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Ausstellung „Fremde Werte“ in der Galerie Drei in Dresden

Gemälde, Handzeichnungen, Druckgrafik und Objektkunst Ausstellung „Fremde Werte“ in der Galerie Drei in Dresden

Unter der Überschrift „Fremde Werte“ zeigt die Dresdner Galerie Drei eine Auswahl von Gemälden, Handzeichnungen, Druckgrafik und Objektkunst von 31 Künstlerinnen der Dresdner Sezession 89 sowie Gastkünstlerinnen. Die Schau möchte individuellen und transkulturellen Austausch anregen.

Dresden.  Ich ist ein anderer – Je est un autre. Dieser Satz des Dichters Arthur Rimbaud erscheint in Großbuchstaben auf einem Gemälde der aus Sizilien stammenden Künstlerin Serena Santamaria in der Ausstellung „Fremde Werte“ der Galerie Drei. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan zitierte Rimbaud in seiner berühmten Studie zum kleinkindlichen Spiegelstadium, wonach sich das Kind im Spiegel zum ersten Mal als autonomes Lebewesen wahrnimmt und so ein Ichbewusstsein entwickeln kann. Die Vollständigkeit, die das Kind im Spiegel wahrnimmt, ist eine Täuschung, schließlich sehen wir im Spiegel nicht uns als ganze Persönlichkeit, sondern ein Bild aus der Außenperspektive, das mit den Rollen korreliert, die wir im Leben einnehmen. Im Gegensatz dazu ist unser Ich-Verständnis ein imaginäres, das sich an Idealen und Vorstellungen orientiert.

Diese Spaltung des Ich, die aus dem Diktum „Ich ist ein Anderer“ spricht, ist als Denkanstoß für die Betrachtung von Werken in einer Ausstellung mit dem Titel „Fremde Werte“ geeignet. Schließlich erinnert der Satz daran, dass alle Wahrnehmung und damit auch alle Be-Wertungen – sei es die des Eigenen, vermeintlich Vertrauten oder die des Anderen, ‚Fremden‘ und Unbekannten – stets relativ sind und selbst immer schon jener existenziellen Erfahrung von Fremdheit unterliegen, die auch unser Verständnis vom Ich kennzeichnet.

Die Ausstellung versammelt höchst unterschiedliche Arbeiten von 31 Künstlerinnen – sowohl Vertreterinnen und Ehrenmitglieder der Dresdner Sezession 89 als auch internationale Gastkünstlerinnen, deren Werke die aktuellen Diskussionen um Fremde, Fremdheit beziehungsweise Fremdsein auf der einen und Werte auf der anderen Seite auf je eigene Weise widerspiegeln. Aufgrund der globalen Veränderungen der letzten Jahre und den damit einhergehenden Fragen um Migration, Integration, ‚Anderssein’ und Zugehörigkeit – nach dem, wer sind wir, und wie wir miteinander leben wollen –, erhalten die versammelten Positionen von sämtlich in Deutschland, zumeist in Dresden lebenden Gegenwartskünstlerinnen, die aus unterschiedlichen Regionen der Welt stammen, besondere Brisanz und Dringlichkeit.

Viele der gezeigten Arbeiten setzen sich deutlich sichtbar mit der Problematik von Identität auseinander: Da ist das widersprüchliche Gemälde „Mädchen“ der Spanierin Ainara Torrano, das Porträt einer jungen Nachtschwärmerin von Nadine Wölk, das symbolhaft farb-geschichtete Bildnis der Italienerin Paola Alborghetti und die melancholische Mädchenfigur der Ungarin Dér Virág sowie die maskenhaft erscheinenden Bildnisse von Nazanin Zandi und die nachdenklichen weiblichen Figuren mit Katze in den Tintenzeichnungen der Syrerin Layali Alawad. Noch ausdrücklicher mit Fragen von kultureller Herkunft befassen sich die russischstämmige Elena Pagel im Gemälde „Die Fremde“, Christa Donner im keramischen Bildniskopf mit Gesichtsschleier, Gabriele Reinemer mit ihrem scheinbar orientalisierenden Kännchen und Kerstin Quandt in den „Daseinsfragmenten“ in Tusche und Mischtechnik, darunter eine Zeichnung des toten Aylan Kurdi.

