Triumph expressiver weiblicher Rundungen, eine „Geburt“. Die Welt der Arbeit und der Technik hat ihn stets mitfühlend interessiert, aber auch, raffiniert und doppelbödig inszeniert, das mondäne Leben, die politische Marktschreierei. Seine Provinzszenen der 20er Jahre aus Döbeln oder den Dresdner Vorstädten entstehen in einer raffinierten Mischung aus scheinbarer Naivität und Magie. Schon da ist Kretzschmar ein Meister der ungewöhnlichen Farbakzente.

Noch 1934 wagt er es, einen „falschen Propheten“ vor eine begierig lauschende Menge zu stellen. Ganz ungeschminkt setzt er jeweils parallel mit scharfer Nadel und in schlichter Einfachheit das Leben der einfachen Leute ins Bild, schildert mit lustvoller Ironie das bürgerliche Leben, erinnert an Hieronymus Bosch im Schildern von Wahn oder Gier – wenn eine Schar von Erben ohne Rücksicht auf Verluste ein eben noch wohl eingerichtetes Wohnzimmer plündert. Welch unbarmherziges Schweigen dagegen in der „Letzten Stunde“ eines in seinem Sessel am hohen Kachelofen zusammengesunkenen alten Mannes, während der Wind die Gardine in das sachlich eingerichtete Zimmer weht.

Die Kuratorin hat bewusst auf etliche besonders bekannte Bilder verzichtet, statt dessen Quellen genutzt, um kaum Bekanntes, aber Erhellendes aus Privatbesitz aufzutreiben wie „Das Wolkentier“ von 1937, eine ambivalente, zumindest mit dem Wissen um die Geschichte bedrohliche Vision beim Blick vom Loschwitzer Hang auf die Stadt, von der ein verliebtes Paar allerdings nichts wahrnimmt oder wahrnehmen will. Aber auch eine „Elbe bei Gauernitz“ mit dominanter Industriearchitektur am rechten Ufer aus dem Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden oder das unvollendete „Selbstbildnis mit Masken“ aus Chemnitz dürften nur wenigen geläufig sein. Letzteres hätte sich als alternativer Titel für die Potsdamer Ausstellung angeboten, zeigt es doch gerade die Widersprüchlichkeit und das Verweigern von Verstellung und Gefälligkeitskunst. Geblieben ist es als eindrucksvolle Studie von Kretzschmars Bildaufbau.

Vielleicht war es ihm zu plakativ, aber der Botschaft, dem Willen, seine Erkenntnisse vom Dasein wider falsche Propheten in nachvollziehbare Formen zu bringen, ist der Chronist, Farbmagier, Philosoph treu geblieben. Dazu genügte als Anlass ein Blick aus dem Fenster in der Friebelstraße über blühende Felder oder in das verschneite Strehlen. Mit Tradition hat das alles viel zu tun, weniger mit Romantik, denn Kretzschmars Kunst scheint mir bei aller Poesie frei von allem Mystischen.

Bis 13. Mai, Städtische Galerie Dresden, Di-Do, Sa+So 10-18, Fr 10-19 Uhr

Von Tomas Petzold

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