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Aus der Zeit gefallen: Der Neue Sächsische Kunstverein hält Rückschau

Phantom Fama Aus der Zeit gefallen: Der Neue Sächsische Kunstverein hält Rückschau

Die kleine Sommerausstellung des Neuen Sächsischen Kunstvereins erinnert an große Zeiten. An die Zeit des euphorischen Aufbruchs im Jahr 1990, an große, für viele unvergessliche Kunstereignisse in den folgenden Jahren. Heute führt der gleichwohl noch immer mitgliederstarke Verein ein kaum noch wahrnehmbares Nischendasein.

Verschiedene Plakate aus der Schaffenszeit des Neuen Sächsischen Kunstvereins.

Quelle: Tomas Petzold

Dresden. Die kleine Sommerausstellung des Neuen Sächsischen Kunstvereins (NSKV) erinnert an große Zeiten. An die Zeit des euphorischen Aufbruchs im Jahr 1990, an große, für viele unvergessliche Kunstereignisse in den folgenden Jahren. Heute, zwei Jahre nach seinem Vierteljahrhundert-Jubiläum, führt der gleichwohl noch immer mitgliederstarke Verein ein im sächsischen Kunstbetrieb kaum noch wahrnehmbares stilles Nischendasein. Und so lässt diese Rückschau im Asyl am Schützenplatz allenfalls eine wehmütig-nostalgische Stimmung aufkommen. Selbst der Zeitzeuge, der an sehr vielen der hier erinnerten Veranstaltungen teilgenommen hat, ist überrascht, den Jüngeren bleibt wohl nur ungläubiges Staunen. Eine sicherlich ungewollte Auslegung des Ausstellungstitels „NSKV zwischen Tradition und Moderne“ drängt sich auf: Man ist aus der Zeit gefallen.

Viel verpuffte Energie

Doch die wirkungsvoll arrangierten Flyer, Veranstaltungs- und Ausstellungsplakate sind echt und authentisch, auch wenn man einschränken muss, dass die verdichtete Darstellung eine entsprechende zeitliche Abfolge suggeriert, die es so auch nicht gegeben hat. Besonders groß war unbestritten die Ausstrahlung der jährlichen Kunstfeste, die nicht zuletzt das öffentliche Bewusstsein und Interesse für bedeutsame Dresdner Orte schärften. Beginnend an dem der Sehnsucht: in der Ruine des Kunstvereinsgebäudes an der Brühlschen Terrasse, mittlerweile nach Dresdner Sitte Lipsiusbau genannt und von den Staatlichen Kunstsammlungen kalt einverleibt. Über die Marienbrücke, das Kasernengelände an der Stauffenbergallee und die Festungskasematten führte der Weg bis nach Hellerau. Dass dort mit der 6. Folge die Serie endete, und zwar mit „Feuer und Flamme“, hatte doppelten Symbolcharakter im Sinne von viel verpuffter Energie.

Bestens vernetzt

Aufgebracht worden war sie nicht allein von einer Anzahl engagierter Künstler, die sich im Unterschied zum historischen Sächsischen aus verschiedenen Sparten zusammengetan hatten. Unter den 17 Gründungsmitgliedern vertraten, den Architekten Steffen Gebhardt eingerechnet, lediglich fünf die bildende Kunst, aber sechs die Musik, drei den Tanz. Noch wichtiger war, dass es sich zumeist um Verantwortungsträger, Leiter von Kunstinstituten handelte. Der damalige Dresdner Stadtrat für Kultur war dabei: Werner Schmidt war auch eine moralische Instanz, und der Schauspieler Friedrich Wilhelm Junge war ein immer auf Hochtouren laufender Motor, den freilich auch die Suche nach einer Bleibe für das Dresdner Brettl antrieb. Die Vernetzung untereinander und mit der Politik – nicht allein der sächsischen – war hervorragend. Fördermittel, subjektiv betrachtet stets zu knapp, flossen anfangs reichlich.

