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Belgrad bringen Debütalbum heraus – mit satten Dresdner Einflüssen

Kein Feilschen Belgrad bringen Debütalbum heraus – mit satten Dresdner Einflüssen

Die Trackliste liest sich wie die Kapitelüberschriften eines expressionistischen Romans: Osten, Eisengesicht, Fratze, Fremde, Westen, Schellack und Gewalt, Niemand, Kahlberg. Dahinter verbergen sich acht Songs, vereint auf dem selbstbetitelten Debütalbum der Band Belgrad.

Leo Leopoldowitsch, Hendrik Rosenkranz, Stephan Mahler, Ron Henseler (v.l.n.r.)
 

Quelle: PR

Dresden.  Die Trackliste liest sich wie die Kapitelüberschriften eines expressionistischen Romans: Osten, Eisengesicht, Fratze, Fremde, Westen, Schellack und Gewalt, Niemand, Kahlberg. Dahinter verbergen sich acht Songs, vereint auf dem selbstbetitelten Debütalbum der Band Belgrad. Schon im Vorfeld dieses Albums waren immer wieder Achtungszeichen zu vernehmen, vor allem nach den Videoveröffentlichungen von „Niemand“ und „Osten“. Das Zusammengehen von klugen deutschen Texten mit einer Musik, die schwer aus den Ohren zu kriegen ist, dazu noch die filmischen Umsetzungen (wie bei „Niemand“ mit Filmmaterial aus DDR-Tagen) – in all dem schimmerte etwas auf mit diesem ersten gemeinsamen Auftauchen, das sofort klarmachte: Hier existieren zahlreiche verschiedene Ebenen – ohne dass sie sich umgehend alle zu erkennen geben würden.

Belgrad ist ein Vierer: Leo Leopoldowitsch, Hendrik Rosenkranz, Stephan Mahler, Ron Henseler. Rosenkranz (der in Dresden seine Spuren hinterlassen hat, er spielte bei Stalin vs. Band) hat das Projekt Belgrad vor zwei Jahren mit Leopoldowitsch (ebenfalls Wohnsitz Dresden) gegründet, als sie auf einer Osteuropa-Reise waren. Was dann folgte, war Songwriting und ausgiebiges Feilen. Da sich Belgrad aus Leuten rekrutiert, die aus Hamburg, Berlin und Dresden stammen, kann sich der Hörer seinen eigenen Ost-West-Anteil aus dem Album picken. Freilich ohne dort verhaftet bleiben zu müssen.

Es ist ein äußerst überzeugendes Album geworden (auch wenn die mehrfach im Internet verbreitete Zeile von „Deutschlands neuer Underground-Supergroup“ PR-mäßig einfach übers Ziel hinausschießt). Dafür sorgt ein textlicher Minimalismus, der doch alles enthält, eigentlich vertonte Lyrik ist, angenehm unglaublich weit weg von den flachschürfenden Befindlichkeitsmonstrositäten anderer singender deutscher Zeitgenossen (Namen können hier wahlweise eingesetzt werden).

„Osten“ und „Westen“ sind mit je gut siebeneinhalb Minuten die Dominatoren der 45-Minuten-Platte. „Osten“ ist ein Spiegel der Kriege („und von fern schrein die Waffen über den See/ sie singen überall das selbe Lied, dass die wenigsten verstehn“), „Westen“ skizziert Flucht („die, die aufgeben, bleiben am Wegesrand liegen/ als stumme Zeugen dafür, ständig alles zu verlieren“). Die Kraft entwickelt sich auch aus der zurückhaltenden Form, fern jeder Attitüde, mit der die Songs vorgetragen werden. Wie bei „Niemand“: Aus einem Sprechgesang entwickelt sich ein Sog, den eine nicht übermäßig komplizierte Akkordfolge verstärkt. Auch „Westen“ führt über ein langes Intro zum Thema hin, dann setzt irgendwann das Schlagzeug ein. Der Beat feilscht hier nicht. Dazu kommt der Weg hin zur Einprägsamkeit über die Redundanz: Finale Zeilen werden oft wiederholt, wie „Sie zogen Richtung Westen auf der Suche nach dem Lachen/ im immergleichen Abstand erschien dort die Fata Morgana“ (Westen) oder „und niemand, der dich hört/ und niemand, der etwas sagt/ niemand, der dich stört/ und niemand, der nach dir fragt“ (Niemand).

Auf die Frage, wie der Bandname entstand, hat sich Rosenkranz auf Anfrage so geäußert: „Belgrad ist unser Name, weil es ein Begriff ist, der extrem viele Bilder und Assoziationen erzeugt – Liebe und Abgrund, Geschichte und Schönheit, Verderben und Krieg. Die Frage sollte jedoch nicht sein, was Belgrad für uns ist, sondern welche Assoziationen Belgrad erzeugt.“ Dieser Satz passt ganz ähnlich auch auf das Album. Assoziationsreich ist die erwähnte Trias aus Text, Musik und Bild (Video) nämlich angelegt, lässt dem Hörer, ob nun mit oder ohne Vorkenntnisse, zahlreiche Zugänge.

Noch eins: Irgendwann um Ende Oktober, Anfang November soll es ein Belgrad-Konzert in Dresden geben. Das sei der Band wichtig, „ist Dresden doch schließlich eine Basis von ihr“, wird eine entsprechende Anfrage per Mail beantwortet. Der genaue Zeitpunkt soll etwa in zwei Wochen bekanntgegeben werden. Das Warten dürfte sich auch dafür gelohnt haben.

Belgrad: Belgrad (Zeitstrafe)

Record Release: 1.9. Hamburg (Hafenklang), 2.9. Berlin (Acid Kunsthaus)

Von Torsten Klaus

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