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Amina Gusner serviert ein modernes Paardrama im Dresdner Societaetstheater

Richtiges Scheitern im falschen Leben Amina Gusner serviert ein modernes Paardrama im Dresdner Societaetstheater

Gibt es falsches Scheitern im richtigen Leben? Diese Frage stellt sich Amina Gusner und gibt die Antwort darauf im Dresdner Societaetstheater. Da war jetzt Premiere des Stückes „Scheitern – aber richtig“.

Ein Kurzzeitpärchen in ewigen Lebenskrisen: Frau Schmidt und Herr Wolf (r.) lieben und streiten sich durch den Endzeitkapitalimus – bei guter Musik von Tobi (Szene mit Anne Keßler, Tobias Herzz-Hallbauer und Mario Grünewald).

Quelle: Detlef Ulbrich

Dresden. Gibt es falsches Scheitern im richtigen Leben? Diese Frage stellt sich Amina Gusner und bereichert den Reigen von krisengebeutelten Ex-Mittelständlern, denen der gesicherte Wohlstand und die Zukunftschancen sichtbar dahinschmelzen, was die gemeinen Midlife-Krisen aus dem jüngsten Jahrtausend als Luxusproblem erscheinen lässt, in der schwunghaft anwachsenden Kammerbühnenschublade. Die Antwort lautet natürlich: Nein – und so heißt das Stück auch artgerecht: „Scheitern – aber richtig“ und feierte eine herzlich aufgenommene Premiere auf der Kellerbühne vom Dresdner Societaetstheater.

Nun könnte man aus der Ausgangslage – arbeits- und wohnungsloser Mann im Bademantel trifft blonde Supermaus aus der Filmbranche – ein gesellschaftskritisches Stück machen und ein wenig auf Ursachenforschung in einem breiteren Kontext gehen. Doch Amina Gusner, 1965 in Moskau geboren und 1984 als Zoppi unter Regie ihrer Mutter Iris in der Defa-Schmonzette „Kaskade rückwärts“ an der Seite von Johanna Schall und Jaecki Schwarz recht steil in die Schauspielkarriere gestartet, interessiert sich weniger für Entwicklungen, dafür mehr für skurrile Situationen, die auf absurden Entscheidungen beruhen.

Ähnlich wie bei ihrer jüngsten Regiearbeit hier („Und jetzt: die Welt“ von Sybille Berg) vor genau einem Jahr haben ihre Apologeten des Zeitgeistes neben keinerlei Berufschancen und wenig Geld offenbar auch keine Familie oder Kinder als Basis – und ihre Versuche des parageschlechtlichen Zusammenkommens beschränken sich auf raschen Sex, am besten ohne Folgen.

Anne Keßler spielt Katharina Schmidt, die phantasievolle Produzentin mit einem spannenden Dokufilmprojekt über Leute, die ihr eigenes Leben als Fussel im Wollknäuel der Gesellschaft widerspiegeln. Natürlich scheitert sie beim Casting und trifft hernach ihren One-Night-Ständer von zuvor wieder. Gemeinsam mit Wolf beschließt sie, aus Gründen der Ersparnis zueinander zu ziehen. Doch der nächste Streitstreich folgt sogleich: Wer soll seine Wohnung aufgeben?

Es sind durchaus Ansätze vorhanden, anhand derer man den pausenlosen 70-Minuten-Abend per genaueren Facetten zum Stück vertiefen hätte können. Zum Beispiel die Filmidee des überkandidelten und -emanzipierten Powergirls, von der man gern mehr erführe. Oder das Scheitern von Wolfs Ehe mit der fiktiven Marianne – offenbar am gepflegten Ödipuskomplex, der aber nur in der Eingangsszene, als sich Wolf alias Mario Grünewald versonnen frühere Urlaubsdias anschaut, die sich abwechselnd „Glück“ oder „Mutti“ nennen, hervortritt und später als Spur ebenso versandet. Wolf, dessen Wölfchen anfangs mal ausnahmsweise versagt, was in einer der zahlreichen Tobsuchtsanfälle des ewig Unzufriedenen mündet, outet sich anhand der Reiseziele als Westbürger, muss aber später ab und an sächseln.

So gibt die Autorin Gusner der Regisseurin Gusner schlicht recht schmales Text- wie Szenenfutter mit auf den Weg, so dass die beiden Akteure – auf einer jenseits von drei Stühlen und vielen nackten Lampen nahezu leeren Bühne – immer wieder in eigenwilligen Slapstick-Szenen ihr schauspielerisches Eskapadenrepertoire ausreizen (müssen) und auch singen (dürfen). Einiges gelingt dabei durchaus witzig – so als Wolf Grünewald über seine abgelehnten Bewerbungen erzählt, in die er eigentlich gern die pure Authentizität inklusive seiner gelegentlichen nächtlichen Gewaltsausflüge verpacken würde.

So bleibt am Ende – denn wichtiger fürs Überleben soll gute Musik sein – nur echte Zufriedenheit mit Tobi, also Tobias Herzz Hallbauer, der mit Stimme, Gitarre und Loop nahezu beständig einen wohltemperierten Soundtrack zu den Episoden, darunter einige verfeinerte Klassiker, liefert. Fans der beiden, spielerisch durchaus überzeugenden Darsteller werden – mangels Mätzchen und dafür mit ausgegorenem Text aus der Feder Yasmina Rezas – mit „Der Gott des Gemetzels“ am selben Haus besser bedient. Das dauert nur zehn Minuten länger und kommt am 14. und 15. September, das richtige Scheitern im falschen Leben erst im Oktober wieder.

Nächste Vorstellungen: 6. & 8. Oktober, Societaetstheater

www.societaetstheater.de

Von Andreas Herrmann

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