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Begegnungen: Heute wird Ludwig Güttler 70 Jahre alt

Begegnungen: Heute wird Ludwig Güttler 70 Jahre alt

2013 werden die Jubiläen großer Komponisten ausgiebig gefeiert: des Sachsen Wagner, des Italieners Verdi, des Briten Britten. Ein sächsischer Künstler von Weltrang erblickte am 13. Juni vor 70 Jahren im erzgebirgischen Sosa das Licht der Welt, der Trompetenvirtuose Ludwig Güttler.

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Auch vom Regen nicht aufzuhalten: Ludwig Güttler beim diesjährigen Konzert "Dresden singt und musiziert" an der Brühlschen Terrasse bei den Dresdner Musikfestspielen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Sein künstlerisches Schaffen und sein gesellschaftliches Engagement begleiten meinen Lebensweg seit über 40 Jahren. Es mag das Jahr 1970 gewesen sein, als ich sein wunderbares Trompetenspiel erstmals live im Bautzener Dom hörte. Der frischgebackene Solotrompeter der Dresdner Philharmonie bezauberte die Bläsergemeinde sächsischer Posaunenchöre, und ich war als Trompeteneleve fasziniert. Nach dem Konzert auf die Orgelempore stürmend, hatte ich die Chance, dem Trompeter-Idol eine Frage zu stellen: "Herr Güttler, wie lange üben Sie täglich?" Er antwortete: "Ich übe jeden Tag so 3-4 Stunden und dann fange ich an zu spielen." Harte Arbeit ist das Musizieren. Erst Pflicht, dann Kür. Technikstudien und hartes Training sind notwendig, bevor die wundervolle Musik hörbar gemacht werden kann. So werden wie er, das wurde ein Ziel in Jugendtagen.

Der ersten Schallplatte von 1974 folgten die weiteren regelmäßig auf den Wunschlisten für Weihnachten. Sein künstlerischer Werdegang und seine internationale Karriere wurden aufmerksam beobachtet. Bei den Schülerkonzerten im Kulturpalast galt der erste Blick der Trompetenbank. Spielt er heute mit? Ludwig Güttler war zum Vorbild für viele junge Leute geworden, die sich aktiv mit Musik beschäftigten.

Während des Studiums der Musikerziehung empfahl mein Trompetenlehrer neue Stücke zu erarbeiten, die Güttler in alten Archiven zum Teil als Handschriften entdeckt, bearbeitet und neu eingerichtet hatte. Ich lernte so den Forscher und musikwissenschaftlich ambitionierten Musiker kennen.

Damit nicht genug. Ludwig Güttler setzte und setzt sich dafür ein, die Arbeit der sächsischen Posaunenchöre zu qualifizieren. Seminare für Bläser waren beliebt und gefürchtet zugleich. Mit großer Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit arbeitet der Meister zielstrebig mit den Chören. "Erst habe ich ein bisschen gezittert, und schließlich war ich glücklich" sagte ein Bläserkollege nach einem solchen Seminar. Das Weitergeben von künstlerischen und aufführungspraktischen Erfahrungen sowie das praktische Arbeiten mit Laien und dem künstlerischen Nachwuchs sind Prof. Ludwig Güttler Bedürfnisse, denen er gern Stunden aus seinem engen Zeitfond widmet. Zeit, die er verschenkt, ist in jedem Fall ein kostbares Gut.

Möglichst jedes der erreichbaren Konzerte, die Ludwig Güttler mit Friedrich Kircheis an der Orgel oder mit einem seiner renommierten Ensembles gab, mussten damals besucht werden, und meine Sammlung der Tonträger mit den von ihm eingespielten Aufnahmen wuchs.

Sein Auftreten am 19. November 1989 bei der Künstlerdemonstration auf dem Dresdener Theaterplatz verfolgte ich aus der Ferne am Fernseher. Er machte damals aus seinem Unmut über die ungenügenden Möglichkeiten zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses kein Hehl. Er prangerte das Versagen der SED auf der ganzen Linie und speziell im Kulturellen an. Sehr mutig, fand ich und schöpfte einmal mehr Kraft für die Arbeit an den runden Tischen und beim demokratischen Um- und Aufbau in meiner neuen Heimat.

