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Ausstellung mit Bildern von Wolfgang Kühne und Carsten Gille bei art+form in der Dresdner Neustadt

Ausstellung mit Bildern von Wolfgang Kühne und Carsten Gille bei art+form in der Dresdner Neustadt

In der aktuellen Ausstellung der Galerie art+form präsentieren sich zwei Künstler mit landschaftlichen Motiven, wie sie von der Grundauffassung her viel unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der Ansatz, Wolfgang Kühne und Carsten Gille unter dem Motto "Feldversuche mit Paradiesgarten" unter einen Hut bringen zu wollen, ist oberflächlich betrachtet ganz plausibel, streng genommen aber auch irreführend. Gewiss, jeder ist auf seine Art einem Ideal auf der Spur oder versucht es festzuhalten. Doch was wird hier experimentiert in freier Natur?

Gille, der zwischen Berlin und Frauenstein pendelt, wird irgendwo dazwischen fündig, wirkt dabei aber sehr in sich ruhend, gefestigt und formsicher. Während es Kühne aus künstlerischen und persönlichen Gründen in letzter Zeit immer stärker in die Landschaft seiner Herkunft zieht, nämlich an die Havelmündung, wo er die Weite sucht und findet, den Raum, in dem er winzig erscheinen muss als Beobachter, malt, träumt sich Gille in Refugien, zeigt kleine, aber in ihren Grenzen kaum definierte Ausschnitte, deren Topografie und geografischer Zusammenhang im Grunde unwesentlich sind, die vielmehr als Tableau erscheinen, als Rahmen für märchenhafte, nicht immer idyllische Zusammentreffen von Natur, Mensch, Tier, wobei erstgenannte auch einmal ganz unter sich sein kann (Gelber See) und letzteres gefangen, wie eine fast schon riesige weiße Taube (Vögel treten bei Gille überhaupt besonders in den Vordergrund) in einem engen, auf einem Tisch liegenden "Käfig".

Gleichnisse, manche ein bisschen rätselhaft, scheinbar naiv inszeniert. Das Atmosphärische bezieht sich hier vor allem auf seelische Stimmungen, die Kompositionen erscheinen poetisch, musikalisch, abstrakt, Formen und Proportionen entsprechen ebenso unmittelbar Empfindungen wie die auf den ersten Blick meist merkwürdig verhangenen, fremden Farbklänge - Gelb, Grün, Blau und abgestuftes Grau -, bis sich dann der gewissermaßen kumulierte Mangel auch einmal entlädt in Bildern voller geballtem Ocker und Rot wie beim "Bauernhof mit Traktor", einem Bild, das nicht mehr und nicht weniger in beinahe formelhafter Verdichtung enthält.

Kühne dagegen scheut das üppige vielfältige Grün des Sommers, er bevorzugt in der freien Landschaft eher die blasseren Farben und deren grafische Konturen, aber ein kräftiges Blaugrün ist ihm recht am Tor zum Deich, als Tür in einem Hafenschuppen, komplementär zum Rostrot alter Backsteingemäuer, zu tiefbraun gestrichenem Holz. Draußen aber entdeckt er als feinfühliger Beobachter immer mehr auch die faszinierende Dramatik atmosphärischer Ereignisse, so dass seine Himmelspartien manchmal an die gerade im Albertinum zu bewundernden Bilder von John Constable erinnern. Seine Himmel werden immer höher über dem flachen Land, und dabei arbeitet Kühne zuletzt großzügiger und breiter spachtelnd auch mal über die ganzer Bildbreite hinweg, gibt dem Zufälligen gegenüber der Feinarbeit Ton in Ton mehr Raum und damit einer fast schon expressiven Farbigkeit.

Statt spiegelnder malt er aufgeregt gekräuselte Wasserflächen mit viel Himmelsblau darin. "Überschwemmte Wiesen", ein "Abend am Fluss" erscheinen plötzlich zugleich als sedimentartige Schichtungen. Das alles spielt nach den Regeln einfachen Lebens scheinbar abseits von zerstörerischen Kräften einer Zivilisation, die aber diese Landschaften gleichwohl geformt hat. Einmal wagt sich Kühne bis in die Nähe von Containerschiffen, und da scheint die Landschaft gleichsam Kopf zu stehen am tonigen Ufer der Elbe in Hamburg. Wenn er zum Genießerischen kommt, macht Kühne den Widerspruch sichtbar, der Hummer, eben noch lebend auf dem Tisch, begegnet seinem gekochten Ebenbild auf dem Teller, und da ist der Kreislauf irgendwie gestört, der im "Stillleben am Deich" noch zu funktionieren scheint.

Gille dagegen, der im übrigen eher von Kirkeby beeinflusst scheint, arbeitet einerseits noch viel zeitloser, aber doch ist zu spüren, dass er seine stillen Winkel in einem Mittendrin sucht, in dem es (auch) aus äußeren Gründen nicht konfliktfrei zugeht. Man kann das vermuten anhand einer fliehenden grauen Gestalt oder eines Schattens im "Gimmlitztal", hineinlesen in eine Kahnpartie zu dritt ("Gondelteich"), und schließlich hat sich im eigentlichen "Paradiesgarten II" eine hellhäutige Eva von ihrem dunkelhäutigen Adam entfernt und träumt offenbar von ihrer Schwangerschaft. Aber die stille Selbstverständlichkeit, mit der Gille das alles vorträgt, ist doch von Polemik ein Stück entfernt.

Die beiden Auffassungen reiben sich durchaus, vielleicht besonders, weil sie im Handwerklichen durchaus Ähnlichkeiten erkennen lassen - und so scheinen sie sich geradezu gegenseitig in Frage zu stellen, fordern den vergleichenden tieferen Blick, der im besten Fall beiden Künstlern zugute kommt, aber kein oberflächliches Schwelgen zulässt. Nicht nur Glücksfall, sondern geradezu Bedingung, dass sie sich gegenseitig mögen, der Mitte der 70er Jahre von der Dresdner Kunsthochschule ans Laubegaster Elbufer entlassene Kühne und der studierte Kunsterzieher Gille, der sich außerakademisch weitergebildet und längst auch einen Namen als Galerist gemacht hat. Zusammen bieten sie hier tatsächlich so etwas wie einen "Labor"- statt Feldversuch, eine kleine Schule des unvoreingenommenen, durchaus kritischen Sehens. Tomas Petzold

ibis 25. April, geöffnet Mo-Fr 10-20, Sa 10-18 Uhr, Bautzner Straße 11; www.artundform.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.04.2013

Tomas Petzold

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