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Regional Anne Köhler stellt sich am Mittwoch in der Stadtbibliothek als neue Dresdner Stadtschreiberin vor
Nachrichten Kultur Regional Anne Köhler stellt sich am Mittwoch in der Stadtbibliothek als neue Dresdner Stadtschreiberin vor
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18:01 09.09.2015
Dresdens neue Stadtschreiberin: Anne Köhler. Quelle: Jörg Schaper

Erstmals öffentlich zu erleben ist sie zu ihrer Antrittslesung morgen ab 20 Uhr in der Hauptbibliothek im World Trade Center.

Bekannt geworden ist sie 2010 mit dem Buch "Nichts werden macht auch viel Arbeit". 21 Episoden über ihr "Leben in Nebenjobs". Zum Beispiel als Fotoassistentin, Köchin, als Bürodame oder Hostess, bei der Event-Planung oder im Archiv. Ganz zu schweigen von unzähligen Praktika. Schlechte Bezahlung, prekäre Existenz, viele jungen Leute zwischen 20 und 30 kennen das. Sie zeigt uns, wie verflucht anstrengend und frustrierend das sein kann. Sieht zugleich aber die Freiheit, die eine solche Existenz bietet.

Klage? Lob? Anne Köhler will sich weder auf das eine noch das andere festlegen. In einer Mischung aus Tragik und Komik schildert sie Erfahrungen, die vor allem eines sind: widersprüchlich. "Meine berufliche Situation fühlt sich diffus an: dreißig sein, ein Diplom haben, selbstständig arbeiten, vieles können, aber nichts so richtig. Als was verstehe ich mich? Mir fehlt eine klare Definition."

Eins indes ist ihr bei all diesen wechselnden Beschäftigungen zur Gewissheit geworden: dass sie schreiben möchte. Das hat sie schon als Kind am liebsten getan, wie sie im Gespräch erzählt. Geboren in Gießen, ist sie in Ilsdorf aufgewachsen, einem 250-Einwohner-Dorf in Hessen. Nicht mal ein Geschäft gab es da. "Und wir hatten keine Mittelstriche auf der Straße." Dort hat sie vor allem viel Zeit gehabt, sich selbst zu beschäftigen, häufig draußen.

Mit 19 Jahren hat sie sich in eine völlig andere Welt aufgemacht: nach Berlin, zum Studium. Architektur, Kunstgeschichte zunächst. "Ich hatte viele Interessen in viele Richtungen. Oft habe ich mich da, wo ich war, nicht ganz richtig gefühlt." Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, was sie dann in Hildesheim studiert hat, lag ihr schon eher. In dieser Zeit ist auch ihr erster Prosatext erschienen, in einer Zeitschrift. In "Edit", "Macondo", "Bella triste" oder im Kunstmagazin "Dare" hat sie seither publiziert. Größere Verbreitung findet sie mit ihren Beiträgen in der "Tageszeitung" (taz) oder in "jetzt.de", dem Online-Magazin der Süddeutschen Zeitung. Dort erschien auch ihre Kolumne "Anne und ihre Jobs" - Grundlage für ihr erstes Buch.

Journalistin und Schriftstellerin zu sein, liegt für sie nicht so weit auseinander. "Was ich für Zeitungen schreibe, ist ohnedies eher eine Mischform: literarischer Journalismus. Der Wahrheitsgehalt ist da größer. Aber ich bin sehr schnell bei dem Gedanken, dass es so oder so viel schöner gewesen wäre. Mehr an Fiktion ist natürlich in der Prosa möglich."

Berlin, die Großstadt, harter Kontrast zur Umgebung ihrer Kindheit und Jugend, will sie nicht missen. "Da habe ich Vieles um mich verfügbar." Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit. "Andererseits hält es mich auch flexibel, wenn ich, wie im Dorf, nicht alles vor der Tür habe. Deshalb weiß ich nicht, ob ich eher Stadt- oder Landmensch bin."

Als Stadtschreiberin in Dresden beworben hat sich Anne Köhler mit einem Kapitel aus einem Romanmanuskript. Die Jury befand es für das beste der 59 eingereichten. Ein "ungewöhnlich nahe gehender Text mit großer Sogkraft", urteilten die Juroren. "In dynamischer und plastischer Sprache gelingt Anne Köhler die gut getroffene Schilderung eines Milieus, das in der jüngeren Gegenwartsliteratur sehr selten zu finden ist."

Das Buch erzählt von Elsa Funke, einer jungen Frau mit familiären Problemen. Weil sie vor ihrer Vergangenheit fliehen will, ist sie Köchin geworden. Hat sich aber in diesem Beruf systematisch nach unten gearbeitet. Nun, in einem XXL-Schnitzel-Restaurant, wird ihr bewusst, dass sie sich nicht länger treiben lassen, die Dinge selbst in die Hand nehmen muss. "Manöver des letzten Augenblicks" lautet der Arbeitstitel, den Anne Köhler dem Manuskript, ihrem "Dings", gegeben hat. "Damit bin ich auf den letzten Metern."

Für Dresden hat sie sich kleine Texte vorgenommen, die vielleicht mit der Stadt zusammenhängen. Da komme ein wenig von ihr, ein wenig von der Stadt. Neugierig sei sie und ganz unvoreingenommen. "Mal sehen, was sich tut."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2013

Tomas Gärtner

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