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Regional Am Freitag beginnt die „Kaisermania“ in Dresden: Roland Kaiser im Interview
Nachrichten Kultur Regional Am Freitag beginnt die „Kaisermania“ in Dresden: Roland Kaiser im Interview
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14:00 01.08.2018
Bei den Filmnächten schon Traditionsgast: Roland Kaiser kommt in diesem Jahr gleich vier Mal. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Über vier Jahrzehnte tourt Roland Kaiser nun schon durchs Musikgeschäft – und hat doch noch längst nicht genug, sondern sorgt noch immer mit Schlagern für Zeilen: Schließlich kennt wohl fast jeder hierzulande Hits wie „Sieben Fässer Wein“, „Santa Maria“ oder „Manchmal möchte ich schon mit dir“. Dabei hatte der bekennende Sozialdemokrat einst als Leiter einer Werbeabteilung in einem Autohaus angefangen, interessierten seine ersten Singles niemanden – „nur mich und die Plattenfirma“. Erst „Frei, das heißt allein“ wurde 1976 ein Hit – und ließ den Berliner seinen alten Beruf aufgeben: „Das ist jetzt lange her, dass ich mich entscheiden musste, aber wahrscheinlich war es nicht ganz falsch“, lacht der 66-Jährige. Vor der alljährlichen „Kaisermania“ in Dresden hat Christoph Forsthoff den Sänger getroffen.

Was zeichnet einen Grandseigneur aus?

Roland Kaiser: Ach Gott, ich habe mir den Titel nicht gegeben…

…aber unangenehm ist Ihnen diese Bezeichnung auch nicht, sonst würde sich auf Ihrer Webseite nicht das Zitat vom „Grandseigneur des deutschen Schlagers“ finden.

(schmunzelt) Wenn sich Journalisten entschlossen haben, dies zu schreiben, kann ich es ihnen ja nicht verbieten. Freundlichkeit und Höflichkeit charakterisieren einen Grandseigneur, Stil und Niveau.

Unterscheidet man sich als Grandseigneur von den anderen Kollegen der Schlagerbranche?

(lacht) Da spielt sicher auch das Alter eine Rolle – einen 25-Jährigen würde wohl niemand so beschreiben.

Fotorückblick: Die erste Kaisermania 2017

Die erste Kaisermania 2017

Zweifellos spielt dabei auch die Kleidung eine Rolle – Sie treten in der Regel mit Anzug, Einstecktuch und Krawatte auf.

Ich habe mich vor vielen Jahren entschlossen, diesen Weg zu wählen. Erstens trage ich gerne Anzüge, zweitens muss ich nicht lange nachdenken, welcher Modetrend gerade angesagt ist, sondern kann einfach meinen Anzug anziehen – und ich möchte den Menschen auch so erscheinen, dass es ein angenehmer Anblick ist.

Gentleman und Schlagerwelt stehen für Sie also nicht im Widerspruch.

Nein – so wie auch Schlagerwelt und Meinungsäußerung kein Widerspruch sind. Nur weil man in diesem Bereich arbeitet, muss man ja nicht per se ein Paradiesvogel sein.

"Schlager ist über die gesamte Bevölkerung betrachtet mehrheitsfähig"

Zweifellos – und doch hat der Schlager ja nicht unbedingt ein Image, das man mit einem Gentleman in Verbindung brächte.

Der Bereich Schlager ist ja nichts weiter als musikalische Unterhaltung, die wir da betreiben – ebenso wie es Rock-, Pop- und Folksänger, Rapper und Jazzer auch machen. Sie alle unterhalten Menschen und versuchen Mehrheiten in ihrem Bereich zu erreichen – und nichts anderes tun wir auch.

Kaisermania 2018

Kaisermania: 3.+4., 10.+11.8., jeweils 20 Uhr (ausverkauft)

Was zeichnet denn einen Schlager aus?

