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Altmeister Lou Reed spielte ein (vielleicht) letztes Mal am Dresdner Elbufer

Altmeister Lou Reed spielte ein (vielleicht) letztes Mal am Dresdner Elbufer

Professionelle Fotografen mit Auftrag "Großkonzert, Weltstar anwesend" sind nicht zu beneiden. Sie agieren im Mahlwerk zwischen Künstlermanagement, überregionalen und örtlichen Veranstaltern, Security, den ersten, sich stets belästigt fühlenden Zuschauerreihen und der Erwartungshaltung des diensthabenden Redakteurs und der Leser.

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Lou Reed eröffnete die diesjährigen Filmnächte am Elbufer.

Quelle: Andreas Weihs

Und müssen ganz allein zusehen, wie sie damit zurechtkommen. Sie werden zunehmend gegängelt, bevormundet, eingeschränkt, obwohl die meisten von ihnen, voller Respekt vor den Künstlern, so unscheinbar wie möglich arbeiten. Grandiose Bilder sollen entstehen - eine grandiose Freude ist das nicht mehr.

Weshalb der ungewöhnliche Ausflug am Beginn? Weil es einmal gesagt werden musste und die Fotografen im Lou-Reed-Konzert am Sonnabend großes Glück hatten. Nur beim ersten Stück waren sie zugelassen - es dauerte jedoch 25 Minuten. Reed und seine achtköpfige Band bündelten das Motto des Abends, indem sie symbolisch zwei Songs homogen miteinander verschränkten. "From VU zu Lulu" sollte es gehen, von Reeds erster Formation - Velvet Underground, gegründet 1965 - bis zu seiner letzten Platte, die 2011 in Zusammenarbeit mit den Hardlinern von Metallica entstand.

Der 70-Jährige kommt bedächtig-eckigen Schrittes auf die Bühne, winkt kurz ins mit knapp 2000 Sitz-Menschen gefüllte Areal, lässt sich die akustische Gitarre reichen und spielt das Intro von "Brandenburg Gate" mit schwer konfusen Textzeilen einer Friedhofsromanze samt Klaus Kinski, Peter Lorre und abgeschnittenen Titten. Reed sing "ich", schlüpft in die Rolle von Frank Wedekinds "Lulu", die sich alsbald eine Spritze "Heroin" reichen lässt und damit 44 Schaffensjahre überbrückt. "Heroin" war auf der ersten VU-Platte enthalten, und das Arrangement klingt anno 2012 wie eine unverstellte Reminiszenz an die frühen Tage: verschleppte, anschwellende Tempi, Brüche, gemurmelter Gesang. Die Band - Aram Bajakian (g), Anthony Diodore (g, vio), Kevin Hearn (key, electronics), Robert Wasserman (bg, b), Anthony Smith (dr), Ulrich Krieger (sax), Louis Calhoun (key), Alison Weiss (voc) - ist jung, dynamisch, präsent.

Reed scheint exakt zu wissen, was seine Kraft noch hergibt, er überlässt nichts dem Zufall und erst recht nicht sich selbst einem Scheitern aus reinem Übermut. Deshalb die voluminöse Anzahl der Bühnenkollegen, der (sich im Metallkorpus einer Gitarre spiegelnde) Teleprompter, deshalb die hörbar aufwändige Vorarbeit beim Konzipieren und Proben des Programms. Reed wirkt wie ein "embedded musician", wie eingebettet in dieser Formation, die er mit knappen Anweisungen dirigiert, die ihn nie hängenlassen würde und sich selbst den Spaß am Material nicht verhagelt. Aus Wohligkeit erhebt er sich zunächst verhalten, später etwas offensiver heraus. An den Gitarren aber ist er, bis auf ein gegurgeltes Solo mittendrin, nahezu funktionslos.

Was würde es in die Werkschau schaffen? Jedenfalls nicht jede Erwartung. "I'm Waiting For The Man" ist frei vom Barrelhouse-Piano und Bar-Sax weg gespielte Freude, so wie später das Herzen wärmende "Walk On The Wild Side". Beide hatte man auf dem Zettel. Dann aber bringt Reed das frühe Solo-Stück "Senselessly Cruel", den VU-"Sad Song", das eher unscheinbare "Cremation" als einzigen Ausflug in die 1990er. "Street Hassle", das Triptychon von 1978, beginnt mit einer weich-walzernden Bogenminiatur von E-Standbass und Violine, als würde eine aufblasbare Insel im wilden Wasser entstehen, das zuvor mit dem keifenden "Mistress Dead" und geprügeltem Free-Sax-Part, Speed-Drums und höchster Ehrfurcht vor Metallica aufgewirbelt wurde.

Als hätte sich Lou Reed mit den "Lulu"-Liedern freigeschossen, wird seine knödelnde Stimme, die sich immer schon dem Schöngesang verweigert hat, fest und fester. Das eher verschmähte Kunst-Werk wird "Lulou". Er ist nicht bereit, es den haltlosen Kritikern und entsetzten (vor allem Metallica-)Fans zum Fraß vorzuwerfen. So werden die zwei Stunden eben nicht von VU, sondern von "Lulu" gehalten, geklammert, eingefangen. Diese Zumutung, die durchaus auch in Dresden Besucher aus den teuren vorderen Reihen flüchten ließ, ist gewollt. "Brandenburg Gate" am Beginn, die wirklich bösen "The View" und "Mistress Dead" zwischendurch, das beschwörende "Junior Dad" als Rauswerfer. Dort ist Reed verschlossen ganz bei sich und trotzdem offen an Ort und Stelle. Er arbeitet beim Singen wie ein Pantomime mit den Händen, macht das Mäandern zum drängenden Monolog, verändert spontan den Text, als sich in unmittelbarer Nähe zum Filmnächte-Gelände eines der unvermeidlichen Dresdner Sommer-Feuerwerke wegknallt. Für einen kurzen Moment nur scheint er irritiert, um sich bald mit den Kollegen im grande Finale zu ergehen.

Es gibt Konzerte, die dürften nur ohne Zugaben gespielt werden, einfach, weil sie im besten Sinne fertig sind am Schluss. Dieser Abend ist so einer. Weder "Beginning To See The Light" noch "Sweet Jane" ha- ben wirklich Essenzielles hinzuzufügen. Außer vielleicht den vehementen Eindruck, dass es (Vielleicht? Sicher!) das letzte Mal war, dass Lou Reed in einer Bandsituation hier war. Es könnte kein besseres Ende geben. Für ihn nicht, für uns. Und der alles andere als geschwätzige Meister bedankte sich für "die Möglichkeit zu spielen". Keine Attitüde war's. Null.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.07.2012

Andreas Körner

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