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Anspruch auf Utopie: Jürgen Schieferdecker wird 75, die Ausstellung "Retro ’75" in der Landesärztekammer in Dresden steht bevor

Anspruch auf Utopie: Jürgen Schieferdecker wird 75, die Ausstellung "Retro ’75" in der Landesärztekammer in Dresden steht bevor

Jürgen Schieferdeckers Erwachsenenleben - heute begeht der am 23. November 1937 in Meerane Geborene seinen 75. Geburtstag - scheint übervoll mit Professionen: Maler und Grafiker, Architekt, reger "Kulturarbeiter", Lehrender.

Zentriert hat sich im Laufe der Zeit alles um den Künstler. Die ersten Schritte ging er im Architekturstudium an der TH/TU Dresden (1955-1962). Grundlagen vermittelten Georg Nerlich und Karl-Heinz Adler. Nach freier Gemeinschaftsarbeit mit seinem Architekten-Kollegen Bernhard Klemm (Preis für den Vogtshof Görlitz) kehrte er 1975 als Sekretär des künstlerischen Beirats und Lehrender an die TU zurück, wirkte zwischen 1993 und 2003 als Professor. Künstlerisch gearbeitet hat er über Jahrzehnte "nebenbei".

Dass seine in der kommenden Woche beginnende Ausstellung den Untertitel "Weiter auf Angriff..." trägt, ist durchaus charakteristisch: Schieferdecker steht für "Einmischung" - auf geistig-künstlerischer, aber auch Kunst fördernder Ebene, beispielsweise in der erwähnten Funktion als Sekretär des künstlerischen Beirats der TU, später als dessen Vorsitzender, ebenso als Vorsitzender des Künstlerbundes Dresden (ab 1994) oder als Mitglied des Kultursenats des Freistaates (ab 2001). Basis ist eine mit Leben erfüllte Verantwortungsethik, gespeist von Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung", das immer auch den kritischen Blick auf das, was ist, einschließt. Dass der Künstler die Verbundenheit mit dem aus Leipzig vertriebenen Philosophen auch quasi-öffentlich machte mit Werken wie "Das Leben der Philosophen oder Auswanderung eines Heiligen (für Ernst Bloch)" von 1966/67 und "Das Lächeln der Mona Lisa oder Kann Hoffnung scheitern? (für Ernst Bloch)" von 1976, konnte dazumal kaum auf offiziellen Beifall hoffen.

Ein König mit den Zügen Ulbrichts

Frühe Bestätigung hatte er für ein "Zirkus"-Bild (1959) durch Altmeister Josef Hegenbarth erfahren. Damit wie mit Strandszenerien stand Schieferdecker nicht allein, hatten diese Sphären doch jene Aura von Freiheit, die Künstler im Osten vermissten und umso mehr malerisch herbeisehnten. Kein Wunder, dass er 1959 einen Strand in Blau-Weiß-Rot tauchte und "Vive la France" nannte. Schließlich jährte sich, wenn auch unrund, die Große Französische Revolution von 1789. In den 1960er Jahren dann "vermauerte" er Motive wie "Strandturm" (1962) und "Schwarzer Wald" (1964) regelrecht. Die Berliner Mauer warf subtil bedrohliche Schatten - auch auf den "Winterstrand" (1964), den die DNN-Vorgängerin Union als erstes Werk des Künstlers überhaupt publizierte. Bedrohliches liegt auch über "Im Namen des Königs" (1966), gewidmet Max Beckmann und Erich Apel, dem reformerischen Parteifunktionär, der sich das Leben nahm. Der verantwortliche "König" des von Beckmanns "Odysseus und Sirene" inspirierten Bildes hat die Züge Ulbrichts.

Überhaupt wird in den 1960er Jahren das doppelbödig Kritische, Widerständige deutlicher - auch weil dem Künstler neue Mittel durch die Beschäftigung mit dem Surrealisten Max Ernst zuwachsen. Schieferdecker positioniert sich seit damals - zunächst nicht zuletzt mit Blick auf die Bundesrepublik - immer wieder zu Faschismus/Neofaschismus und Rassismus, der wie ein schwer heilbares Geschwür weiter lebenden Negation von Freiheit und Humanismus. "Das Tausendjährige Reich oder die Hühner und das Ei" (1966), "Menetekel '66 oder die Sünde wider den Geist" (1966/67) und "Minotauros '66" (1966) entstehen (in der jüngeren Zeit reagierte er unter anderem auf die rassistischen Morde an George Gomondai oder Marwa el Sherbini).

