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Regional Anja Laïs spielt Maria Stuart am Staatsschauspiel Dresden
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09:37 19.01.2018
Anja Laïs  Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

 „Ich fühl’ mich wie gehängt“, sagt Anja Laïs ganz zu Beginn. Was nach überhaupt keinem guten Interviewauftakt klingt. Doch ihre charmante Art und sicher auch ihre Professionalität lassen trotz der dicht gestaffelten Endproben für „Maria Stuart“ ein Gespräch entstehen, in dem sie ihre Müdigkeit einfach beiseite wischt. Laïs spielt die Titelrolle, wenige Tage nach der Premiere feiert sie ihren 50. Geburtstag. Vorher sprach sie mit den DNN über Schiller, Kleist und Shakespeare, über ihre derzeitigen zwei Standbeine Hamburg und Dresden – und auch über Sexismus am Theater.

Maria Stuart haben Sie schon mal gespielt...

Ja, in Köln, vor ungefähr 20 Jahren. Und in Dresden gab es auch verschiedene Überlegungen, dass ich eventuell die Rolle der Königin Elisabeth spiele. Das hätte mich auch erstmal mehr interessiert. Aber jetzt ist es so, wie es ist. Erst dachte ich: Na ja, die Maria Stuart hast Du schon mal gespielt. Das ist also irgendwo drin. Und das ist es tatsächlich – aber man ist eben 20 Jahre älter geworden. Und man möchte sich von der damaligen Version auch extrem distanzieren.

Weil man nicht noch einmal dasselbe spielen will?

Genau, zumindest das, woran man sich erinnern kann. Man will Umwege machen und stellt dann aber fest: Schiller holt einen da schnell wieder ein. Man kann da interpretieren, wie man will. Aber Schiller bleibt Schiller. Es braucht also am Anfang eine Kraft und Energie von dieser Figur, die Sprache fordert ebenfalls etwas ein – und all das sorgt dann für das ganze Rütteln in mir drin.

Was ist denn heute so vehement anders als vor 20 Jahren?

Damals habe ich Maria Stuart als 29-Jährige gespielt. Ich hatte keine Kinder. Dafür aber die große Illusion, mit einem Menschen alt zu werden, auch Familie zu haben. Ich war wütend und glaubte, die Welt verändern zu können. Ich war kraftvoll und auch kitschig, leidend und liebend. Heute sind die Kinder längst da, man steht so ein bisschen im Danach. Und plötzlich versteht man Maria Stuart, wie es ihr an ihrer Stelle im Leben geht. Ich begreife die Figur heute viel besser, muss mir aber gleichfalls Wege suchen, das dann auch zu spielen. Das Emotionale kommt in den Erinnerungen jedenfalls stärker wieder zum Vorschein als das Gedankliche.

Ist Ihnen das in dieser Form zum ersten Mal passiert?

Absolut, ja. Ich habe bislang auch noch nie eine Rolle wiederholt und bin da ganz vorsichtig.

Ich hatte mir auch schon gedacht, dass die Rolle der Elisabeth für Sie ja eigentlich reizvoller sein müsste – alles aus der anderen Perspektive aufzudröseln.

Das hätte ich gern gemacht.

Und warum jetzt doch wieder Maria Stuart?

Das war die Überlegung des Regisseurs Thomas Dannemann. Ich bin ja jetzt auch ganz frisch, ganz neu in Dresden. Und er fand es passend, dass ich da wie ein Fremdkörper reinkomme – so ähnlich, wie Maria auf Elisabeth und deren Hofstaat trifft. Das konnte ich dann auch ganz gut verstehen.

Sie sind ja nun parallel in zwei Ensembles: Hamburg und Dresden...

So in etwa. Ich brauchte einfach mal Luft. Ich war vorher lange in Köln, bin dann mit Karin Beier nach Hamburg gegangen. Ich wollte einfach mal einen Wechsel haben. Ich pendle also zwischen Dresden und Hamburg, wo auch meine Kinder leben. Mit dem ICE als Wohnzimmer.

Sie haben die lange Zusammenarbeit mit Karin Beier erwähnt. Was macht sie denn so anders, so besser als andere Intendanten und Regisseure?

