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Regional Auftakt auch fürs Festival im Festival
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18:46 11.05.2018
Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele mit der Königlichen Kapelle Kopenhagen unter Dirigent Hartmut Haenchen und Cellist Jan Vogler. Quelle: Oliver Killig

Das Besondere im diesjährigen Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele spiegelte sich im Aufeinandertreffen des aktuellen Intendanten mit seinem Vorgänger. Das gab es noch nie. Beschränkt sich das Besondere allein auf diese Tatsache? Mitnichten.

Ganze vier Wochen lang spiegelt sich Dresden in diesem Frühjahr als Kunst-, Kultur- und Musikstadt in den Musikfestspielen, die sich diesmal das Thema „Spiegel“ aufgesetzt haben. Klingt beliebig, nicht? Geradezu banal. Reflexion ist in der Kunst schließlich irgendwie alles. Sowieso in der Musik.

Was Jan Vogler und sein Team mit dem diesjährigen Motto anfangen wollen, ist freilich eine vielversprechende Ansage. Da sollen tatsächlich Für und Wider eingefangen, ja hörbar gemacht werden. Und obendrein gibt es mit „Cellomania“ noch ein Festival im Festival, bei dem das Instrument des Jahres – zugleich das des Intendanten – im Mittelpunkt steht. Nicht weniger als 19 Künstlerinnen und Künstler werden in den nächsten vier Wochen mit dem Violoncello zu Gast sein. Mal solistisch, mal gemeinsam.

Auch hierfür gab’s im Eröffnungskonzert den passenden Auftakt. Jan Vogler interpretierte den Solopart des 2. Cello-Konzerts von Dmitri Schostakowitsch. Sein Amtsvorgänger Hartmut Haenchen dirigierte. Eine Wiederkehr in den Kulturpalast, wo der 1943 in Dresden geborene Musiker für zahlreiche Sternstunden gesorgt und sie mit der Philharmonie, diversen Gastorchestern sowie dem gemeinsamen Publikum geteilt hat.

Zur Festspieleröffnung saß die Königliche Kapelle Kopenhagen auf dem Podium des neuen Konzertsaals. Dasselbe Programm gab sie zwei Tage zuvor im Opernhaus der dänischen Hauptstadt. Auch dort mit Haenchen und Vogler. Quasi als Spiegel europäischer Musikgeschichte, denn das 1448 gegründete Orchester zählt zu den traditionsreichsten Klangkörpern überhaupt. Mit geradezu „königlichem“ Plauz wurde der 41. Musikfestspiel-Jahrgang eröffnet. Eine „Maskerade“ vorm Spiegel. Die Ouvertüre zur gleichnamigen Oper des Dänen Carl Nielsen gilt in dessen monarchischer Heimat als nationales Heiligtum. Kein Wunder, dass die Kapelle hier schon bravourös loslegte.

In Dmitri Schostakowitschs 1966 entstandenem Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2, dem zentralen Werk des Abends, wird die Leidensgeschichte des 20. Jahrhunderts ins Heute gespiegelt. Beim Weiterdenken im Mithören könnte es auch eine musikalische Gegenwartsbeschreibung sein. Klagesang im Eingangssatz, das Soloinstrument darin wie eine Singstimme hörbar, wenig später im Wechselspiel mit dem Kontrafagott als eine Art Fatum zu spüren – ein Aufbegehren gegen den Pessimismus nicht nur des Alters (Schostakowitsch hat es sich zum 60. Geburtstag geschrieben, unmittelbar vor einem Herzinfarkt), auch um den Zustand der Welt. Rede und Widerrede zwischen Solist und Orchester erscheinen anpackend, ja hinreißend, nicht aber genussvoll. Schönfärberei ist Spiegels Sache schließlich nicht.

Hartmut Haenchen, Kapelle und Jan Vogler hoben das Skurrile des Konzertes hervor, in dem vor allem das Holz großartige Aufgaben zu bewältigen hat, die Virtuosität nicht nur des Soloparts wurde als Selbstverständlichkeit geliefert und kaum extra ausgestellt. Die verinnerlichte Spiegelung einer großen (Lebens-)Geschichte.

Nach diesem beinahe kammermusikalisch ausklingenden Konzert mochte der Eingangssatz von Brahms’ Erster wie ein Spiegel Beethovenscher Sinfonik gewirkt haben, zumal die zunächst recht gehetzten Pauken eine Dramatik suggerierten, die erst im Mittelteil des ersten Satzes fulminant aufgefangen worden ist. Das ohne Taktstock geformte Andante gelang dann geradezu plastisch, eine wie aus dem Oboensolo heraus erzeugte Spannung, die das vorzügliche Klangbewusstsein von Dirigent und Orchester unter Beweis stellte. Ob Hörner mit ihren samtenen Solopassagen, ob Klarinetten und Flöten – hier entstand ein Konstrukt lyrischer Andächtigkeit und triumphaler Allmacht. Lediglich im packenden Finale wäre weniger womöglich mehr gewesen, die Durchhörbarkeit des Orchesterapparats hätte gewiss nicht darunter gelitten.

Nachdem Jan Vogler bewusst auf eine Zugabe verzichtete – auf Schostakowitschs biografisch-gesellschaftliches Vexierspiel hätte kaum eine Bach-Solosuite gepasst –, setzte Hartmut Haenchen zur großen Freude des Publikums noch was drauf und spiegelte mit Brahms seine Freude, endlich wieder einmal in Dresden aufgetreten zu sein.

www.musikfestspiele.com

Von Michael Ernst

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