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Regional Beeindruckender Brecht: „Der gute Mensch von Sezuan“ ganz ohne Dialektik
Nachrichten Kultur Regional Beeindruckender Brecht: „Der gute Mensch von Sezuan“ ganz ohne Dialektik
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19:15 25.02.2018
Betty Freudenberg (Shen Te) und Matthias Reichwald (Yang Sun). Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Debüt einer schon sehr erfahrenen jungen Regisseurin nun auch am Dresdner Staatsschauspiel: Nora Schlocker hat dem am Ende begeisterten Publikum im Schauspielhaus Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ in einer sehr ästhetischen, präzisen, einfallsreichen, dabei sehr emotionalen, aber weniger analytischen oder gar lehrhaften Inszenierung offeriert. Statt der drei Götter, die bei Brecht die Provinz Sezuan heimsuchen, um nur einen einzigen guten Menschen zu finden, bietet sie gar einen ganzen Kammerchor (aus Pesterwitz) auf, der von der Höhe des ersten Ranges in mystisch klangvollen Gesängen seine Erwartungen und Belehrungen von sich gibt. Begrüßt werden die Himmlischen vom Wasserverkäufer Wang, zur Premiere von Anton Petzold, einem aufgeweckten Jungen von etwa 15 Jahren, der auch keine Scheu hat, im Publikum nach dem nötigen Quartiergeber zu suchen. Alternierend tut das der gleichaltrige, ebenfalls schon theatererfahrene Thien Phuoc Nguyen.

Aber wer auch immer, er findet in dieser von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Profession bevölkerten Provinz nur, und das mit knapper Not, die Prostituierte Shen Te, die in ihrer Unfähigkeit zum Neinsagen auf eine kleine Einnahme verzichtet. Ohne dabei im geringsten auf eine unerwartet reiche Belohnung zu spekulieren. Was dann als metallisch harter Segen herabregnet auf ein matt stählern schimmerndes Podest, das im Grunde schon das Bühnenbild ausmacht, wird sich freilich schnell als gar zu flüchtiger Besitz erweisen.

Der abstrakte, durch unterschiedliche Neigungen des Podests wandelbare Bühnenraum scheint von Jessica Rockstroh vor allem zur perfekten Präsentation der abenteuerlichsten und extravagantesten Kostüme (Caroline Rössler Harpe) geschaffen. Zwar gewinnt die Vorstellung von einem Tabakladen darauf weder rechte Gestalt noch Gehalt, aber ein ausgesucht besetztes Ensemble kann sich eindrucksvoll zur Schau stellen, während sich der Inhalt einer mehr oder weniger nur als Indiz dastehenden Holzkiste allzu bald in Rauch aufzulösen scheint. Denn die Nachricht von dem neuen Laden lockt in Windeseile allerlei Schmarotzer und Nichtsnutze an, die Genuss und Unterschlupf suchen und sich dann über die Mängel eines gastfreien Aufenthalts auch noch beschweren. Eine ganze Großfamilie ist das mit Hannelore Koch als eine Art Patriarchin und Karina Plachetka als Schwägerin dazu, eine schrille Person, beide auch dem ältesten Gewebe nachgehend, mit einem vertrottelten Großvater (Hansruedi Humm), einem bettelnden oder stehlenden Kind (Eva Lotta Wuttke / Darya Zaretskaja), zwei nur nörgelnden inkompetenten Männern (Moritz Dürr, Malte Homfeldt). Eine schön penetrante Gesellschaft, die aber Armut nicht alles wahres Elend, sondern fast als eine Art Lifestyle erscheinen lässt.

Allerdings sind mit der Geschäftsübernahme, die Shen Tes kleines Kapital bereits aufgebraucht hat, noch zusätzliche Aufwendungen verbunden, die von den entsprechenden Gläubigern alsbald in wucherhaften Rechnungen geltend gemacht werden. Natürlich von der Hausbesitzerin Mi Tsü (Deleila Piasko), einer scheinbar eiskalten Grande Dame in bordeauxrotem Kleid mit endlos langer Schleppe, die die Miete für ein halbes Jahr im Voraus fordert. Aber auch der Schreiner Lin To will Geld für die Ladeneinrichtung, wobei man wohl sagen darf, dass Sven Hönig als sympathisch korrupt daherkommender Polizist, der übrigens das Publikum immer wieder zu fragwürdigen Recht-und-Ordnung-Gedanken animiert, deutlicher in Erinnerung bleibt. Die Einzige, die irgendwann auch mit Verständnis und guten Ratschlägen gegenüber Shen Te aufwarten wird, ist die Witwe Shin. Die aus Rumänien stammende Gina Calinoiu spricht sehr betont mit einem breiten Akzent, bewegt sich etwas exaltiert puppenhaft, aber sehr präzise und gewinnt damit an Präsenz. Sie lässt das Ganze schließlich als eine Art Marionettenspiel mit Puppen aus unterschiedlichen Garnituren erscheinen und nicht nur als zufälliges Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund.

