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Ambitionierten Jugend- und Laienorchestern fehlt zunehmend qualifizierter Nachwuchs

Ambitionierten Jugend- und Laienorchestern fehlt zunehmend qualifizierter Nachwuchs

Auf den ersten Blick sieht es gut aus bei den "Jugend musiziert"-Wettbewerben. Über 500 Teilnehmer beim Landeswettbewerb in diesem März, ungefähr jeder fünfte fuhr chancenreich zum Bundeswettbewerb.

Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des veranstaltenden Sächsischen Musikrates, staunt selber über die nachwachsenden außerordentlichen Talente. Ein Teil von ihnen entscheidet sich bewusst für eine Profilaufbahn, obschon anständig bezahlte Stellen immer knapper werden und die Liebe zur Musik bei karger Existenzgrundlage schon sehr groß sein muss. Um diese "erste Reihe" macht sich Tannenberg auch keine Sorgen. Was ihn beunruhigt, ist die spürbare Ausdünnung der "zweiten Reihe", oft nicht minder talentierter und nicht minder fleißiger Nachwuchs, der sich aber bewusst für einen "anständigen Beruf" entscheidet. Diese Musiker stellen die Solobläser in ambitionierten Laienorchestern, sitzen an den ersten Pulten und tragen die noch immer zahlreichen Laienensembles beispielsweise im kirchlichen Raum.

Dort aber wird der qualifizierte Nachwuchs immer knapper. Ein krasser Fall ist das Sinfonieorchester Hoyerswerda, das als semiprofessionelles Ensemble seit 52 Jahren neben der Lausitzer Philharmonie das Konzertleben in der Stadt bestreitet. Nicht nur die Abwanderung macht dem Orchester zu schaffen. Auch der Nachwuchs aus der Musikschule, einst Hauptquelle, bleibt aus oder erreicht nicht mehr das erforderliche Niveau. Ohne Aushilfen oder ehemalige Mitglieder ist das Orchester kaum noch spielfähig.

Einer, der es wissen muss, kann einen Qualitätsverlust beim Musikschulnachwuchs nicht nur fühlen oder vermuten, sondern empirisch belegen. Milko Kersten ist Sachsens gefragtester Jugendorchesterdirigent, leitet nicht nur das Landesjugendorchester, sondern auch das des Heinrich-Schütz-Konservatoriums in Dresden. Vor zehn, 15 Jahren war dieses Orchester noch kleiner als heute, eher eine Kammerbesetzung mit vielleicht drei ersten Geigenpulten. Von denen aber, so erinnert sich Kersten, hatte fast jeder das Zeug, auch im Landesjugendorchester mitzuspielen. Das traue er heute vor allem bei den Streichern höchstens noch zweien oder dreien zu. Auch die Bewerbungen gingen zurück, weil die Schüler ihre Grenzen kennen würden. "Die sind nicht schlecht ausgebildet", betont der beliebte Dirigent. Aber das Quäntchen, das es erlaube, auch anspruchsvolle sinfonische Literatur zu spielen, fehle eben.

Einer, der über Sachsen hinaus den Überblick hat, ist Helge Lorenz. Seit rund drei Jahrzehnten geigt er schon im Dresdner Universitätsorchester, ist zugleich Präsident des Bundesverbandes Deutscher Liebhaberorchester. "Der Altersdurchschnitt dieser Orchester steigt weiter", bestätigt er. Noch mehr Sorge bereitet ihm die Entwicklung dort, wo die Freude am gemeinschaftlichen Musizieren geweckt wird, nämlich bei Schulorchestern und Musikschulorchestern. Chemnitz beispielsweise verfügt gar nicht über einen solchen Klangkörper.

Auf der Suche nach Ursachen und Erklärungen ist Lorenz schnell bei den Musikschulen und ihren Trägern. Die Finanzierung der Musikschulen wird tendenziell immer prekärer. Eine der Folgen dieses Missstandes ist der Vorrang von Quantität vor Qualität. Um das finanzielle Überleben zu sichern, geht das Angebot immer mehr in die Breite, in Richtung Hobbymusik für jedermann. Das ist an sich nicht zu verurteilen, senkt aber insgesamt das Niveau.

Tannenberg macht dagegen den Zeitgeist als Hauptursache aus. "Alles, was in dieser Gesellschaft mit Konstanz, Nachhaltigkeit, eben mit leidenschaftlichem Üben zu tun hat, wird zunehmend schwieriger", stellt er fest. Sich für die tiefe Befriedigung auch zu "quälen", um ein Musikinstrument genussvoll zu beherrschen, werde eher zur Ausnahme. "Just for fun" laute die Devise. Kersten bestätigt diese Beobachtung. "Nur bis zu einem bestimmten Limit" seien viele bereit, sich noch für ein künstlerisch anspruchsvolles Ziel zu engagieren. Dahinter steckt nach Meinung des Musikrat-Geschäftsführers Tannenberg eine schon im frühen Kindesalter wirksame Weichenstellung. Musik, Kunstausübung überhaupt werde immer mehr als unwichtiges Sahnehäubchen empfunden, während es doch eigentlich um den Durchmarsch zu einem möglichst gut bezahlten Brotberuf gehe. Der Leistungsdruck in den Schulen und im Studium tue ein Übriges.

Gerade das Universitätsorchester Dresden hat mit dem Bologna-Prozess, mit der Einführung der Bachelor/Master-Studiengänge einen drastischen Einbruch an Bewerbern erlebt. Kaum ein Student riskiert im ersten Studienjahr eine solche Zusatzbelastung mehr. Die Fluktuation ist hoch, der Stress lässt ein Bier nach der Probe nicht mehr zu, das Sinfonieorchester der TUD wird von der Generation Ü40 getragen. Wer sich noch im Studentenalter bewirbt, geht in die kleinere Kammerphilharmonie. Dirigent Kersten überrascht mit einem anderen Konflikt im Schulalter. "Die Forcierung des Ganztagsangebots kollidiert mit dem Musikschulangebot, vor allem mit dem Orchestermusizieren", muss er feststellen. Viele kämen deshalb unvorbereitet zu den Proben am Nachmittag, manche müssten das Orchesterspiel aufgeben. Kooperationsversuche blieben meist erfolglos, sogar mit dem Dresdner Kreuzgymnasium. "Dabei schmücken sich die Schulorchester gerade mit der Musikschulausbildung ihrer Mitglieder", ärgert sich Kersten.

Wie lässt sich dieser unbestreitbare Trend umkehren? "Durch frühe Angebote den Sinn für das gemeinschaftliche Musizieren wecken", mahnt Lorenz. Denn letztlich ziele Musik immer auf ein solches soziales Miteinander, was man mit ein paar einsamen Melodien am Keyboard nicht erreiche. Das Angebot "Jedem Kind ein Instrument" für die ersten beiden Klassenstufen sei gut gemeint, aber nicht nachhaltig, weil der Anschluss an eine weiterführende Ausbildung meist fehle.

Ansonsten aber hat noch niemand der drei Angesprochenen ein Rezept. Kersten verrät immerhin, dass man sich am Dresdner Konservatorium Gedanken macht, ob die Aufnahme von weiteren zwei- oder dreitausend Schülern sinnvoll ist. "In den allgemeinen Geschäftsbedingungen steht immerhin auch, dass Schüler vorbereitet zum Unterricht kommen sollen!" Es gehe um musische und musikalische Ausbildung und nicht nur um Bespaßung. Wobei bekanntlich der Erfolg eifriger Beschäftigung mit dem Instrument eine höhere Form der Bespaßung darstellt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.08.2014

Michael Bartsch

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