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Behebung einer Amnesie - Ausstellung würdigt den Dresdner Ludwig Meidner

Behebung einer Amnesie - Ausstellung würdigt den Dresdner Ludwig Meidner

Der Expressionismus des Ludwig Meidner unterscheidet sich von jenem der "Brücke" unter anderem dadurch, dass seine Visionen keine utopischen Vorstellungen von einer besseren, harmonischen Welt enthalten, vielmehr ihren, das heißt den Untergang der damals modernen bürgerlichen Welt vorausahnen.

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Ludwig Meidner. Alaunstraße in Dresden; 1914, Feder in Tusche, SKD Kupferstich-Kabinett Dresden.

Quelle: Herbert-Otto Boswank

Er war und blieb lange in der Großstadt (Berlin) verwurzelt, auch wenn er sich von ihrem rasend übermächtigen Getriebe bedroht sah, und der entscheidende Aspekt der frühesten erhaltenen Arbeiten wird häufig unter dem Stichwort "apokalyptische Landschaften" zusammengefasst. Die entstanden nicht im Pleinair sondern in einem (manchmal extatischen) Prozess der gleichnishaft ahnungsvollen Zusammenführung inneren und äußeren Sehens - und zwar in nicht geringer Zahl auch in Dresden.

Doch im Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen befindet sich davon nur ein einziges Blatt, nämlich die 1914 entstandene Zeichnung "Alaunstraße in Dresden". In unmittelbarer Nähe, auch des damaligen Wohnsitzes von Meidner, hat das Aktionshaus Schmidt kürzlich ein Exemplar der im Oktober des gleichen Jahres entstandenen Mappe "Krieg" für 4200 Euro versteigert, obgleich es sich dabei "nur" um Lichtdrucke handelt, hergestellt in der Druckerei des Mäzens Franz Kochmann.

Offenbar handelt es sich hier um eine Amnesie im kunsthistorischen Bewusstsein der Stadt, die weitgehend unerklärlich bleibt, auch wenn man in Rechnung stellt, dass Meidner, der 1953 aus dem Exil in die Bundesrepublik zurückgekehrt war, zu dieser Zeit bereits völlig in seinem ausschließlich von religiösen Vorstellungen geprägten Denken befangen war. Doch er hatte sich nicht nur offen als Angehöriger des jüdischen Lebenskreises bekannt und war Opfer der Aktion "Entartete Kunst", er war auch nachweisbar Anreger für jüngere bzw. später weit berühmtere Kollegen, insbesondere für Conrad Felixmüller, dem er nicht zuletzt den Weg in die Berliner Szene geebnet hat. Nachvollziehbar ist das auch anhand der aktuellen Sonderausstellung der Städtischen Galerie, die sich damit freilich nicht nur einer bedeutenden Episode einer Künstlerbiografie, sondern zugleich dem Gedenken an das Kriegsausbruchsjahr 1914 widmet.

In Anbetracht dieser Begleitumstände fällt es nicht leicht, die Kunst als autonom zu betrachten, sich allein auf die Strahlkraft der Arbeiten zu konzentrieren, wie es sich Galerie- und Museumsdirektor Gisbert Porstmann wünscht, der aber auch darauf verweist, dass die Inszenierung bei einem Künstler, der sich zugleich auch als Dichter versteht, eine immanente Rolle spielt. Ecken und Kanten der Ausstellungsräume sind teils mit spitzen schwarzen Keilen gefasst, über den Stellwänden, die ganze Breite einnehmend, sind in großen Lettern Zitate (meist aus "Erinnerung an Dresden", 1918) angeordnet. Damit wird nicht nur die Fülle der oft detailreichen, vielfigurigen Arbeiten etwas gebändigt, sondern das Ganze auch im übertragenen Sinn auf Schwarz-Weiß gestimmt, auf eine Befindlichkeit, die Meidner im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen sah, die, wie übrigens auch sein enger Freund Ernst Wilhelm Lotz, mit Hurra-Patriotismus dem Krieg entgegenfieberten. Die Konzentration auf Zeichnungen und Druckgrafik hat allerdings auch praktische Gründe. Wie Porstmann erklärt, befinde sich ein Großteil der Gemälde in einem fragilen Zustand, weil Meidner schlecht grundiert und die Leinwände oft doppelseitig bemalt habe, so dass aus restauratorischer Sicht Leihgaben ein zu großes Risiko darstellten. Dass lediglich einige Selbstbildnisse und Porträts (Johannes R. Becher, Conrad Felixmüller) verfügbar waren, wurde durch eine sonst gar nicht realisierbare Fülle an Papierarbeiten wettgemacht, die von etwa 30 Museen und privaten Leihgebern stammen. Der Katalog, für den akribisch biografische Details und Verbindungen zur Dresdner Kunstszene recherchiert wurden, enthält auch eine größere Anzahl von Wunschbildern, so die Ansicht der Kochmannschen Villa in Dresden und einige der als "Apokalyptische Landschaft" betitelten Gemälde von 1913, die wohl als Nachklang zum Furor einer Ausstellung in der Berliner Sturm-Galerie von Herwarth Walden entstanden sind.

