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Regional Am Boulevardtheater fallen bei „Herr Lehrer, Frau Lustig schwänzt!“ mal wieder die Hüllen
Nachrichten Kultur Regional Am Boulevardtheater fallen bei „Herr Lehrer, Frau Lustig schwänzt!“ mal wieder die Hüllen
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18:01 04.09.2017
Liliane Leutheuser-Schnarrenthal (U. Mai, l.) und Dr. Ernestine Schnickenfittich (C. Scholze) begutachten Nico Gailer (A.Köhler). Quelle: ROBERT JENTZSCH

Nackte sind überall: in TV, Werbung, online. Man hat sich nolens volens daran gewöhnt beziehungsweise nimmt abgestumpft zur Kenntnis, dass mancherorts sogar nackt gerodelt wird, wie etwa alljährlich in Schlettau im Erzgebirge. Als die Macher des „Playboy“ darauf verzichteten, nackte Frauen abzudrucken, feixten manche, das sei ja wie Mayonnaise ohne Fett oder Wein ohne Alkohol. Machbar, aber sinnlos. Und in der Tat. Ein Jahr später ruderte man zurück, und auf dem Cover der Ausgabe März/April 2017 wurde versichert: „Naked ist normal“.

Auf nackte Tatsachen und verbale Anzüglichkeiten wird mittlerweile auch im Boulevardtheater in mindestens einer Produktion im Jahr gesetzt, die dann schon mal mit dem Hinweis beworben wird, dass Jugendliche unter 18 Jahren Zutritt nur in Begleitung ihrer Eltern erhalten und Jugendliche unter 16 Jahren gar nicht. Das Konzept kommt an. Für die neue frivole Komödie, deren Titel „Herr Lehrer, Frau Lustig schwänzt!“ lautet, wurden schon 11000 Karten verkauft – davon können Betreiber anderer Bühnen nur träumen. Gestrickt hat das Stück Clemens Wolkmann, die Regiearbeiten hat Jürgen Mai übernommen. Das Ganze spielt im beschaulichen Niesbach-Wurzelheim: Die Pädagogin Ernestine Schnickenfittich (Caroline Scholze) strotzt vor Stolz, weil sie der nigelnagelneuen Schule für höhere Töchter „Helene Breitschlitz“ als Direktorin vorstehen darf.

Das Lyzeum für Mädchen ab Zwanzig residiert in einer einstigen bischöflichen Ursulinenschule, seit jeher ein Tempel von Zucht und Ordnung. Facility Manager ist Kuno von Kleber, der aus verarmtem Adel stammt und ein recht patenter Kerl ist, bis auf die Tatsache, dass erst mal immer stottert, wenn er mit Frauen spricht, wenigstens aber nicht ganz verstummt wie der unter selektivem Mutismus leidende Raj in den ersten Staffeln der US-Sictom „Big Bang Theory“.

Die Schwierigkeiten beginnen, als eine neue Schülerin auftaucht. Lisa Lustig (Alice Erk), die kein Kind von Traurigkeit ist, schon gar nicht sexuell, und die nur ein Ziel hat: von der Schule zu fliegen. Das wäre Lehrer Nico Gailer (Andreas Köhler) nur recht, kennt er das süße Früchtchen doch von früher. Es kommt, wie es kommen muss. Der Skandal scheint perfekt, als Lisa und ihre Freundin Fritzi (Franziska Langer) die Eröffnung dazu nutzen, einen Tanz aufzuführen, dann aber die Hüllen fallen lassen und fast dastehen, wie Gott sie schuf. Fast. Zumindest in diesem Moment kommen noch Pasties zum Einsatz, wie sie in Burlesque Shows zur Bedeckung der weiblichen Brustwarzen oder des Intimbereichs verwendet werden. Die Handlung plätschert anfangs eher lahm dahin, kommt nach der Pause dann halbwegs auf Touren, wobei die Sache mit der verborgenen Schatzkarte ein wenig bemüht wirkt, wohl aber notwendig ist, um eine neue Nuance reinzubringen und das Happy End abzurunden.

Dies sieht dann so aus, dass sich drei Paare finden, wenn auch in zwei Fällen eher holterdipolter als aus der Logik heraus. Die Figuren sind grob klischeehaft gestrickt, geraten in verfängliche Situationen und reagieren dann – mit der Ausnahme der resoluten wie rüstigen Alten Liliane Leutheuser-Schnarren-thal (Ulrike Mai) – verklemmt, als würde eine der unsäglichen 60er-Jahre-Klamotten aus der alten Bundesrepublik fröhliche Auferstehung feiern.

Der Witz ist in den meisten Fällen bemüht und verkrampft, für angeranzte Sätze wie „Alle Bläser, die noch keinen Ständer haben, gehen hoch und holen sich einen runter“ wäre bereits im Mittelalter jeder Hofnarr wegen Berufsverfehlung in den Burggraben geworfen worden. Aber es gibt auch hübsche Bonmots und Kalauer, die einen hier und da, je nach Veranlagung, breit grinsen oder lauthals lachen lassen. So kontert Leutheuser-Schnarren-thal den Vorwurf, dass sie aus einer Zeit stamme, in der Verfehlungen von Schülern noch mit Stockschlägen auf den nackten Hintern bestraft wurden, trocken mit dem Satz: „Es war nicht alles schlecht!“ Und zu wissen, dass der Plural von Omen nicht Omas und von Waage nicht Vaginas lautet, kann auch nicht schaden.

Die Spieldauer beträgt 160 Minuten – die einen werden sie quälend lange empfinden, andere wie im Fluge vergehend. Ich gebe zu, dass viele vor, unter und neben mir sich wie Bolle amüsiert haben, nicht nur in den letztlich doch wenigen Szenen, in denen gewisse Stellen der Schauspieler unverhüllt zu sehen waren und überhaupt sichtbar wurde, dass die Tätowierungsquote auch an delikateren Stellen null Prozent betrug. Mag Gregor Gysi auch den Rückzug der FKK-Kultur in Ostdeutschland bedauern, am Boulevardtheater leistet sie scheinbar letzte Rückzugsgefechte.

Nächste Vorstellungen: heute bis 7. und 17. bis 29. September

Von Christian Ruf

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