Ein Schlager ist über die gesamte Bevölkerung betrachtet mehrheitsfähig. Insofern mag vielen Sängern, die sich nicht als Schlagersänger fühlen, ein Hit gelungen sein – doch ein Hit ist nichts anderes als ein Schlager. Wenn ich gefragt werde, ob ich noch Schlager sänge, lautet meine Antwort: „Sie können meine Lieder nennen, wie Sie wollen – das sind einfach Songs, die ich gerne mache.“

Nun hat sich die Schlagerwelt in den letzten 40 Jahren ja verändert – erinnern Sie sich manchmal wehmütig an die alten Hitparaden-Zeiten?

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die rückwärtsgewandt leben – ich blicke nach vorne. Zweifellos fand sich im Schlager der 50er-Jahre mehr Zeitgeist als heute. Themen, die auf der Straße lagen, wurden in Liedern aufgegriffen: Als es damals etwa die große Kriminalfilm-Welle von Durbridge bis Wallace gab, kam ein Schlager, der hieß „Kriminaltango“; zu Zeiten des Wirtschaftswunder sang Hazy Osterwald „Geh‘n Sie mit der Konjunktur“, und als wir anfingen, nach Italien in den Urlaubs zu fahren, hieß der Schlager dazu „Komm ein bisschen mit nach Italien“. Heute findet sich weit weniger reflektierter Zeitgeist im Schlager – aber vielleicht ist das ja auch der Geist der Zeit…

Erleben Sie unseren aktuellen Zeitgeist als weniger reflektiert?

Ich habe lediglich Jean-Paul Sartre zitiert, der sagt: „Kunst ist reflektierte Gegenwart“ – und wenn diese Schlager momentan mehrheitsfähig sind, ist das offensichtlich der Geist unserer Zeit. Letztlich müssen die Menschen selber wissen, was sie mögen: Mir persönlich fehlt diese Reflexion ein bisschen, doch solch ein nicht belehrendes, sondern augenzwinkerndes Aufzeigen wie etwa in „Ein ehrenwertes Haus“ von Udo Jürgens ist eben auch nicht einfach.

"Meine Titel sind alle eher mit erotischen Komponenten versehen"

Abgenommen haben auch die Einschaltquoten im Fernsehen – trauern Sie da als Künstler nicht ein wenig jener TV-Zeit nach, als Sie noch eine weit größere Fangemeinde erreichen konnten?

Überhaupt nicht! Zumal es immer Möglichkeiten gibt, sich zu präsentieren und die Menschen zu erreichen: Ein Video, das funktioniert – wie unser Song „Warum hast du nicht nein gesagt“ mit Maite Kelly – ist bald 79 Millionen Mal geklickt worden. Das ist mit keiner Fernsehshow zu schaffen!

Ihre Musik bekommt man eben einfach nicht kaputt, wie Sie selbst gesagt haben – woran liegt das?

(lacht) Zum einen an den originellen Texten – ich habe ja selten an das Herz als vielmehr an die etwas tiefer liegenden Triebe des Menschen appelliert. Meine Titel sind alle eher mit erotischen Komponenten versehen, als dass es darum ginge, eine Bergwanderung zu unternehmen oder am See spazieren zu gehen. Aber es waren und sind einfach auch gute Melodien, die dann zu Evergreens geworden sind. Vielleicht hat man früher kompositorisch einfach noch mehr Qualität abgeliefert.

Inwiefern?

Da gab es eben Komponisten, die vom Klavier kamen und selbstverständlich auch die schwarzen Tasten und damit die Halbtöne genutzt haben. Das sind alles raffinierte Kompositionen, die von großer Qualität sind. Ob ein Udo Jürgens oder ein Jean-Michel Jarre: Das sind einfach Melodien für die Ewigkeit.

Ihre alten Melodien und Hits haben Sie auf Ihrem aktuellen Album in neuem Gewand versammelt – fürchten Sie nicht, dass dies die Fans irritieren könnte, wenn „Schachmatt“ plötzlich als Ballade daherkommt?