Für Meidner, der am 13. Oktober 1913 zum ersten Mal für einen längeren Aufenthalt in die Stadt kam, im folgenden Frühjahr seine Zelte vermeintlich auf Dauer hier aufschlug, war die Zeit bereits aus den Fugen. Die Selbstbildnisse des 30-Jährigen zeigen eine etwas schillernde, vom Leben gezeichnete, oft nachdenkliche oder zweifelnde, lassen eine zwischen düsteren Ahnungen und Erleuchtungen hin- und hergerissene Persönlichkeit ahnen. Die Erde bäumt sich auf, die perspektivischen Verkürzungen verselbständigen sich, die Senkrechten "betrunkener Häuser und Bäume" scheinen zu stürzen.

Das hat wohl entfernt auch etwas mit Kubismus und Futurismus zu tun, wirkt aber vor allem atmosphärisch, als ein Jagen und Hetzen, ein fast hilfloses Ausgesetztsein in einer Dynamik, der mit impressionistischen Mitteln nicht beizukommen ist. Doch neben allem allegorischen oder einer bis ins Karikierende reichenden Zuspitzung beeindruckt Meidner nicht nur mit der Genauigkeit der Beobachtung, sondern auch mit der Gabe psychologischer Durchdringung. Bis in die 20er Jahre galt er als bedeutendster Porträtist der Avantgarde - und natürlich auch seiner selbst. Umso auffälliger, dass aus dem Jahr 1914 nur ein einziges Selbstporträt erhalten ist, nämlich das vom 4. Oktober im Café König, auf dem er düster hinter einer Zeitung hervorblickt, in die es wiederum wie ein böser Sturm hineinzuwehen scheint mit Nachrichten wie der vom Tod des Schriftstellers Lotz.

Bis dahin mag sich Meidner wie ein vorauseilender Chronist gefühlt haben, indem er bereits nach dem Attentat von Sarajewo den Krieg als aktuelles Szenario der Apokalypse zeichnete und nach dem realen Ausbruch erst recht nicht davon abließ, einem Grauen Gesicht und Gestalt zu geben, das er selbst noch nicht unmittelbar erlebt hatte. Fast ahnt man hier den Weg voraus, den später Otto Dix, George Grosz oder eben auch Conrad Felixmüller nahmen.

Der Höhepunkt dieser Lebensphase lag wohl in den Revolutionswirren Anfang des Jahres 1919, als Meidner seinen "Aufruf an alle Künstler, Dichter, Musiker" veröffentlicht. "Wir sind leicht und wissend und müssen wie Führer-Fahnen vor unseren schweren Brüdern (den Arbeitern, d.A.) wehen", heißt es darin. Vom fordernden Fazit: "Denn es geht um den Sozialismus - das heißt: um Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenliebe - um Gottes Ordnung in der Welt!" wird sich Meidner schon bald nach der allgemeinen Ernüchterung gründlich distanzieren. Er sieht dann jegliches Tun außer dem Beten letztlich nur noch als unnützen Zeitvertreib. 

i "Das Jahr 1914. Ludwig Meidner in Dresden", Städtische Galerie, Di.-So. 10-18 und Fr. 10-19 Uhr

25.Oktober, 16.30 Uhr: Kunstgespräch mit Kurator Johannes Schmidt; 14. November, 19 Uhr: Albrecht Goette liest aus Texten von Ludwig Meidner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.10.2013

Tomas Petzold

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