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Auf der Felsenbühne Rathen erzählt Käpt’n Blaubär aus seinen 13 ½ Leben

Auf der Felsenbühne Rathen erzählt Käpt’n Blaubär aus seinen 13 ½ Leben

Jungen werden, wenn sie klein sind, oft mit blauen Sachen ausstaffiert. Ungefährlich ist das nicht. Denn nicht wenige Männer, zu denen Buben unweigerlich mutieren, neigen dazu, der Urfarbe verbunden zu bleiben.

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Käpt'n Blaubär (Tenor Hardy Lang) findet immer wieder mal Freunde - ein solcher ist auch der Rettungssaurier Mac (Anna Erxleben).

Quelle: Thomas Kube

Sie machen dann gern blau, sind öfters mal blau, und es sind auch nicht wenige, über die es zu Recht heißt, "Der lügt ja das Blaue vom Himmel herunter" - und das nicht, weil Männer nun mal lügen, während Frauen über Fantasie verfügen.

Nun sind Lügner nicht gerade beliebt, aber es gibt eine Gestalt, bei der man sich freut, wenn sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Und dass er per se, von Natur aus, blau ist, nimmt in diesem Fall auch für ihn ein: Die Rede ist von Käpt'n Blaubär, der zwar beteuern mag, "Lügen entspricht nicht meiner Natur", dessen erlebte Abenteuer letztlich aber zu schön und aufregend sind, um wahr zu sein.

Die von dem Schriftsteller, Comic-Zeichner und Drehbuchautoren Walter Moers geschaffene Figur des ständig Seemannsgarn spinnenden Käpt'n Blaubär ist derzeit auch allgegenwärtig im Rathener Stadtbild. In Form von Statuen. Sie werben für das Musical "Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär", das jetzt auf der Felsenbühne Rathen Premiere hatte. Es ist eine Inszenierung von Stefan Brosig nach dem herrlichen Roman von Walter Moers von 1999, der sich anders als die TV-Episoden in der "Sendung mit der Maus" nicht nur an Kinder, sondern durchaus auch an erwachsene Leser richtet. Die Abenteuer spielen sich nicht in unseren hiesigen Breitengraden ab, sondern in Zamonien. Hier gibt es Daseinsformen, wie sie allenfalls noch in Büchern und Filmen der Genres Film und Literatur anzutreffen sind.

Beispiel: Was der Höhlentroll in den Minen von Moria in Tolkiens Epos "Der Herr der Ringe", das ist bei Moers der Stollentroll, "die Geisel von Finsterberg". Auf ihn trifft Käpt'n Blaubär, als er durch ein Stollenlabyrinth irrt. Gut, es mag sein, dass der Stollentroll sich sein Dasein nicht selbst ausgewählt hat, dass er von Natur aus durch und durch fies ist, aber dass er gute Taten konsequent verweigert und sich seiner Ruchlosigkeit gar noch brüstet, stößt einem selbst dann auf, wenn man kein Gutmensch ist. Andererseits: Ein Held braucht Gegenspieler. Und da ist dieser Stollentroll ideal, mal abgesehen von einer Waldspinnenhexe oder einem nach der Weltherrschaft greifenden Sklavenschiff namens Moloch. In Atlantis, wo Käpt'n Blaubär es zum größten und entsprechend gefeierten "Grölaz" bringt, zum "größten Lügner aller Zeiten", trifft er beim letzten, entscheidenden Lügen-Gladiatoren-Duell auf... Richtig: den Stollentroll. Er gilt als unbesiegbar, aber gegen Käpt'n Blaubär hat er keine Chance.

Uraufgeführt wurde das Musical 2006 in Köln, in Rathen hat es nun seine Freilichtpremiere. Dass der angesetzte Premierentermin gehalten werden konnte, ist nicht zuletzt Hardy Lang zu verdanken, der in Rekordzeit die Rolle der Titelfigur einstudierte, nachdem Andreas Petzoldt erkrankte. Der Tenor, der seit 1993 viele Rollen in diversen Musicals ausfüllte, macht seine Sache bärenstark. Auch dem Rest der großen Truppe zuzuschauen - alles in allem sind es dreißig Mitglieder des Opernchors und zehn Solisten, die in die verschiedensten Rollen und entsprechende Kostüme schlüpfen -, macht Spaß. Hagen Erkrath beispielsweise ist, um einen Akteur willkürlich herauszugreifen, Pirat Ausguck, Wurm 2, Spinne, Gimpel 2 sowie ein Yeti. Was für ihn Stress sein mag, ist für den Zuschauer Vergnügen pur.

Die Choreografie (Bärbel Stenzenberger) ist eine runde Sache, und die Kostüme (Ausstattung: Matthias Eberlein) sind echte Hingucker. Ob Tratschwellen, die meistens während anhaltender Flauten entstehen und ihre Opfer durch ihr Geplapper zu Tode langweilen, oder Zwergpiraten (von ihnen lernt Käpt'n Blaubär alles, "was man über das Scheitern wissen muss", ganz so wie die deutschen Fußballer von den italienischen), ob Wüsten-Gimpel oder kurzsichtiger Rettungssaurier Mac, kostümtechnisch wie schauspielerisch hat das alles Hand und Fuß. Die Inszenierung gehört nicht zu denjenigen, wo man den Regisseur fragen muss: "Hast Du noch alle Planken an Deck?"

Die Musik (Martin Lingnau) kommt "nur" vom Band, reißt aber trotzdem mit. Was den (Wort-)Witz angeht (Text: Heiko Wohlgemuth), da kommen sowohl Kinder als auch Erwachsene auf ihre Kosten (sofern sich letztere ihr kindliches Ge-müt zumindest ein bisschen bewahrt haben. Und Botschaften wie "Das Leben ist zu kostbar, um es dem Schicksal zu überlassen!" mit auf den Weg zu bekommen, ist auch nicht verkehrt. Kleine Warnung: Zu klein sollten die Kinder nicht sein, Worte wie Orkus dürften ihnen noch nichts sagen. Am Ende wird alles gut, findet Käpt'n Blaubär, der schon fürchtete, der letzte seiner Art zu sein, die sehnsüchtig erhoffte Blaubärin.

Letzter Hinweis in eigener Sache: Der Rezensent beteuert, bei aller Sympathie für Käpt'n Blaubär sich beim Verfassen dieser Zeilen an ihm kein Beispiel genommen zu haben. Wer argwöhnt, hier werde von der "Journaille" mal wieder gelogen wie gedruckt, der liegt in diesem Fall falsch.

Christian Ruf

Aufführungen: 3. und 7.7.; 7. bis 9.8.; 12., 14., 22. bis 24.8., 28. und 29.8.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.07.2012

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