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Bachs Johannes-Passion mit Herreweghe

Sächsische Staatskapelle Dresden Bachs Johannes-Passion mit Herreweghe

Dresden und der 13. Februar – das bedeutet die Zeit der Requien. Doch nicht ausschließlich, wie das Konzert von Bachs Johannes-Passion bewies. Am Pult der Sächsischen Staatskapelle stand dabei ein Mann, der als absoluter Experte in Sachen Johann Sebastian Bach gilt: der belgische Dirigent Philippe Herreweghe.

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Die Sächsische Staatskapelle Dresden im Konzert mit dem Collegium Vocala Gent, am Pult Philippe Herreweghe.

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. In die lange Reihe der Requien, die zum 13. Februar bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden gehören, mischt sich auch immer wieder einmal ein vermeintlicher „Außenseiter“. Es erklingt also ein Werk, das keine Totenmesse ist, wohl aber vom musikalischen wie inhaltlichen Gestus zum Anlass passt. In diesem Jahr entschied man sich kurz vor Beginn der eigentlichen Passionszeit für Bachs Johannes-Passion und hatte dazu eine ausgesprochene Autorität in Sachen Bach eingeladen: den belgischen Dirigenten Philippe Herreweghe.

Er gilt heute als einer der herausragenden Protagonisten historisch orientierter Aufführungspraxis, freilich ohne in zu dick aufgetragenem Historismus zu ersticken oder den Eindruck von unumstößlicher Besserwisserei zu vermitteln. Wie vorzüglich es ihm immer wieder gelingt, zwischen musikhistorischen Erkenntnissen, daraus resultierenden, individuellen Ansatzpunkten in der Wiedergabe und einer vielschichtigen, ja lebendigen Interpretation zu balancieren – davon konnte man sich auch und gerade in dieser Johannes-Passion in der Semperoper überzeugen.

Ein Leben lang hat sich Herreweghe mit dem Leipziger Thomaskantor beschäftigt und ein Bach-Verständnis aufgebaut, das hinsichtlich persönlicher Bindung und Tiefe seinesgleichen sucht. Von den vier überlieferten Fassungen der Passion nach dem Evangelisten Johannes bevorzugt Philippe Herreweghe die zweite. Von der Uraufführungsversion des Karfreitags 1724 sind nur wenige Einzelstimmen erhalten, die der letzten und heute üblichen Fassung (die von einem Kopisten vollendet wurde) ähnelt. Die hier zu Gehör gebrachte Version beginnt mit dem eher in sich gekehrten Choral „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ und endet nicht mit dem anrührenden Satz „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“, sondern mit dem verhaltenen, glaubensfesten „Christe, du Lamm Gottes“. Die Arienlandschaft hat sich verändert, ist bildreicher geworden.

Herreweghe verzichtete auch in diesem Konzert auf große dirigentische Gesten, faszinierte durch Dezenz und aus einem verinnerlichten Textverständnis heraus wachsende, gestalterische Überzeugungskraft. Untrennbar mit dem belgischen Dirigenten ist sein Spitzenensemble, das 1970 gegründete Collegium Vocale Gent, verbunden. In handverlesener Kammerchorbesetzung auftretend, homogen und flexibel bis ins letzte Detail, machte dem Ensemble auch diesmal in Sachen Stringenz, Klangqualität und einem fast intim anmutenden Bach-Zugang niemand etwas vor. Solch packende und zugleich präzise gesungene Textauslegungen der Passion hört man wahrlich selten. Man denke nur an die plausibel differenzierten Choräle (z.B. „Durch dein Gefängnis Gottes Sohn“). Auf den Punkt gebracht erklangen die Turbae, etwa die spöttische Chorfuge „Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig“ oder die aufgepeitschten „Kreuzige“-Rufe.

Die angemessen klein besetzte Staatskapelle Dresden schien sich in der barocken, vielschichtigen Klangrede Bachs und bei Herreweghe hörbar wohlzufühlen. Es ging auch an den Orchesterpulten nicht um kalte Distanz, sondern um instrumentale Anteilnahme am Geschehen und gestalterische Glaubwürdigkeit. Was an den obligaten Instrumenten geleistet wurde, war einfach nur berückend schön und überwältigend. Ein so auf lebendige Ausdruckskraft und Feinsinn setzendes Basso Continuo, wie hier durch die Herren um Jobst Schneiderat, ist selten und deshalb umso kostbarer.

Maximilian Schmitt überzeugte durch plastische Erzählkunst und seinen schön timbrierten Tenor in der Evangelistepartie. Krešimir Stražanac ließ seinem Christus vor allem Noblesse angedeihen. Da hätte ich mir mehr Ausdrucksreichtum gewünscht. Zum Konzept passend fügten sich die durchweg wunderbaren Sänger der Arien – Dorothee Mields, Damien Guillon, Robin Tritschler, Tobias Berndt – in den Chor ein. Und allein schon, um Dorothee Mields’ federleichten, silbrigen Sopran zu hören, den beseelten Ausdruck in „Zerfließe mein Herze“ zu erleben, hätte sich das Kommen schon gelohnt.

Noch einmal heute, 20 Uhr, Frauenkirche (!)

Von Mareile Hanns

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