Nein, denn es ist ja nur ein Angebot. Ich fand es einfach spannend, so etwas mal zu machen, und hatte viel Spaß dabei. Diese Titel haben einfach die kompositorische Qualität, es musikalisch auch mal anders zu machen, und „Schachmatt“ klingt sogar noch besser, wenn Sie mich fragen – aber das sehen die Fans vielleicht anders…

Vielleicht brauchten Sie ja auch einfach mal Abwechslung – denn Hits wie „Schachmatt“ oder „Santa Maria“ zum tausendsten Mal zu singen, das langweilt doch bestimmt irgendwann auch.

Nein, überhaupt nicht – dafür macht mir Live-Musik einfach zu viel Spaß. Und es wäre ja widersinnig, ausgerechnet die Titel zu verdammen oder mit Abfälligkeit zu betrachten, die mich überhaupt erst dorthin gebracht haben, diesem Spaß nachgehen zu können. Ich war 67 Mal in der Hitparade, bin jetzt seit 44 Jahren in diesem Beruf tätig und kann Konzerte vor über 200 00 Zuschauern spielen: Das ist ein großes Glück...

…das Sie zweifellos auch diesen Titeln zu verdanken haben…

…und eben auch der Achtung vor diesen Liedern und dass man dem Publikum nicht zu verstehen gibt: Ich mache das jetzt mal, weil ihr das wollt – nein, das muss man schon gerne machen, sonst merken die Menschen das auch und finden das zu Recht nicht in Ordnung.

"Wenn niemand mehr wagt, einen zu kritisieren, dann stimmt etwas nicht"

Da klingt Demut durch – in den 80er Jahren hingegen, so haben Sie selbst erzählt, seien Sie ziemlich unerträglich gewesen und hätten sich für den Nabel der Welt gehalten. Eine für Stars eher untypische Selbstkritik…

Damals habe ich binnen drei Jahren für alles, was ich anfasste, Gold- und Platin-Auszeichnungen bekommen – da glaubt man irgendwann wirklich, dass man extrem wichtig und klug sei. Bis dann der Tag kommt, wo man anfängt nachzudenken und feststellt: Komm mal wieder runter. Und wenn man dann in seinem Leben erstmal Vater geworden ist, wird man sowieso anders…

Haben Sie das tatsächlich so erlebt?

Oh ja – der Mensch, der alleine lebt, ist ja für sich der Mittelpunkt der Welt. Wenn Sie aber Verantwortung tragen für ein kleines Lebewesen, dann rücken Sie an den Rand dieses Kreises, in dessen Mitte das Kind liegt, und überlegen, was für das Kind wichtig und gut ist – und das bringt Sie wieder auf die Wolke zurück, auf der Sie sich eigentlich befinden. Meine Kinder hat nicht interessiert, ob mich im Konzert Tausende von Menschen gefeiert haben – wenn ich nach Hause kam, hieß es: Du hast mir versprochen, mit mir zu spielen – also habe ich mit ihnen gespielt.

Was ja aber eine gewisse Distanz zu sich selbst und auch Selbstreflexion voraussetzt.

Man muss gucken, sich nicht als unfehlbar zu betrachten – dann sitzt man nur noch im Elfenbeinturm und trifft Entscheidungen an allen vorbei, und das ist ganz schlimm. Wenn niemand mehr wagt, einen zu kritisieren, dann stimmt etwas nicht – entweder macht man dann wirklich alles richtig oder die anderen trauen sich nicht. Und ist letzteres der Fall, wird es Zeit, etwas zu ändern.

