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Auf der Straße der Besten: Todd Clouser lieferte den Saisonbeginn im Dresdner Jazzclub Tonne

Auf der Straße der Besten: Todd Clouser lieferte den Saisonbeginn im Dresdner Jazzclub Tonne

Doch, der legendäre Jazzclub "Cliff Bell's" in Detroit - 1935 erstmals eröffnet! - ist grandios. Und "Buddy Guy's Legend" in Chicago natürlich auch, keine Frage.

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Todd Clouser: gut auch mit Hut.

Quelle: Dietrich Flechtner

Aber eigentlich begreift man erst in Clubs in den USA immer so recht, warum nahezu alle Musiker so außerordentlich gern nach Deutschland kommen. Zunächst einmal wird in den USA während der Konzerte gegessen. Amerikaner essen einfach immer. Und: geredet. In dem Land, in dem in jedem Zimmer ein Fernseher steht, hört man nicht einfach nur einer Band zu. Das wäre ja viel zu wenig Beschäftigung...

Deshalb bedanken sich so viele Musiker hierzulande für die Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wird. Und deshalb können solche Konzerte entstehen wie der Saisonauftakt der Tonne mit Todd Clouser's A Love Electric. Denn so etwas entwickelt sich - nur Betriebswissenschaftler könnten etwas anders behaupten - im Zusammenspiel mit dem Publikum. Da sind Energien beteiligt, die jeder spüren kann, der Augen hat zu hören.

Todd Clouser ist ein spindeldürrer Jungspund, dessen Gesicht und Mimik an Campino von den Toten Hosen erinnert, der mitten im amerikanischen Nirdendwo, in Minnesota, aufgewachsen ist und seit sechs Jahren in Mexiko lebt. Er sagt von sich selbst, dass er vom Rock her komme, und sein aktuelles Trio besteht nicht nur aus der klassischen Rockbesetzung E-Gitarre, E-Bass und Drums, sondern klingt auch häufig nach Jimi Hendrix. Oder: So wie der gute alte Jimi heute, im 21. Jahrhundert, klingen würde. Man könnte sagen: Die Combo flaniert auf der Straße der Besten.

Das Konzert beginnt fast klassisch jazzig. Sphärischer Einstieg, Aaron Cruz am Bass bringt fast zaghaft ein bisschen Druck hinein, Hernan Hecht zaubert frei mit dem Schlagwerk, Todd Clouser selbst lässt die Melodie aus der Gitarre. Sein Gesang ist schön hypnotisierend: "You lift me, you lift me...", beginnt er, wechselt dann zu dem zweiten Mikro, das die Stimme verfremdet wie bei vielen Tom-Waits-Aufnahmen, und fährt fort: "...from the stomach of heaven". Du erhebst mich vom Magen des Himmels. Darauf muss man erst einmal kommen! Und das Ganze hat mehr als einen Drogen-Rock-Jazz-Einschlag. Auch an Cream denkt man irgendwann während dieses langen Openers, der sich zur Lärm-Kaskade steigert und nach einem abrupten Schnitt als langsame Mundharmonik-Blues-Nummer wiederaufgenommen wird.

Er ist definitiv aus der Zeit gefallen, dieser Todd Clouser. Mit geschlossenen Augen arbeitet er sich in das zweite Stück hinein, das nun lupenreiner Rock ist. Viele im vorwiegend älteren Publikum hatten wohl doch etwas Jazzigeres erwartet, sie ziehen sich aus der vorderen Reihe zurück in leisere Ecken des Clubs - aber niemand geht. Die Faszination wirkt. "I wanna make a promise" verspricht Clouser, und er hält es, indem er den Rock in Punk weiterdreht. Und zurück das Ganze. Musikalisch erinnert das ein wenig an Television, auch an die frühen Talking Heads. Im "CBGB's" gab's nichts zu essen...

"Never" beginnt elegisch, nur Gitarre und Stimme im Sprechgesang, sehr stimmungsvoll. Hecht fügt ein paar Perkussions hinzu und der Song nimmt Fahrt auf. Cruz erzeugt Geräusche auf den Bass-Saiten, es wird atmosphärisch-dicht, suchend. "Pocket Full of Bones" (!) kommt mit gedroschenen Drums daher, einer Gitarre, die wie eine Gypsy-Geige klingt, und zwirbelt sich zu einem wilden Tanz. Der verfremdete Gesang entführt endgültig in andere Welten, man vermeint, eine Mini-Anspielung an "Amazing Grace" zu hören, dann wird die Melodie ganz verhalten verwandelt in etwas nahe dem Reggae-Trance.

Mit einer absolut kompletten Hendrix-Experience-Packung wird das erste Set beendet - und genauso nach der Pause weitergemacht. Leider beginnt ab da jedoch die Konzert-Chemie zu erodieren; warum auch immer verwandelt sich der Gig mehr in eine Session. Es wird arg frei improvisiert, der Anteil des Publikums ist geringer, und so hört man nun den Jazz-Rockern nur noch zu, ist nicht mehr wirklich beteiligt. Wobei durchaus immer wieder Perlen aufschimmern, die einen zwischen Zappa- und Waits-Assoziationen das ganz Eigene dieser Combo, dieses jungen Mannes erkennen lassen. So ganz und gar kriegt er uns jedoch erst wieder mit seiner Zugabe, allein mit der Gitarre gegeben, kurz und emotional: "How I trust a lover". Da bekennt er klar verständlich zu langsamen Klängen: "I am in an ocean of constant emotion." Und ähnlich bewegt verlässt man den Club und ist irgendwie doch ganz zufrieden, zurück in Deutschland zu sein.

Beate Baum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.09.2013

Beate Baum

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