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Regional Alte Luxusmöbel von Jean-Pierre Latz
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19:00 02.02.2018
Vergoldete Beschläge von Luxusmöbeln von Jean-Pierre Latz aus dem 18. Jahrhundert. Quelle: Anja Schneider

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bergen immer noch Vergessenes beziehungsweise Unerforschtes. Keine Ausnahme macht da das Kunstgewerbemuseum mit seinen mehr als 60 000 Objekten, wie ein Blick in dessen Restaurierungswerkstatt anschaulich offenbart. Es geht um kunstvoll gestaltete Luxusmöbel aus dem 18. Jahrhundert – in der Mehrzahl zerlegt und oft in recht prekärem Zustand. Erkennbar sind vor allem Sockelpodeste und Pendulegehäuse, die auf Standuhren weisen. Auffallend daran sind mehr oder weniger gut erhaltene, in ihrer Kostbarkeit erkennbare Einlegearbeiten – Marketerien – aus Materialien wie Edelholz, Schildpatt, Horn, Perlmutt, Elfenbein, mitunter auch Silber, seltenem Zinn oder Messing, die von André-Charles Boulle (1642–1732), dem Ebenisten (Kunsttischler) Ludwig XIV. (weshalb man auch von Boullemarketerie spricht), inspiriert sind. Ebenso aufwendig zeigen sich plastisch gestaltete Beschläge aus feuervergoldeter Bronze, die mit ihren Darstellungen, etwa griechischen Göttern, durchaus dem absolutistischen Anspruch ihrer königlichen Besitzer entsprachen.

Die Stücke entstammen der Zeit Ludwig XV. Gefertigt hat sie der aus Köln stammende Jean-Pierre Latz (1691–1754), der sich in Paris zu einem der wichtigsten Ebenisten seiner Zeit entwickelte. Latz war 1719 nach Paris gegangen, weil er dort freier arbeiten konnte, das Zunftwesen nicht so streng war. Auch der potenzielle Kundenkreis war größer, kam aus ganz Europa in die französische Metropole. 1738 konnte Latz sogar das Privileg eines „ébéniste privilegé du roi suivant la cour“ erwerben, das ihm zahlreiche Vergünstigungen und Anerkennung brachte und damit auch königliche und fürstliche Käufer. Latz-Möbel fanden den Weg in die Schlösser August III., ebenso in Liegenschaften des für seinen fürstlichen Lebensstil bekannten Ministers Brühl. Und auch Friedrich der Große orderte solche. Bekannt sind Latz-Möbel heute ebenso aus dem Quirinalspalast in Rom.

Das Besondere am Dresdner Konvolut ist zum einen sein Umfang. Mit insgesamt 20 Ensembles beziehungsweise 30 Einzelobjekten handelt es sich um den weltweit umfangreichsten Bestand. Zum anderen – und dies freut die am begonnenen Forschungs- und Restaurierungsprojekt Beteiligten besonders – haben die Latz-Objekte, seit sie nach Dresden kamen, Sachsen nie wieder verlassen und sind – wohl bis auf eine im 19. Jahrhundert restaurierte Standuhr – noch im, wenn auch heute restaurierungsbedürftigen, Originalzustand. In zwei der Uhren fand man sogar Etiketten der Latz-Werkstatt. Eins lässt sich wohl mit „gefertigt in Paris von … Latz, Meisterebenist … in Paris, 1739“ übersetzen.

Aufgereihte Pendule-Gehäuse und die jeweils dazu gehörenden Beschläge.  Quelle: Anja Schneider

Über das Wirken des Kunsttischlers und seine Werkstatt weiß man relativ viel, nicht zuletzt dank eines nach seinem Tod im August 1754 erstellten Inventars, das auch über Netzwerk und Kunden Aufschluss gibt. Bekannt ist aber ebenso, dass die Schaffensfreiheit wohl nicht unbegrenzt war, zumindest solange Latz noch nicht die Hofprivilegien genoss. Der Kunsttischler hatte es nicht beim Tischlern belassen, sondern schuf in seiner Werkstatt verbotenerweise auch die kostbaren Metallbeschläge, was in den 1730er Jahren zu einer Beschlagnahmeaktion führte. Wie kunstvoll bei Latz auch auf diesem Feld gearbeitet wurde, lässt sich an einem ganz besonderen Objekt des hiesigen Bestandes nachvollziehen: der – allerdings stark restaurierungsbedürftigen – „Palmstammuhr“, die lange als Verlust galt und vollständig aus Metall ist.