Dabei hätten Sie heute Grund genug abzuheben – die Waldbühne in Berlin schon neun Monate vor dem Konzert ausverkauft, allein in Dresden alljährlich 50 000 Besucher…

…und genau das erdet einen. Das macht mich demütig und dankbar: Es ist eine große Ehre, aber gleichzeitig eine große Verpflichtung, da die Menschen ja auch eine Erwartungshaltung haben, die man erfüllen muss. Das ist eine schöne Aufgabe, aber die macht nicht größenwahnsinnig, sondern eher bescheiden und spornt mich an, immer noch besser zu werden.

Haben Sie eine Erklärung für diese „Kaisermania“ in Dresden?

Ich mag die Stadt sehr gerne, und ich glaube die Stadt mag mich auch – und daraus ist diese Verbindung entstanden. Angefangen haben wir dort mit 3500 Menschen und jetzt sind es 50 000 Menschen aus aller Herren Länder, die Tickets kaufen und weitere 10 000 Menschen auf den Wiesen rund um das Elbufer-Gelände.

Fotorückblick: Kaisermania-Fans in Dresden

Woher rührt diese besondere Beziehung zu Dresden?

Der dortige Menschenschlag und ich, wir kommen sehr gut miteinander aus. Ich bin Anfang der 90er Jahre das erste Mal dort gewesen und hatte einen sehr schönen Tag erwischt, die Menschen waren ganz begeistert – und diese Welle der Begeisterung hält bis heute an. Insofern ist Dresden für mich schon eine besondere Stadt, der ich viel zu verdanken habe und für die ich mich auch engagiere, wenn es um politische Fragen geht.

Diese intensive Verbindung hat sogar Brücken zur Klassik geschlagen…

Ja, ich habe mit der Dresdner Philharmonie 2017 im Kulturpalast ein Konzert gespielt, das auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Zweieinhalb Stunden saßen 149 klassische Musiker auf der Bühne, die meine Titel spielten – es war ein tolles Gefühl, die eigene Musik mal von solch einem Klangkörper zu hören. Da ist mir schon durch den Kopf gegangen: Angefangen hast du in der ZDF-Hitparade, und jetzt spielst du hier mit Orchester – das sorgt schon mal für eine leichte Gänsehaut.

Ein Konzert, das Sie als Ritterschlag empfunden haben?

Die Dresdner Philharmoniker sind ja musikalisch durchaus in der Lage zu unterscheiden, ob so etwas Sinn macht oder nicht – und dass sie mit Freude und Spaß gespielt haben, war natürlich eine besondere Ehre für mich. Zumal sie dazu nicht von der Intendanz verpflichtet worden waren, sondern totalen Spaß daran hatten – und einige von ihnen kommen jetzt auch privat zu meinen Konzerten. Einfach weil sie die Atmosphäre dort am Elbufer mögen.

Kurz zuvor waren Sie für Ihr Engagement für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden – woher rührt dieses Engagement?

Wenn man so wie ich auf der Sonnenseite des Lebens steht, ist es nahezu zwangsläufig sich zu engagieren, damit es anderen Menschen auch etwas besser gehen kann. Das mag an meiner Historie liegen, denn ich bin ja nicht auf dieser Seite geboren, sondern habe ja auch der Gesellschaft diesen Weg zu verdanken – und so versucht man dann ein Stück zurückzugeben. Es geht einfach darum, einen Blick für Notsituationen zu haben und dann zu versuchen, Dinge im Rahmen seiner Möglichkeiten zu verändern.

Inwieweit wirken Sie dabei selbst mit?

Manchmal nutze ich nur meine Popularität, um aufmerksam zu machen – in anderen Fällen leisten wir konkrete Hilfe, sammeln jedes Jahr fleißig Spenden und setzen dann bestimmte Projekte um. So haben wir etwa 2017 in Nordrhein-Westfalen den NRW-Schulpreis ausgelobt, mit dem wir bis 2023 insgesamt 250 000 Euro an Schulen vergeben, die sich mit sozialen Projekten engagieren.

"Eine Demokratie, die für alle Menschen lebenswert sein will, muss einfach sozial sein."

