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Auf dem Euroschaukelpferd in die Katastrophe - Wagners Ring der Nibelungen in München beendet

Auf dem Euroschaukelpferd in die Katastrophe - Wagners Ring der Nibelungen in München beendet

Rechtzeitig zu den Münchner Opernfestspielen, einer singulären sommerlichen Leistungs- und Nabelschau der Bayerischen Staatsoper, ist der neue Ring geschlossen.

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Gutrune (Anna Gabler, Mitte) reitet das Euro-Schaukelpferd.

Quelle: Felix Hörhager

Staatsopernintendant Nikolaus Bachler hat dafür Massen bewegt. Um die Münchner Staatsoper herum, auf der Bühne und alles in allem auch im Saal. In der Allerheiligen Hofkirche, gleich hinter der Oper, wartet der italienische Allround-Künstler Romeo Castellucci mit der faszinierenden Endzeitstimmungs-Installation "Dämmerung" auf. In der Oper selbst hat er eine XL-Ausgabe des Schwertes Nothung auf einem Sockel mit der Aufschrift Nothing deponiert. Wer die Hand danach ausstreckt, spürt sofort, warum es heißt: nicht berühren. Die Menschenbildnerei, die Regisseur Andreas Kriegenburg mit seinem Bewegungschor auf der Bühne im Wortsinne betreibt, ist das Markenzeichen dieses Rings. Das gelingt nicht immer überzeugend, oft aber mit verblüffender Poesie.

In der Götterdämmerung hat Kriegenburg jetzt obendrein auch noch einen deutlichen Bezug zur Gegenwart gefunden. Das beginnt schon mit der ersten Szene, in der drei ziemlich wacklig singende Nornen, nebst ein paar Schutzanzugträgern mit Geigerzählern, zwischen den Überlebenden einer offenbar großen Katastrophe ihren roten Faden abspulen. Stumme Schreie, Dekontamination, abgegebene und entsorgte Erinnerungsstücke. Alles in einem engen Verschlag aus Brettern, die von Choristen gehalten und dann weggetragen werden. Brünnhildes und Siegfrieds Liebesnest sieht auch nicht anders aus. Beides ist sozusagen draußen vor der Tür.

Das Drinnen, die Behausung der Gibichungen ist in Harald B. Thors Hochglanz-Version eine Melange aus Konzernzentrale mit wuselnden Aktenträgern und emsigen menschlichen PC-Anhängseln und übereinandergestapeltem Schaufenster-Luxus der Maximilianstraße. Gutrune ist eine attraktive und ziemlich verwöhnte Schickeria- Zicke; ihr Bruder Gunther ein zynischer Schnösel im Anzug. Hagen ist der verschlagene Anwaltstyp ohne Skrupel. Dem buchstäblich in letzter Minute eingesprungenen, grandiosen Eric Halfvarson kam seine Wiener Hagenroutine dabei ebenso zu Gute, wie eine nicht allzu fein ziselierte Personenführung. Für Gutrune blieb der Einspringerin Anna Gabler zum Glück etwas mehr Zeit. Ihr verordnet Kriegenburg nämlich einen selten zu erlebenden Wandel bis hin zur völlig verzweifelt Trauernden. Im Kreise der nach dem großen Untergangsfeuer nach vorn strömenden und sie umringenden "neuen" Menschen hat sie wohl als einzige die Chance, (als gereifter Mensch) zu überleben.

Man mag das vergoldete Eurozeichen, das als Schaukelpferd zu ihrem Luxus gehört, etwas übertrieben finden. Aber die großen Meineide auf einem Riesentisch zu schwören, der dem Eurozeichen nachgebildet ist, das hat dialektischen Witz, ist mehr als eine kleine Pointe für den Tag. Beim Trauermarsch, dem Kent Nagano an emotionaler Wucht gibt, was er braucht, ohne ihn an hohles Pathos zu verraten, bleibt immer die Frage, wer hier eigentlich um wen oder was trauert. Natürlich wird um Siegfried getrauert. Bei den Frauen liegt es auf der Hand. Gunthers Trauer um den Blutsbruder ist auch Selbstbezichtigung, und die Männer haben ihren Helden verloren.

Mit diesem Mord sind aber vor allem Wotans Weltrettungspläne dahin. Oder eben in ihrer radikalen Variante über die Zerstörung und den Neuanfang aufgegangen. Das szenisch deutlich zu machen, wäre der Punkt auf dem I jeder Ringdeutung. Hatte sich Vera Nemirova hier voll auf Gunther konzentriert, so geht Kriegenburg einen Schritt weiter. Er imaginiert durch die ausbrechende Geschäftigkeit an Reißwölfen und Festplatten auf den gläsernen Gängen der Macht eine Art modernen Regimewechsel.

Bleibt die Personenführung oft hinter den Erwartungen, die man mit einem Schauspielregisseur verbindet, zurück, so ist Kriegenburgs Bildersprache auch die Stärke dieser Götterdämmerung. Mit der Schwedin Nina Stemme steht eine in jeder Hinsicht grandiose Brünnhilde zur Verfügung. Sie ist das vokale Ereignis des Abends! Auch der Siegfried Stephen Gould wurde gefeiert, was bei seinen kraftvollen Höhen und der Kondition auch gute Gründe hat. Seine etwas glanzlose mittlere Lage bleibt Geschmacksache, den Münchner Jung-Siegfried Lance Ryan übertrumpft er jedenfalls nicht. Auch das übrige Ensemble ist ein Glücksfall: vom präzisen Alberich Wolfgang Koch über die intensive Waltraude Michaela Schuster bis zum überzeugenden Gunther Iain Paterson und den Rheintöchtern Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von der Damerau. Kent Nagano und das Bayerische Staatsorchester haben aus der zügigen Erarbeitung des kompletten Rings hörbar Kapital geschlagen, denn diese Götterdämmerung knüpft an den Siegfried-Furor an und hat durchweg großes Format.

Vorstellungen: 8. und 15. Juli

www.bayerische.staatsoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2012

Joachim Lange

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