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Regional Autor Ferdinand von Schirach lädt in Dresden zum philosophischen Diskurs
Nachrichten Kultur Regional Autor Ferdinand von Schirach lädt in Dresden zum philosophischen Diskurs
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09:29 09.04.2018
Ferdinand von Schirach Quelle: dpa
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Dresden

„Lesungen sind eine seltsame Sache“, beginnt Starautor Ferdinand von Schirach am Freitagabend seine eigene. Oft bestünde so eine Veranstaltung aus monotonem Vorlesen und Langweile. Deshalb verwandelt der Autor seinen Besuch im Dresdner Staatstheater kurzerhand in einen philosophischen Salon. Die gesamte erste Stunde referiert er über den Philosophen Sokrates, der wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend zum Tode verurteilt wurde. Vorlesung statt Vorlesen.

Das dürfte auch den ein oder anderen Besucher im ausverkauften Staatstheater zunächst überrascht haben. Doch von Schirach gelingt es, anhand dieses Falls große rechtsphilosophische Fragen aufzuwerfen und ins Heute zu transportieren. Er selbst war 20 Jahre lang Strafverteidiger, bevor er sein erstes Buch veröffentlichte. Die Themen Recht und Justiz sind weiterhin Mittelpunkt seines literarischen Schaffens.

Im Staatstheater liefert von Schirach historische Hintergründe, beschreibt anschaulich das Leben des berühmten Philosophen Sokrates und erklärt kenntnisreich das Rechtssystem Athens um 400 vor Christus. Schnörkellos und klar ist seine Sprache, wahnsinnig klug und bereichernd sind seine Ausführungen. „Zählt Ethik nichts gegen den Bürgerwillen?“, fragt er in Hinblick auf Athens radikale Demokratie, in der Richter per Los bestimmt wurden und Bürger die Gesetze machten. „Was, wenn das Volk einen Tyrannen wählt?“ Wie leicht die öffentliche Meinung zu manipulieren sei, zeige sich gerade am Facebook-Datenskandal, sagt der Autor. Damit bekommt sein Vortrag eine brisante Aktualität.

Immer wieder lässt von Schirach auch trockene Pointen einfließen, zum Beispiel über Sokrates‘ anstrengende Frau Xanthippe. Das Publikum nimmt diese kleinen Anlässe zum Lachen dankbar entgegen. Doch das kollektive kritische Mitdenken steht hier vor der bloßen Unterhaltung. „Wenn wir Sokrates‘ Methode folgen, verändert das alles“, sagt von Schirach. Von dem Philosophen stammt der berühmte Ausspruch: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Und von Schirach formuliert einen Satz, der ebenso in die Geschichtsbücher eingehen könnte: „Recht ist das Gegenteil von Natur.“ Nicht das Überleben des Stärkeren, sondern der Schutz des Schwächeren mache uns zutiefst menschlich. Wenn wir akzeptieren, dass es nicht die eine absolute Wahrheit gibt, könne nur die Humanität Maß unseres Handelns sein, so der Autor.

Bei so viel geistigem Input dient die Pause zum notwendigen Durchatmen. Dann liest der weltweit erfolgreiche Autor aus seinem jüngsten Buch „Strafe“, das nach den Bestsellern „Verbrechen“ und „Schuld“ eine Trilogie abschließt. Entschieden hat er sich zuerst für die Kurzgeschichte „Der kleine Mann“. Sie behandelt den Grundsatz, nicht zwei Mal für dieselbe Tat verurteilt werden zu können, selbst wenn dieser Tatvorgang mehrere unterschiedlich schwere Delikte beinhaltet.

Dass das Dresdner Publikum diskussionsfreudig ist, zeigt sich in der folgenden Fragerunde an den Autor. „Sagen Sie mir, wie ich nach dieser Geschichte noch an unser Rechtssystem glauben soll“, fordert die erste Zuschauerin. Ähnlich spannend wird es mit der zweiten Frage: „Angesichts neuer Methoden wie der DNA-Erkennung, ist es da noch richtig, jemanden nicht erneut verurteilen zu können?“ Zum ersten Mal an diesem Abend spricht von Schirach nun frei. Zuvor hat er alles, selbst lockere Anekdoten, von einem Ipad abgelesen. Er antwortet überlegt, bejaht die Frage und sagt: „Ziel ist nicht immer die Gerechtigkeit im Einzelfall, sondern der Schutz der Rechtssicherheit für alle Bürger.“ Seine Argumente sind fundiert, doch richtig zufriedenstellend wirken sie nicht auf die Gäste.

Live ist von Schirach überhaupt schwer einzuordnen. Seine zweite Geschichte „Der Freund“ erzählt von einem Anwalt, der nach 20 Jahren in diesem Beruf nicht mehr kann. Auch ihn selbst hätten seine Juristenjahre unsicherer gemacht, sagt von Schirach. Während man in seinen Büchern meint, diese Verletzlichkeit aufblitzen zu sehen, bleibt er auf der Bühne seltsam unnahbar. Ganz der Anwalt, freundlich, klug und bestimmt, aber ohne die Fassade zu lüften.

Sei’s drum, aus dem Zuschauerraum schallt ihm das Lob wahrer Fans entgegen. Sie sprechen davon, welches Buch sie berührt hat und danken dem Autor für seine treffenden Worte. Als die Sprache auf von Schirachs Theaterstück „Terror“ kommt, wird deutlich, dass fast alle das Stück, das auch im Staatstheater aufgeführt wurde, gesehen haben. Mehr kann ein Autor nicht erreichen.

Von Friederike Ostwald

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