Sie geben also nicht nur Ihren Namen als Schirmherr her…

Nein, in der Solidarfonds-Stiftung NRW bin ich stellvertretender Vorstandsvorsitzender – und da sitzen wir zusammen und entscheiden über finanzielle Zuwendungen, denn wir müssen ja auch Rede und Antwort stehen. Ähnlich ist es bei der Tafel in Cottbus, wo ich als Schirmherr regelmäßig bin und mir anschaue, was dort mit dem Geld passiert: Würde ich da nur meinen Namen hinschreiben, nähme mir ja zu Recht keiner mein Engagement ab.

Nun engagieren Sie sich ja nicht nur für sozial Benachteiligte in unserer Gesellschaft, sondern machen sich auch politisch für sie stark als SPD-Mitglied – wie ist es dazu gekommen?

Ich habe mich schon immer für Politik interessiert und war bereits auch bei den Jusos. Zudem bin ich in Berlin-Wedding neben dem SPD-Gebäude groß geworden, dem alten Kurt-Schumacher-Haus, wo Willy Brandt sein Büro hatte...

…und wo Ihre Pflegemutter gearbeitet hat…

…ja, als Raumpflegerin – sie hat behauptet, ich hätte auf seinem Schoß gesessen, aber das muss nicht stimmen… Doch meine Nähe zur SPD hat eine lange Tradition, weil ich einfach an die Sozialdemokratie als wichtige politische Kraft glaube.

Was hat Sie damals zu dieser Überzeugung kommen lassen?

Eine Demokratie, die für alle Menschen lebenswert sein will, muss einfach sozial sein. Doch dieser Grundgedanke der sozialen Marktwirtschaft, der einst auch von der CDU mitgetragen wurde, hat sich inzwischen stark verändert und wir haben uns von dieser sozialen Marktwirtschaft entfernt – weltweit betrachtet, herrscht heute eher ein Raubtierkapitalismus.

Wo zeigt der sich?

Unserer Gesellschaft könnte schon in einigen Jahren eine dramatische Altersarmut drohen, was auch alle wissen – doch in den großen politischen Parteien bewegt diese Perspektive offenbar niemanden dazu, sich hier stark zu engagieren. Wenn aber eine Krankenschwester heute 1300 Euro netto verdient, können wir uns ausrechnen, was die Dame später an Rente bekommen wird: Davon müssen Sie erstmal versuchen zu leben. Und das ist bitter, wenn man 45 Jahre gearbeitet hat.

Erleben Sie solche Schicksale selbst?

Ich bin ja oft bei der Tafel in Cottbus, und dieses Angebot nehmen neben Studenten und Familien auch viele Rentner wahr. Wer 700 Euro Rente im Monat bekommt, dem ermöglichen die Tafeln die Chance, zumindest gelegentlich noch am sozialen Leben teilzuhaben, mal ins Kino zu gehen, in den Zoo oder ins Theater – das wäre sonst nicht möglich. Und meine große Sorge ist, dass wir dieses Problem der Altersarmut nicht anfassen und bewältigen, denn die Zahl der älteren Menschen nimmt ja immer weiter zu.

Aber steht denn die SPD wirklich noch für diese Menschen ein?

Da müssten Sie mit dem SPD-Vorstand reden. Natürlich gehen die konform mit meiner Meinung, aber die Frage ist doch, was sie parlamentarisch durchsetzen können – und ich bin nun mal kein gewählter Volksvertreter…

…aber Sie verfolgen das politische Geschehen.

Ich bin sicher, dass die meisten in der SPD meine Meinung verstehen und mittragen – doch ob sie dies auch politisch durchsetzen können, hängt wiederum vom Koalitionspartner und den nötigen Mehrheiten ab. Und das ist ein schweres Geschäft.