Das Altbekannte anders zu zeigen, damit beschäftigen sich Christiane Latendorf in einer Darstellung des Hl. Georg, Annerose Schulze in der Assemblage „Böser Wolf“ sowie Irene Wieland mit ihren „Heimisch“ betitelten exotisierenden Vogeldarstellungen. Mit traditionellen Schönheitsidealen spielt die chinesischstämmige Yini Tao in der Rolltuschezeichnung „Venus“, während Jiang Bian-Harbort die Abbildbarkeit einer Person in verwischten Tuscheformen befragt. Identitätsfragen thematisiert auch die Bildhauerin Keren Shalev, die mit abstrakt-expressiven Tusche-Graphit-Zeichnungen vertreten ist.

Um die Identifikationskraft von Orten geht es bei Rita Geißler in dem Tiefdruck „Zerstört“, bei der Würfelinstallation „Les matins qui chantent“ der Französin Sophie Cau, aber auch in den minimalistischen Aquatinta-Pastellen von Dora Kourtesa aus Griechenland, in den flächig deformierten Landschaftsdarstellungen der Polin Monika Grobel Jaroschewski, den Landschaftsgemälden von Maria Mednikova aus Russland und den Monotypien der aus Jerusalem stammenden Talia Benabu sowie, in ganz anderer medialer Umsetzung, in der Videoarbeit von Olga Guse.

Gegenstände der uns umgebenden Welt zu entfremden und anders sichtbar zu machen, ist das Anliegen der Keramikarbeit „Tüte, geknotet“ von Heidemarie Dreßel. Mehrere Künstlerinnen spüren den der äußeren Erscheinung zugrundeliegenden Binnenstrukturen und deren Formpotenzial nach: die Chilenin Muriel Cornejo in dem Objekt „Rote Wege“ aus Korbweide und Textilgewebe; Kerstin Franke-Gneuß in abstrahierenden Aquatintaradierungen, Gerda Lepke mit einer fasrig-verästelten Figurendarstellung. Bei anderen Künstlerinnen rücken kleine Ausschnitte der Wirklichkeit in den Fokus, wie in den Schwarzweißfotografien auf Bütte von Annina Hohmuth, der scherenschnittartigen Collage von Christine Heitmann und den zum Flächenornament verbundenen Pflanzendarstellungen von Thea Richter.

Werte sind ein weites Feld. Kunst und Kultur, Wirtschaft, Politik bedienen verschiedene Wertsphären und haben im Laufe der Zeit unterschiedliche ästhetisch, qualitativ, materiell, monetär oder moralisch begründete Bewertungen entworfen – so wie jeder Mensch abhängig von Geschlecht, Ort, Zeit und anderen Faktoren im Laufe des Lebens unterschiedliche Werte ausprägt und entsprechende Bewertungen vornimmt. Auch der Begriff der „Kultur“ unterliegt Wandlungen, und gerade sie kennzeichnet variable ‚Bewertungen der Werte’.

Werte (nicht: Rechte!) sind relativ und müssen ständig neu verhandelt werden, in und von einer Gesellschaft, auf Seiten der Künstlerinnen und Künstlerinnen ebenso wie auf Seiten des Publikums. Bildende Kunst – und die ergebnisoffene Beschäftigung mit ihr – kann jene alte Gefahr bannen, die ja nicht nur bei ästhetischen Werturteilen eine große, zähe Rolle spielt: die Gewohnheit. Die Kunst kann diese aufbrechen und unsere Sicht auf die Welt und das Gegenüber verändern, ja sogar das Sehen selbst um-werten.

Ausstellung „Fremde Werte“. Bis 13. Januar in der Galerie Drei/Dresdner Sezession 89 e. V., Prießnitzstraße 43, 01099 Dresden. Geöffnet Mittwoch bis Freitag, 15 bis 18 Uhr, Samstag, 12 bis 14 Uhr. Siehe: www.sezession89.com

Von Teresa Ende

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