Persönlich konnte ich Ludwig Güttler als engagierten Kulturpolitiker im Sächsischen Kultursenat kennenlernen, dem wir gemeinsam acht Jahre lang angehörten. So habe ich ihn kennengelernt, als homo politicus mit Qualitäten eines wirklichen Citoyen im Rousseauschen Sinne: Eindeutig, auch wenn er anzuecken droht, gibt er präzise Einschätzungen. Mit nicht versiegender Energie und durchsetzungsstark, mit klaren Ansagen - künstlerisch wie kulturpolitisch - formuliert er unnachgiebig in seinen Forderungen und mit dem festen Willen, die gesteckten Ziele zu erreichen. Diese Konsequenz hat ihm nicht überall Freunde, aber allenthalben Respekt und hohe Wertschätzung eingebracht.

Leidenschaftlich sind seine Plädoyers für musisch-kulturelle Bildung von den frühen Kinderjahren bis ins höhere Lebensalter und für einen gesellschaftlichen und politischen Konsens, dass Kulturausgaben Investition in die Zukunft unseres Landes sind. Der Benefizzweck seines Geburtstagskonzertes heute in der Dreikönigskirche widerspiegelt seine feste Überzeugung: Ständige Aneignung von neuen Fähigkeiten und das permanente Repetieren von erworbenen Fertigkeiten sind nicht nur Voraussetzungen für gelingendes und erfolgreiches Musizieren, sondern für jeden künstlerischen und gesellschaftlichen Gestaltungsprozess. Es geht ihm nicht nur um die Förderung der begabten Kinder, sondern auch um das Auffinden zu interessierender Kinder. Musikalische Spitze und deren Förderung ist für Güttler unverzichtbar. Alternativlos die gemeinsame Aufgabe aller Bildungsträger für die musische und musikalische "Breitestausbildung" für alle Alters- und Lebenssituationen und in allen Einrichtungen.

Ohne besagte Beharrlichkeit wäre sicher sein Engagement für das vielbeschworene "Wunder von Dresden", den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, dessen Realisierbarkeit ich als gebürtiger Dresdner zwar erhofft, anfangs aber nicht für möglich gehalten hatte, nicht zu einem so durchschlagenden Erfolg geworden.

Auch die Tatsache, dass zum 21. Jahrgang 2013 das Sächsische Musikfestival "Sandstein und Musik" unter seinem Festivalleiter Ludwig Güttler mit dem Leitgedanken "Die Musik beginnt, wo Worte versagen" mit hochkarätigen Konzerten aufwartet, ist ein beredter Beweis für sein Streben, "mit Musik Berge zu versetzen", wie die jüngst über ihn erschienene Biografie titelt.

Der besessene Musiker, der brillante Virtuose, der leidenschaftliche Musikvermittler, der unermüdliche mahnende Kulturpolitiker und rastlose unternehmende Kulturmanager kennt keinen Ruhestand. Er möchte ihn, so scheint es, auch nicht kennenlernen. In vielen Dingen der Kultur ist er unterwegs und nimmt gern all jene mit, die sein Tempo und seine Ziele mögen. Seit zwei Jahren pflegen wir miteinander einen kleinen kulturpolitischen Diskurs. Seine Prämissen sind Lebensweisheiten und Haltungen zugleich: ohne Pflicht keine Kür, ohne Mühe kein Erfolg, ohne Engagement keine Veränderung, keine Freiheit ohne Verantwortung. Das zeichnet ihn aus.

(Ulf Großmann, 1957 in Dresden geboren, ist seit 2011 Präsident der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Er studierte 1978 bis 1982 an der Musikhochschule Weimar. 1982 bis 1990 war er Musiklehrer und Chorleiter in Görlitz. 1990 wurde Dezernent für Kultur, Sport und Tourismus in der Neißestadt, ab 1994 wirkte er hier als Erster Bürgermeister für Kultur, Bildung, Sport, Jugend, Soziales und Tourismus.)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.06.2013

Ulf Großmann

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