Ein Geschäft, bei dem viele der Wähler den Eindruck haben, dass so mancher Volksvertreter den unmittelbaren Bezug zum Volk verloren hat – anders als noch zu Zeiten eines Willy Brandt oder Herbert Wehner.

Die hatten in der Tat noch eine ganz andere Lebensgeschichte. Unser Problem heute ist doch, wie Konrad Lorenz mal so schön gesagt hat: Der Mensch ist nicht mehr bereit, Höhen und Tiefen zu akzeptieren – ein Brandt oder Wehner haben Höhen und Tiefen erlebt und das macht natürlich Charaktere aus. Solche Politikercharaktere werden Sie heute nicht mehr finden – und das zieht sich bis in die Unternehmen hinein, denn auch den dortigen Vorständen fehlt es oft an Charisma.

Und dennoch verdienen sie Millionen…

…und das versteht draußen keiner mehr. Ein Unternehmer, der das Risiko trägt und durch Fehlentscheidungen auch alles verlieren kann, soll verdienen, was er will, solange er die Gewinne versteuert – aber Vorstände haben ja kein Risiko, sondern werden oft selbst bei Fehlentscheidungen noch sanft abgefedert. Das kann man keinem in der Bevölkerung verständlich machen, der jeden Tag kämpfen muss und für den schon ein einziger Fehler oft genug das Aus bedeutet.

Schmerzt es Sie, den Niedergang der SPD zu beobachten?

Ja, natürlich.

Woher resultiert dieser Niedergang?

Wenn ich das wüsste, hätte ich es denen schon gesagt, damit sie etwas dagegen tun könnten… Es werden verschiedene Aspekte sein: da ist die innere Zerrissenheit in den letzten zwei Jahren gewesen sein – wenn eine Partei sich so präsentiert und eine Parteiführung sich untereinander nicht einig ist, führt das meistens auch zu Verlusten bei Wahlen. Zudem war die SPD immer eine Partei der Visionen, Pragmatismus ist nie ihre Stärke gewesen: Schon die Gründungsidee war ja eine Vision, die Gleichstellung von Arbeit und Kapital...

…doch braucht es heute wirklich noch Visionen?

Die letzte Vision der SPD war die Ostpolitik Willy Brandts – danach war Pragmatismus gefordert. Das konnte Herr Schmidt sehr gut, ebenso Herr Schröder...

…doch jetzt sind wir an einem Punkt, wo es bei den Parteioberen sowohl an Pragmatismus als auch an Visionen mangelt.

Die Partei ist jetzt in einer misslichen Situation, denn sie hatte nach der Wahl klar gesagt, für keine Koalition zur Verfügung zu stehen. Und mich hätte es sogar gefreut, wenn Frau Merkel den Mut zu einer Minderheitsregierung gehabt hätte: Das hätte das Parlament gestärkt, die CDU hätte sich je nach Projekt temporär Koalitionen suchen müssen und die anderen Parteien wären gezwungen gewesen, konstruktiv als Parlamentarier zusammenzuarbeiten.

"Ich habe auch gelernt, Nein zu sagen"

Stattdessen haben wir jetzt wieder eine geschrumpfte „Große Koalition“.

Getreu des Mottos „Halten wir mal durch bis zur nächsten Wahl“ – das ist für beide Parteien nicht optimal und für die Wähler eine fatale, unbefriedigende Situation. Und auch Herr Lindner hat sich keinen Gefallen getan mit seinem einseitigen Ausscheren: Denn solch eine Jamaika-Koalition wäre eine spannende Sache gewesen.

Inwiefern?

Wenn sich etwas ändert, ist nie sicher, dass es auch besser wird – aber man muss etwas ändern, damit es besser werden kann. Man muss Dinge einmal anpacken und auch durchziehen – insofern bedaure ich die Entscheidung von Herrn Lindner, denn Jamaika hätte der Republik neue Perspektiven eröffnet. So heißt es nun: „Machen wir mal einfach so weiter bis zur nächsten Wahl“ – und das stärkt natürlich wiederum die Ränder.