Richters Kerzen und Park der Sinne

So gelang es dem NSKV, Gerhard Richter für eine spektakuläre Aktion zum 50. Jahrestag der Bombardierung Dresdens zu gewinnen und ein Riesenposter mit dessen Werk „Zwei Kerzen“ am Akademiegebäude an der Brühlschen Terrasse aufzuhängen. Auch und gerade der „Park der Sinne“ als alljährlich im Juni stattfindender familiärer Treff von sogenannter Hochkultur, Unterhaltungs- und Kleinkunst bleibt wohl für viele unvergesslich – nach dem Auszug des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik aus der Schevenstraße und einem halbherzigen Fortsetzungsversuch in Hellerau für immer verschlossen.

Die nach heutigen Maßstäben reichlich geflossenen öffentlichen Mittel wurden großzügig eingesetzt, Chancen für nachhaltiges Engagement gab es offenbar nicht. Mit dem allgemeinen „Generationswechsel“ in der Politik wie in den Leitungen der Kunstinstitute der Landeshauptstadt wurden zumeist andere Prioritäten gesetzt, die guten Verbindungen rissen ab. Nutznießer der vom Neuen Sächsischen Kunstverein angeregten und mit getragenen Spendenaktionen (u.a. Benefizkonzerte in der Semperoper) waren letztlich andere, der Verein fand nie eine eigene feste Bleibe, als Neugründung konnte er nicht die Besitzansprüche des geistigen Vorgängers geltend machen.

„Sächsisch“ – eher ein guter Vorsatz

Auch blieb das „sächsisch“ im Namen allenfalls ein guter Vorsatz. Mit dem allmählichen Ausscheiden aller Protagonisten der Anfangszeit – nur zum Teil aus Altersgründen – ging die kulturpolitische Bedeutung trotz gelegentlicher immer noch herausragender Projekte, wie der vor zwei Jahren in Dresden, Wroclaw und Kielce gezeigten Ausstellung zeitgenössischer Fotografie, immer mehr dahin. Auch der Kooperationsvertrag mit dem Europäischen Zentrum Hellerau scheiterte. Ohne ein eigenes Wirkungszentrum, ohne ausreichende finanzielle Mittel (die ohnehin nicht sehr hohen Mitgliedsbeiträge können durch Überlassung von Kunstwerken abgegolten werden) wurden die ursprünglich anvisierten Ziele schlicht unrealistisch. Wer das genauer nachvollziehen möchte, kann es anhand der akribisch geführten Pressemappe des Vereins tun, die in der Ausstellung ausliegt – und sich der angebotenen Flyer, unter anderem mit Erinnerungen von Ulrike Scheffler (Geschäftsführerin 1990-2008) und Karin Weber (Geschäftsstellenleiterin 2009-2017), bedienen.

Keine Wunder

Das schöne Logo von Jürgen Haufe mit der Fama auf der „Zitronenpresse“ des Akademiegebäudes dient zwar auch heute noch als Markenzeichen des Vereins, hat sich aber längst zum Phantom gewandelt. Auch die gleichnamige, einst vierteljährlich erscheinende Kunstzeitschrift des Vereins hat längst ihr Erscheinen eingestellt. Mittlerweile sind anscheinend auch die Konzert- und die Lesereihe auf der Strecke geblieben. Lediglich zwei Ausstellungen im Kunstraum am Schützenplatz sind derzeit für den Rest des Jahres angekündigt.

Kommentieren lässt sich das letztlich schlecht, die Zeiten sind halt so, dass von der verbliebenen Mitgliedschaft bei aller durchaus vorhandenen Kompetenz keine Wunder erwartet werden dürfen.

bis 26. August, Di-Fr 14-18, Sa 10-14 Uhr. Weitere Ausstellungen im KUNSTRAUM Dresden, Schützenplatz 1: „Transformationen“ – 27 Dresdner Künstlerinnen in einem ungewöhnlichen Projekt; 2. bis 30. September.

Von Tomas Petzold

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