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"Atemlos durch die Nacht" mit der shot AG im Societaetstheater

Im Waschgang der Beziehungen "Atemlos durch die Nacht" mit der shot AG im Societaetstheater

Die Bühne ist ein schmuckloser Raum. Zwei Ausgänge an der hinteren Wand, dahinter, im Hof, im Freien, die Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Im Raum, hinten an der Wand auf der einen Seite eine Waschmaschine, auf der anderen, aufgehängt in einem Bilderrahmen, ein Gewehr.

Bewegungsintensiv, aber nicht notwendigerweise mit Happy End: Nora Schott und Christian Novopavlovski.

Quelle: Konvex, Franziska Pilz

Dresden. Die Bühne ist ein schmuckloser Raum. Zwei Ausgänge an der hinteren Wand, dahinter, im Hof, im Freien, die Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Im Raum, hinten an der Wand auf der einen Seite eine Waschmaschine, auf der anderen, aufgehängt in einem Bilderrahmen, ein Gewehr. An der linken Seite eine Gartenbank. Innen und Außen gehen ineinander über in dieser surrealen Szene von Jaqueline Hamann.

Nicht ohne Härte gegen sich selbst

Dann betritt die Tänzerin Nora Schott durch die Tür des Theaters, durch die gerade noch die Zuschauer in den Saal gekommen waren, die Szene. Eine erwachsene Frau im kindhaften Rock, ein Rosensträußchen hält sie in den Händen, die Blumen werden ihre Rolle spielen, bald stellt sie das Bündel in eine Vorrichtung an der grauen Wand. Das Bild assoziiert eine Urnenwand, wie man sie von den Begräbnisstätten südlicher Länder kennt, da wo auch die Wäsche über den Straßen den Blick in den Himmel versperrt.

Nora Schott ist eine ernsthafte Frau, wie abgelegte Häute sind Kleidungsstücke auf dem Boden verstreut, die wird sie sich überstreifen wollen, als gäbe es ein Zurück aus der einsamen Tristesse der Gegenwart.

Die Bewegungen der Tänzerin sind nicht ohne Härte, auch gegen sich selbst. Das Leben hat diese Frau nicht mit Samthandschuhen angepackt. Da wäre vieles abzuwaschen, aufzufrischen, zu schleudern und klar zu spülen. Die Waschmaschine tut ihre Dienste.

Dann kommt der jungenhafte Tänzer Christian Novopavlovski dazu. Ein frischer, tropfnasser Märchenbursche in knielangen Hosen und festen Schuhen, beide lassen an Hänsel und Gretel denken, aber nicht nur an die verlorenen Kinder, sie sind auch die Eltern und sowohl sie als auch er könnten die Hexen des anderen sein.

Und dann müssen sie in einem wahrhaft ahnungslosen Auf und Ab durch die Nacht der Beziehungen. Sie will ihn, er sie nicht so sehr, und der Kampf, wer wen zu Boden ringt, bleibt unentschieden.

Er wird die Blumen benutzen wie eine Angel, sie wird sich darunter winden wie ein todgeweihter Fisch auf dem Trockenen. Auch wenn sie die Blüten der Blumen rupfen und auf dem Boden des öden Raumes verstreuen, hier ist keines dieser vorschnell zu Erwachsenen mutierten ahnungslosen Kinder auf Rosen gebettet.

Möchte der Mann in den Kniehosen jener erobernde Barbar sein, wenn er seine Lieblingssätze aus dem Roman "In den Armen des Barbaren", der in sehr fernen Zeiten spielt, als Männer noch Eroberer waren und Frauen sich erobern ließen, ihr vorliest und sich für minimale Momente beide in die ahnungslose Vision unwirklicher Zweisamkeit begeben.

Die Nacht der Gegenwart holt sie ein. Sie greifen nacheinander und begreifen einander nicht. Sie halten sich und halten einander nicht aus.

Der Tanz der verschwindenden Menschen erzählt mehr, als es Worte vermögen, die Einsamkeit ihrer ahnungslosen Wege schmerzt. Oftmals sind die Szenen still. Der Tanz dieser so individuell agierenden Protagonisten ist beredt genug. Sparsam und angemessen eingesetzt ist der elektronische Sound von Arne Müller, vorwärtstreibend mitunter, dann wieder die Enge der Fläche klanglich grundierend.

Auch das Klischee bricht

Und auch das Klischee wird gebrochen. Plötzlich erscheint Nora Schott schwanger im roten Kleid einer erwachsenen Frau, das Kinderwägelchen aber ist aus dem Spielzeugland entliehen und das Kind darin ist ein Bündel, eine Jacke aus Tarnstoff. Die wird sich Christian Novopavlovski überstreifen, er wird das Gewehr aus dem Rahmen nehmen und durch jene Tür verschwinden, durch welche die Tänzerin gekommen war und durch die auch das Publikum kurz darauf den Saal wieder verlassen wird.

Es ist keine leichte Kost, sich mit der shot AG ahnungslos durch die Nacht zu begeben. Aber das erwartet man auch nicht von diesem Künstlerkollektiv, für dessen gemeinsam entwickelte Idee, Konzeption und Choreografie nicht zuletzt auch Ariane Thalheim als Dramaturgin verantwortlich ist.

Angekündigt war "ein Duett über das Leben, das Aufeinandertreffen und das Voneinanderlassen". "Danach", so hieß es, "ist alles anders - ein shot AG-Abend - typisch und doch ganz neu". Dem ist nichts hinzuzufügen, nur die Vermutung, dass man - und auch das wäre ja typisch für die shot AG - beim nächsten Mal wieder alles ganz anders sehen kann.

nächste Aufführungen: 19. & 20. Februar im Societaetstheater www.societaetstheater.de

Boris Gruhl

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