Wie dem auch sei, erst einmal kann nichts das sich ausbreitende Gefühl der Bodenlosigkeit stoppen, bis Shen Te einsieht, dass sie die Situation nur mit Hilfe ihres Vetters Shui Ta meistern kann, den sie erschafft und in dessen Rolle sie schlüpft. Und tatsächlich scheint der im Unterschied zur schlecht beleumdeten Cousine kreditwürdig, kann einen ganz anderen Ton gegenüber den Geschäftspartnern anschlagen und das ganze Gelichter mit Hilfe der Polizei rasch vor die Tür setzen. Er könnte seine Cousine sogar mit einem wohlhabenden Barbier verheiraten, mit dessen Geld das Manko begleichen. Moritz Dürr gibt dafür eine überaus gepflegte, alles andere als denunzierend unsympathische Erscheinung ab: einen gebildeten Reichen, in den man sich vielleicht sogar verlieben könnte. Doch dann begegnet Shen Te dem lebensmüden verhinderten Flieger Yang Sun. Sie rettet ihn, um sich sogleich unsterblich und völlig unvernünftig in ihn zu verlieben.

Betty Freudenberg und Matthias Reichwald gewinnen der für das Tragische eigentlich viel zu banalen Geschichte zwischen den beiden sehr viel Berührendes ab, nicht zuletzt, weil sie sich als Nicht-Kunstfiguren begegnen. Sie versucht bis zuletzt, ihrem Gefühl zu folgen, aber als sie sich völlig aufgeben oder wegwerfen müsste, entschließt sie sich, ihren eigenen Weg zu gehen. Er, ein Macho von geradezu unschuldiger Selbstverständlichkeit, ist überzeugt, sie jederzeit um den Finger wickeln zu können. Die Aussicht, an ihr Geld zu kommen, weckt ungeahnte Kräfte. Doch er liebt sie auch, auf seine Weise, kämpft um sie mit freilich völlig falschen Mitteln und letzten Endes brutaler Leidenschaft. In der hier gespielten Fassung von 1943, die sich zum Teil erheblich von der im selben Jahr in Zürich uraufgeführten unterscheidet, ist er auch noch dem Opium verfallen. Gerade noch bekommt er mit, dass er Vater werden wird. Es kommt nicht zu der vertrackten Situation, dass er Shen und Shui unbedingt gleichzeitig sehen will.

Die Balance des taktisch begründeten Verwandlungsspiels gerät natürlich dennoch in Gefahr, aber das Spiel von Betty Freudenberg mit den beiden Seiten ist zu „organisch“ einer natürlichen Notdurft gehorchend, um Schmerz und Schärfe der durch das göttliche Gebot „gut sein und trotzdem leben“ provozierten Persönlichkeitsspaltung erlebbar zu machen, in der die eine Seite immer menschlicher, mitfühlender, die andere immer skrupelloser, ja verbrecherischer werden muss, um zu überleben. Shui Ta herrscht schließlich in wucherndem Gewand über ein kleines Imperium, aber die schwangere Shen Te leuchtet gewissermaßen in ihrer Güte durch ihn hindurch. So kann am Ende nicht viel passieren, wenn es zum Prozess kommt. Mit den Göttern als weltfremde hilflose Richter, den Armen als untaugliche Zeugen. Nicht etwa gegen einen gnadenlosen Ausbeuter, sondern gegen einen vermeintlichen Mörder, der in Wahrheit das Opfer der Ankläger schützt, indem er, etwas spitz formuliert, die soziale Marktwirtschaft einführt. Die Frage bleibt, ob er sich überflüssig machen kann, aber die Götter versagen opportunistisch die Antwort, machen sich einfach davon. Das ist doch kein Schluss, empört sich Shen Te, die ja schließlich ihr Kind zur Welt bringen muss. Doch dieses „Muss, muss, muss!“ klingt nicht gerade nach fundamentaler Kapitalismuskritik.

nächste Aufführungen: heute, 11. & 17. März

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Tomas Petzold

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