Zugleich sind die Deformationen des sozialistischen Ideals im Visier: "Suliko oder der Diktator am Abend. Eine kleine Nachtmusik", gemalt 1967, im 50. Jahr der Oktoberrevolution, genannt die "Große Sozialistische". Das Bild mit seinen verstreuten Knochen war dazumal eine Provokation - allerdings musste man von Stalins Vorliebe für das Lied "Suliko" wissen, um zu deuten. Überhaupt: Schieferdeckers Werke sind an Wissende und wissen Wollende gerichtet, was es auch den "zuständigen" DDR-Organen nicht leicht machte. Der stille "Prager Sommer" (1968) etwa zeigt Menschen im Regen. Die Verfechter eines demokratischen Sozialismus standen tatsächlich "im Regen", bekamen die Härte der Diktatur zu spüren - nicht nur in Prag. Es verwundert so nicht, dass 1973 eine Ausstellung in Ahrenshoop zum zwiespältigen "Skandalerfolg" wurde. Ein wenig schützte, dass der Künstler in seinem Beruf arbeitete, von Aufträgen unabhängig war.

Künstlerisch wandte er sich zunehmend Montagetechniken und neuen Druckverfahren zu, Schwitters, Heartfield und Pop Art sind Inspiratoren. Beispielhaft genannt seien die "Mönchguter Reflexionen", in denen er das Umweltproblem thematisierte - ein heißes Eisen in den Augen der DDR-Obrigkeit. Gleichwohl erhielt Schieferdecker, der 1977 in den Künstlerverband aufgenommen wurde, zwischen 1976 und 1980 mehrfach Preise der "100 ausgewählten Grafiken der DDR". Zum Meilenstein aber wurde seine Arbeit "Beuys macht Licht", die 1979 den Preis des Museum of Modern Art Tokyo bekam. Weitere internationale Aus-zeichnungen folgten. Vor diesem Hintergrund erwarb das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 1983 das bis dahin entstandene grafische Werk. Anderes wie das "Dresdner Menetekel" (1982/83) gelangten vor und vor allem nach 1989 in die Galerie Neue Meister, die Skulpturensammlung und weitere Museen. Die Anerkennung bot Schutz, ließ zugleich die natürliche Autorität wachsen. Er nutzte sie beispielsweise, um der bekannten Stahlplastik von Hermann Glöckner nach quälenden Verzögerungen vor der Mensa der TU an der Bergstraße 1984 einen dauerhaften Standort zu verschaffen.

Dass die Entwicklung in Deutschland und der Welt dem Künstler auch seit 1989 reichlich Anlass zur Positionierung bot, wurde schon angedeutet. Nicht nur sich mehrende Neonazis und rassistische Exzesse, auch "Treue Hände" - erinnert sei an die Ausstellung im Leonhardi-Museum 1997 - sowie neue Kriege und globale Kapitalinteressen forderten und fordern ihn heraus. Zudem reflektiert er die eigene Familiengeschichte, die künstlerischen "Vorbilder" Picasso, Ernst, Dalí, unter anderem in einer stetig wachsenden "Iberischen Suite", oder nähert sich dem "Heimkehrer" Gerhard Richter. Jürgen Schieferdecker sagt von sich: "Ich bin nun mal ein politischer Künstler." Er bleibt hartnäckig in seinem Anspruch auf Utopie. Und so ist es schon fast selbstverständlich, dass er sich "weiter auf Angriff..." orientiert. Lisa Werner-Art

Ausstellung "Retro '75. Malerei, Assemblagen, Druckgrafik, Collagen", Sächsische Landesärztekammer, Schützenhöhe 16, vom 28. November bis 20. Januar 2013, Vernissage: 29.11., 19.30 Uhr, geöffnet Mo-Fr 9-18 Uhr

www.slaek.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2012

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