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Regional Ausdruck und Farbe - Malerei und Grafik von Erich Fraaß in der Kunsthandlung Koenitz
Nachrichten Kultur Regional Ausdruck und Farbe - Malerei und Grafik von Erich Fraaß in der Kunsthandlung Koenitz
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22:52 09.09.2015
Erich Fraaß: Liegende (Margarethe Fraaß), um 1925, Öl auf Leinwand. Repro: Galerie

Sein darin angesprochenes, besonderes Verhältnis zur Farbe ist in der gesamten Ausstellung spürbar. Zunächst zieht das Großformat einer "Liegenden" in rotleuchtendem Kleid auf grüner Wiese alle Blicke auf sich. Alles, was Fraaß' reifes malerisches Werk auszeichnet, war in diesem Bild von 1925 schon angelegt. In einfachem, hier bildparallelem Aufbau konzentrierte er sich stets auf wenige überschaubare Elemente und gelangte damit zu eindringlich dichten Kompositionen von unpathetischer Monumentalität. Er ging nah an seine Objekte heran und gab ihnen mit malerisch klaren Farben eindeutige Form.

Doch die Grafik lässt weiter zurückblicken und zeigt auch Umbrüche in seinem Schaffen. 1893 in Glauchau geboren, hatte Fraaß in einer elfköpfigen Weberfamilie eine "ernste und herbe Kindheit" durchlebt. Eine Lithografenausbildung brach er ab, nachdem der kunstsinnige Pfarrer seiner Gemeinde durch Sammlungen bei Textilfabrikanten ab 1910 ein Studium an der Dresdner Kunstgewerbeschule und 1913 an der Königlichen Kunstakademie ermöglichte. Seine Tusche- und Sepiablätter aus diesen Jahren haben etwas vom beharrlichen Ernst, mit denen auch der junge van Gogh die grobe Anmut des ländlichen Lebens in seiner unmittelbaren Umgebung zu Papier bringen wollte. Durch sicher gesetzte Licht- und Schattenkontraste vermochte er damals schon, figürlich plastische Bewegtheit und räumliche Staffelungen überzeugend zu formulieren.

Interessant ist, dass Fraaß durch seinen Zeichenlehrer Richard Müller zwar im genauen Erfassen seiner Motive bestärkt wurde, sich jedoch nicht von dessen realistischer Penibilität erfassen ließ. Oskar Zwintscher, der sich mit Freunden und Kollegen im Goppelner Malerkreis zur Freilichtmalerei traf, regte auch seine Studenten zu intensivem Naturstudium vor der Natur an. Dies ermutigte Fraaß darin, sich nicht nur Mensch und Tier, sondern auch der unverstellten Landschaft zuzuwenden. Doch Zwintschers schönlinige, durchgeistigte Noblesse blieb ihm fremd. Zeit seines Lebens bevorzugte Fraaß das einfache Sujet.

Nach dem ersten Weltkrieg, in den er 1914 freiwillig gezogen und 1918 ernüchtert, verwundet und menschlich gereift, zurückgekehrt war, konnte er nicht sofort an das bis dahin Geschaffene anknüpfen. Die Ausstellung zeigt einige seiner wenig bekannten Holzschnitte von 1919 und 1920, in denen er mit symbolistisch überhöhten, expressionistischen Holzschnitten auf die extrem angespannten Zeitumstände reagierte. Am ergreifendsten ist die in hartem Schwarz-Weiß gehaltene Präsenz eines Paares in "Umarmung", das vor Flammen und stürzenden Häusern fliehend, ein Kind an sich pressend, einen Ruhepunkt sucht.

1919 bis 1922 setzte Erich Fraaß sein Studium fort. Als Meisterschüler Robert Sterls, mit dem ihn soziales Denken, Engagement und das künstlerische Bekenntnis zur Farbe als einem der wesentlichsten Gestaltungsmittel verband, begann eine fruchtbare und erfolgreiche Schaffensphase. Beide entwickelten eine kollegiale Arbeitsatmosphäre, die auch durch die Abkehr des Schülers von des Meisters temperamentvollem Spätimpressionismus nicht beeinträchtigt wurde. Fraaß' Malweise fand zu beruhigter, gebändigter Kraft zurück. Aber die Grafik dokumentiert auch für diese Etappe einen intensiven Selbstfindungsprozess: In unruhig erregten Linien radierte er um 1922 elementar menschliche Themengruppen wie "Schwangere", "Mutter" und "Samariter". Tuschezeichnungen reflektierten Studienfahrten nach Holland und Spanien, in denen sich der nunmehr frei schaffende Künstler mit Licht und Stofflichkeit bei Rembrandt, Goya, Greco, auch Velázquez auseinandersetzte.

Es ist ein aufschlussreiches Konzept, mit dem die Kunsthandlung Koenitz das scheinbar homogene Werk des Malers auch in seinen Unruhephasen und von seiner weniger bekannten Seite vorstellt. Der rote Gang zwischen vor- derem und hinterem Hauptraum bietet sich als intimeres Grafikkabinett geradezu an: Ab Mitte der 30er Jahre markierten zahlreiche Linolschnitte in expressivem Duktus die Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus. Nach dem Verbot der Neuen Dresdner Sezession 1934 wurde ihm, als Mitbegründer und Vorsitzendem, 1935 die Künstlerschaft aberkannt. Halt gaben ihm seine Familie, die Verbundenheit mit seinem Wohnort Gostritz nahe Dresden und mit den Malerfreunden der Aufrechten Sie- ben. Während gemeinsamer Wanderungen mögen die Buntstift- und Tuschezeichnungen "Kornpuppen", "Zittauer Gebirge" und "Waldinneres" entstanden sein.

Als 1945 beim Angriff auf Dresden sein Atelier auf der Ammonstraße zerstört wurde, ging nicht sein gesamtes bisheriges Werk zugrunde. Einen Teil hatte er auslagern können. Überlebt zu haben war das größte Geschenk. 1947 wurde er Dozent, 1953 bis 1958 Professor an der Hochschule für Bildende Künste. Ölgemälde von großartiger räumlicher Tiefenwirkung wie die "Heimfahrt" auf dem Ochsenkarren, die wiederum von einer Tuschezeichnung begleitet wird, die "Felder" von 1948 in nahezu endloser Weite und der durchsonnte "Blick in den Hirschgrund" von 1952 bieten malerische Höhepunkte, wie wir sie von Fraaß kennen und schätzen. Auf manch andere bekannte Beispiele des Spätwerkes wurde zugunsten der weniger bekannten verzichtet. So erschließt die Ausstellung das Werk eines der bedeutendsten Dresdener Realisten der Dix-Generation unter neuen Gesichtspunkten.

Bis 10. März, Kunsthandlung Koenitz, Obergraben 8. Montag-Sonnabend 10-19 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2012

Jördis Lademann

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