Karin Beier bekommt extrem gut Leute für eine Produktion zusammen. Die Besetzung in den einzelnen Stücken ist unglaublich. Sie ist sehr klar und sehr getaktet, geordnet und sortiert. Dass sie aber nur eine von derzeit gerade mal zwei Intendantinnen in Deutschland ist, macht auch wieder wütend. Unsere Quote geht gerade wieder in die falsche Richtung. Auch das Zahlenverhältnis von Schauspielern und Schauspielerinnen geht in Richtung zwei Drittel zu einem Drittel. Wir waren da schon mal besser.

Das eine sind die Quoten, das andere der Umgang miteinander. Gibt es seit den Anschuldigungen wegen sexueller Nötigung an die Adresse des Regisseurs Dieter Wedel unter den Schauspielern eine stärkere Auseinandersetzung mit diesem Thema?

Da wird viel drüber nachgedacht. Vor allem darüber, wo so etwas anfängt und wo es aufhört. Diese Thematik muss man sehr ernst nehmen. Ich habe es glücklicherweise in meinem Leben nicht erleben müssen. Aber es ist natürlich so, dass Besetzungen in einer bestimmten Form zustande gekommen sind. Heute werden Verhaltensweisen hinterfragt und in einem anderen Licht gesehen, als das früher der Fall war. Auch von Männern.

Zurück zur Theaterarbeit. Sie haben mit Reza, von Schirach oder Brecht 20. und 21. Jahrhundert gespielt. Was unterscheidet diese Texte von denen Schillers oder Shakespeares?

Vor allem die Sprache. So können wir heute ja gar nicht mehr schreiben und sprechen. Das ist geradezu komponiert. Mein Herz schlägt eher für Kleist und Shakespeare, auch von der Art zu spielen. Bei Kleist gibt es eine schmerzvolle, großartige Sprache. Shakespeare ist Klasse, weil es da eine Freiheit gibt. Da kann man das Stück mit Improvisation ehrlich verändern. Schiller kommt mir dagegen manchmal etwas kitschig vor.

Aufgewachsen sind Sie in Berlin?

In West-Berlin, ja. Wir sind aber, wenn es ums Theater ging, auch damals schon oft in Ost-Berlin gewesen. Und als Kind war ich dauernd schon auch hier in Dresden. Dabei finde ich es rührend, jetzt an bestimmten Straßenecken unterwegs zu sein und sich zu erinnern. Selbst wenn vieles anders ist, erkenne ich schon auch viel wieder. Ich war ja hier nicht als Westdeutsche, sondern als Westberlinerin. Das ist schon ein Riesen-Unterschied.

Das fiel mir ganz ähnlich bei Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ auf, dass das in West-Berlin ein anderer Kosmos war, verglichen mit der Bundesrepublik. Eine Zwischenposition, nicht nur geografisch.

Ja, wir konnten beides erleben und waren in der Mitte zu Hause.

Hat Ihr Kindheitsgefühl eine Rolle gespielt bei der Entscheidung für Dresden?

Doch, hat es. Es machte sofort Klick und ich sagte mir: Ich will diese Stadt erleben, und zwar nicht aus der Distanz von Hamburg oder Köln. Mich interessiert, was gerade hier los ist – und ich erlebe etwas völlig Anderes als das, was ich in den Medien in Hamburg lese.

Dresden also als politisierte Stadt. Und was sehen Sie hier Anderes?

Die Sachen, die bei uns – ich sage jetzt wirklich: bei uns! – in der Zeitung stehen, wirken immer so extrem. Das Extreme gibt es hier natürlich, aber nicht in dieser Dominanz. Auch wenn ich es erschreckend fand, wie viele Menschen montags zu Pegida gehen. Ich kenne aber die Geschichte hinter all dem, die hier zu bewältigen ist, die Geschichte eines riesigen Umbruchs. Für mich war es in den letzten Jahren so, als würde ein Puzzleteil meines Lebens fehlen. Und das erschließt sich mir in Dresden gerade.

Sie haben irgendwann gesagt, gern mal eine Männerrolle wie Shakespeares „Richard III.“ spielen zu wollen...

Das gilt auch noch. Selbst wenn eine Königin wie Maria Stuart natürlich ganz toll ist. Trotzdem ist man als Frau oft mit Rollen konfrontiert, wo es sich nicht um Macht dreht, sondern um Liebe und Eifersucht. Aber zu erforschen, wie das ist, Macht zu haben und böse zu sein, da fängt dann auch wieder die Emanzipation an.

Premiere: Freitag, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

Von Torsten Klaus

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