Da klingt Frust durch – haben Sie schon mal überlegt, Ihr Parteibuch zurückzugeben?

Nein – die Ratten mögen das sinkende Schiff verlassen, ich tue das nicht. Ich bin eingetreten in die SPD, als ihre Umfragewerte am Boden waren – und ich werde garantiert nicht austreten.

Klingt nach einem Kämpfer – sind Sie ein solcher Typ?

Ja, das bin ich. Ich bin schon jemand, der auch für die Dinge kämpft, an die er glaubt und die er erreichen will – und zwar nicht mit Verbissenheit, sondern mit Zielstrebigkeit.

Ihren größten Kampf haben Sie gewonnen – den gegen Ihre schwere Lungenkrankheit. Hat Ihnen dieser erfolgreiche Kampf einen neuen Blick auf das Leben eröffnet?

Ja, ich bin viel entspannter geworden. Früher hatte beruflich oft mit Lampenfieber zu kämpfen – heute sehe ich meine Auftritte als pure Freude an und sage mir: Das macht mir so viel Spaß – was soll schon passieren? Ich bin jetzt mit einem wunderbaren Gefühl unterwegs, das Leben ist nur noch schön.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben also an…

(lacht) …auch so ein unvergessenes Lied von Udo Jürgens und solch ein wunderbarer Text von Michael Kunze. Das habe ich diesmal sogar in meinem Programm, schließlich kann ich den Titel ja nur ein Jahr lang bis Mai 2019 singen...

Wie verändert das Alter den Blick aufs Leben?

Man relativiert Dinge – und ich habe auch gelernt, Nein zu sagen. Mittlerweile kann ich das wirklich gut, einfach konsequent zu sein, ohne Menschen zu verletzen. Wie Wilhelm Busch so schön gesagt hat: ‚Wenn mir aber was nicht lieb, Weg damit! ist mein Prinzip.‘ Das macht frei und entspannt ungemein – und man hat mehr Zeit für die Dinge, die einem mehr Freude machen.

Was macht Ihnen am meisten Freude?

Mein Beruf, die Fliegerei, mit Freunden oder Familie gute Gespräche zu führen und gut zu essen, mit meiner Frau unterwegs zu sein und Urlaub zu machen – oder auch mal wieder nach Sylt zu fahren. Wir haben dort ja ein Haus, doch kommen wir da viel zu selten hin.

Was schätzen Sie an der Insel? Bestimmt ja nicht die Schönen und Reichen...

Wir können dort entspannen und abschalten.

Kaum vorstellbar angesichts der Bilder, die sonst von Sylt vermittelt werden.

Doch, das geht. Wir haben dort wirklich unsere Ruhe und absolut keinen Stress.

Und vermutlich freuen sich auch Ihre vier mittlerweile ja schon erwachsenen Kinder, Sie dort besuchen können. Als Vater möchte man seinen Kindern ja gern etwas mit auf den Weg geben – was haben Sie Ihren Kindern vermittelt?

Da ich sehr oft unterwegs war und bin, bin ich auch ein sehr milder und nachgiebiger Vater. Strenge hat es bei mir nie gegeben – ich habe meinen Kindern immer nur eines gesagt: Ich möchte, dass Ihr nicht nach unten tretet, dass ihr mit durchgedrücktem Rückgrat Euer Leben macht und in den Spiegel blicken könnt. Das ist mir ganz wichtig: Ich mag solche Menschen nicht, die aus scheinbar höheren sozialen Situationen heraus nach unten treten – und das macht auch keines meiner Kinder: Sie sind großartige Menschen geworden – trotz meiner Nachgiebigkeit (lacht).

Für alle, die nicht live dabei sein können: Der MDR überträgt eines der Konzerte am 4. August ab 19.30 Uhr live im Fernsehen.

Von Christoph Forsthoff

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