Nicht ganz klar ist der Weg der Möbel nach Dresden, wenngleich die für den Export bestimmten, besonders üppig gestalteten Stücke wohl von August III. und Brühl direkt bestellt worden waren und immer in deren oder später öffentlichem Eigentum blieben. Seit dem 18. Jahrhundert sind Objekte dieser Art wiederholt dokumentiert worden, so im Inventar von 1842 oder auch später. Vier der Uhren sind etwa im Tagebuch eines Mitglieds der Silbermann-Familie erwähnt. Danach waren drei im Museum nachweisbar und eine in den 1920ern im Zuge der Fürstenabfindung den Wettinern übergeben worden. Vieles bedarf weiterer Forschung, zumal die meisten der Stücke seit mehr als 70 Jahren im Depot schlummerten und als Gesamtbestand zumindest nach 1945 wohl weitgehend aus dem Blick verschwunden waren. In Katalogen des Kunstgewerbemuseums aus den 1990er Jahren finden sich dann Hinweise auf einzelne Stücke, so 1995 eine der Latz-Uhren.

Erwähnt sein sollte, dass angesichts des streng getakteten Hofprotokolls des 18. Jahrhunderts Uhren zur Standardausrüstung des gesamten Residenzschlosses gehörten – natürlich auch im Audienzgemach. Damit ist ein Hintergrund des interdisziplinären Forschungs- und Restaurierungsprojektes „Jean-Pierre Latz. Fait à Paris“ angesprochen, dessen wissenschaftliche Leitung in den Händen von Christiane Ernek-van der Goes, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kunstgewerbemuseums, liegt. Schließlich sollen im wieder erschaffenen Paradeappartement Latz-Uhren stehen, des weiteren wieder im Schloss Moritzburg.

Zunächst aber peilt Tulga Beyerle, Direktorin des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, für 2020 die weltweit erste Ausstellung zu Latz’ Schaffen an. Vielleicht sind dann auch einige Gemälde dabei, die Interieurs mit Latz-Möbeln zeigen, wozu außer Uhren etwa auch Cartonniers (ein Möbel zur Aufbewahrung von Dokumenten) gehören. Ein solches Objekt findet sich etwa auf einem Bild von einem Raum im Stadtpalais Potsdam, eine „Palmstammuhr“ wiederum hielt Carl Christian Vogel von Vogelstein auf einem Schlossinterieur fest.

Wie immer brauchten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden für solch ein aufwendiges Vorhaben Kooperationspartner. Dieser wurde erneut in der Siemens Kunststiftung gefunden, die für das bis Ende 2019 befristete Projekt 200 000 Euro zur Verfügung stellte. Erst jüngst hatte sie maßgeblich den Erwerb von Erich Heckels „Atelierszene“ von 1910/11 für das Albertinum unterstützt. Bezüglich der Latz-Möbel verweist Martin Hoerneß, Generalsekretär der Stiftung, auf das von mehreren Institutionen und Stiftungen ins Leben gerufene institutionelle Bündnis „Kunst auf Lager“, das speziell für Restaurierungen und Bestandsforschungen gedacht ist und das derzeit 230 Aktivitäten umfasst. Dabei ist zu bedenken, dass Restaurierung häufig wichtiger für den Bestand ist als ein Ankauf, zumal viele Stücke gar nicht mehr auf dem Markt erworben werden können – wegen ihrer Seltenheit oder wegen exorbitanter Preise. Letzteres gilt gerade auch für Latz-Möbel.

Von Lisa Werner-Art

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