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Ausstellung über die Schlacht von Wittstock 1636 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden

Ausstellung über die Schlacht von Wittstock 1636 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden

Die schwedische Armee pfiff aus dem letzten Loch, der Krieg schien entschieden, zumal nach dem Debakel bei Nördlingen im Vorjahr. Und nun drohte eine neue Niederlage, war die von Generalfeldmarschall Graf Melchior von Hatzfeld und Kurfürst Johann Georg I.

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Kriegshandwerk ist tödliches Handwerk, wie viele Exponate im Militärhistorischen Museum belegen.

Quelle: BLDAM

von Sachsen geführte Kaiserlich-Sächsische Armee, mit der man am 4. Oktober 1636 südlich von Wittstock an der Dosse in Brandenburg die Schlacht wagen musste, doch deutlich überlegen. Aber der schwedische Feldmarschall Johan Banér hatte einen Plan. Ein doppelter Flankenangriff, einer rechts, einer links, sollte den Sieg bringen. Es war ein riskanter Plan, aber er ging auf.

Die Schweden erbeuteten nicht nur die Artillerie und zahlreiche Vorräte, sondern auch den Kanzlei- und Silberwagen, der außer wichtiger Korrespondenz die Kriegskasse enthielt. Durch den Sieg bei Wittstock war die Sache des Protestantismus nicht verloren, auch wenn das, was 1618 als Religionskrieg begonnen hatte, längst ein politischer Kampf war, in dem halb Europa involviert war. Das große Schlachten und Sterben ging, da sich nach der Schlacht von Wittstock auch das an sich katholische Frankreich auf Seiten der protestantischen Mächte engagierte, noch bis 1648 weiter, so dass man heute vom Dreißigjährigen Krieg spricht, wobei es an sich um "eine Abfolge von verschiedenen aufeinander folgenden Kriegen handelt", wie Oberst Matthias Rogg vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden meint, wo ab Freitag die Ausstellung "1636 - Ihre letzte Schlacht" zu sehen ist.

In der Schau geht es weniger um das eigentliche Schlachtgeschehen vom 4. Oktober 1636, sondern vorzugsweise soll der Lebensalltag im 17. Jahrhundert vermittelt werden, insbesondere der von einfachen Soldaten. "Ein Söldner kam mit seiner Unterschrift unter die Musterungsrolle in einen neuen Rechtsraum und neuen Sozialverband", wie Rogg erläutert. Gezeigt wird, wie es war, als "elender Schiebochse", also als Pikenier, mit einem bis zu 5,5 Meter langen Spieß zu kämpfen.

Möglich wurde diese in Kooperation mit dem sächsischen Landesamt für Archäologie ausgerichtete Zeitreise durch einen spektakulären Fund. 2007 wurde nämlich bei Bauarbeiten südlich von Wittstock ein sechs mal 3,5 Meter großes Massengrab entdeckt. 125 Soldaten, die den 4. Oktober 1636 nicht überlebten, wurden hier in Reih und Glied beigesetzt, von denen 88 in situ dokumentiert werden konnten. Allesamt waren sie zwar ausgeplündert bis aufs Hemd (denn alles von Wert wurde von den Überlebenden eingesackt), aber auch Knochen verraten so manches. Knochen lügen eben - so eine alte Archäologen-Weisheit - im Gegensatz zu schriftlichen Quellen nicht. Sie geben zur Freude der vergleichsweise jungen Disziplin der Schlachtfeld-Archäologie, die sich seit einigen Jahren auch in Deutschland im Aufwind befindet, Aufschluss über die Lebensrealität von Söldnern, über Ernährungs- und Gesundheitszustände. Lange Märsche, Schanzarbeiten, Exerzierübungen mit schweren Waffen hinterließen buchstäblich Spuren an den Knochen, die nach allen Regeln der Kunst von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen erforscht wurden.

So ist die Oberfläche eines ausgestellten menschlichen Schädels nicht glatt, wie es "normal" wäre, sondern porös und knöckerig - ein deutliches Zeichen dafür, dass der Mensch Läuse hatte. "Flöhe und Wanzen gehören zum Ganzen", hieß es einst. Und Rogg lässt wissen, dass sich die Menschen damals nicht komplett entlausten, immer zwei, drei Läuse weiter ihr blutsäugerisches Werk verrichten ließen. Warum? Nun, weil man glaubte, damit die Säfte im Gleichgewicht zu halten.

Ein kleines Stück des Kiefers eines 20- bis 30-jährigen Mannes bezeugt, dass dieser irgendwann in seinem Leben vor Wittstock einen Hieb mit einer Blankwaffe wie Degen oder Säbel in einem früheren Gefecht quer über das Gesicht abbekommen haben muss, er nach der verheilten Verletzung also mit einer ziemlichen Narbe rumlaufen musste. Und ob einer Mundfäule oder TBC hatte, vereiterte Nasennebenhöhlen oder Syphilis im Endstadium - die moderne Wissenschaft lüftet alle Geheimnisse.

Alles in allem werden rund 300 Exponate präsentiert. 50 davon sind menschliche Überreste, wobei nicht auf Schockeffekte gesetzt wird. Die Schau, die von zahlreichen Vorträgen und Lesungen begleitet wird, ist durchaus kindertauglich.

Deutlich gemacht wird, dass hüben wie drüben eine Multikulti-Truppe am Werk war. Rund 100 000 kamen bis 1648 von den Britischen Inseln als Soldaten aufs Festland, gut die Hälfte davon Schotten. Geworben von schottischen Adeligen, kämpften sie - auch um der Armut zu entkommen - hüben wie drüben, meist aber für die schwedische Krone. 1628 wurde das erste von 13 rein schottischen Regimentern in die Armee des schwedischen Königs Gustav II. Adolf eingegliedert, der diese zu seinen besten Truppen zählte. Elf der 125 Toten des Massengrabs von Wittstock waren wohl Schotten, wie die Isometrischen Untersuchungen der Zähne ergaben.

iAb 31. Mai bis 12. November, Militärhistorisches Museum, täglich außer Mi 10-18 Uhr (Mo bis 21 Uhr)

www.mhmbw.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.05.2013

C. Ruf

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