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Alptraum, Leben, Utopie: Wolfgang Engels inzenierte Kafkas "Amerika" in Dresden

Alptraum, Leben, Utopie: Wolfgang Engels inzenierte Kafkas "Amerika" in Dresden

Die Welt ist voller Absurditäten, sie wollen nur entdeckt sein. Von Prag nach Dresden gelangt man heute ohne Mühe in zwei Stunden, aber die kongeniale Bühnenadaption eines der bedeutendsten Romanfragmente deutscher Sprache benötigte mehr als 40 Jahre.

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Jonas Friedrich Leonhardi (r.) als junger Karl Rossmann, umschwirrt von wechselnden Gestalten (Torsten Ranft, Benjamin Pauquet, Philipp Lux, v.l.).

Quelle: David Baltzer

Der Name Franz Kafka gehört ganz unbedingt zum Standardvokabular des kulturinteressierten (auch Möchtegern-) Intellektuellen, doch die von Pavel Kohout und Ivan Klíma nach der Niederschlagung des Prager Frühlings geschaffene Theaterfassung von "Amerika" ist bestenfalls ein Geheimtipp. Folglich ist die lange Unterlassung weniger zu tadeln als die endliche Entdeckung durch das Staatsschauspiel Dresden und Wolfgang Engel zu loben, zumal sie nun in Gegenwart der beiden Bearbeiter mit einer erstaunlich klaren und fesselnden Inszenierung über die Bretter des Schauspielhauses ging.

Viele Begleitumstände der unvollendeten Odyssee des Jungen Karl Rossmann, der von seinen Eltern verstoßen wurde, "weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte", stammen ersichtlich aus vergangenen Zeiten, und doch hat die reale Geschichte nur Fußnoten zu diesem mittlerweile mehr als 100 Jahre alten Text hinterlassen. Das macht Jonas Friedrich Leonhardi gleich zu Beginn anhand eines Paradoxons deutlich, indem er kurz als Erzähler neben seine Figur tritt und auf das von Kafka trotz korrigierender Hinweise beibehaltene Bild von der Freiheitsstatue hinweist: "Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte."

Auf der von Olaf Altmann entworfenen Bühne ist Karl allerdings noch wie gefangen auf dem Schiff, dessen Bauch mit Deck und Schotten auch einem riesigen Bullauge gleicht - mit einem Fensterkreuz und filigranen Messinggeländern, deren Zweckmäßigkeit sich spätestens erweist, wenn sich das Gebilde als vertikale Drehbühne in Bewegung setzt und das Unterste zuoberst kehrt. Entsprechend fällt Karl buchstäblich von einem Dilemma ins andere, um den vergessenen Schirm zu retten, den Koffer einem Fremden zur Aufsicht überlassend, doch dann entflammt vom Unrecht, das hier anscheinend systematisch einem Heizer angetan wird. Mit dem Rat, sich grad an den Kapitän zu wenden, verliert man jedoch schon einmal buchstäblich den Boden unter den Füßen und würde wohl schier ins Nichts fallen, tauchte daraus nicht völlig unverhofft dieser angebliche oder wirkliche Onkel Jakob auf, der Karl sogleich Aufnahme und eine glänzende Karriere verspricht.

Die steht freilich beim geringsten Fehler auf dem Spiel, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Umstände, bis Karl, ein starker, an sich gerader Junge zwar, einen provozierten Fehler begehen wird. Er ist zu offen, zu hilfsbereit, bei durchaus intelligenten Ansätzen zu naiv gutgläubig, auch manchmal zu starrköpfig, und so wird er von einem Dilemma ins andere, in seinem Aufstreben von einer Hoffnung in die nächste Niederlage gestoßen, von einer Stufe der Existenz auf die nächst niedere. Der Vergleich mit dem Hamsterrad ist aber nicht nur irreführend, sondern auch zu simpel, denn der Hamster hat ja das Rad nicht erfunden, und wenn es ihm gelingt, es in mäßiger Bewegung zu halten, hält er sich dadurch am Leben. Das Rad aber, in dessen Speichen Karl zu greifen sucht, das ihn immer wieder in unvermutete Richtung werfen wird, ist Teil eines großen Räderwerks, eines ausgeklügelten Systems, dem man scheinbar hilflos ausgeliefert ist...

Dies zu sehen ist nicht nur tragisch, sondern zugleich urkomisch, und so ist es vielleicht das Beste an Engels Inszenierung, dass er ein solch durchdringendes Gefühl für den universalen Witz entwickelt, der Kafkas Texten innewohnt und die scheinbar schiere Verzweiflung immer wieder aufbricht und durchleuchtet. Wie in einem Reigen begegnet Karl immer neuen Figuren, wenn er unversehens vom Schiff in das Haus seines Onkels entführt, sich auf den Landsitz des Herrn Pollunder allerlei Versuchungen ausgesetzt sieht, sogleich aber mit rüden Arbeitsuchenden auf die Straße nach Ramses gerät, um dann als Liftboy im Hotel Occidental eine kurze Karriere zu machen, als Aushilfsliebhaber der Sängerin Brunelda zu stranden und doch schließlich als technischer Arbeiter am Theater von Oklahoma Aufnahme zu finden. Ob stark oder schwach, denken doch die meisten nur an sich in diesem ebenso skurril wie präzise gezeichneten, surrealen Panoptikum, das Engel allerdings viel mehr mit Brechtscher Verfremdung als mit Slapstick oder Klamauk gezeichnet hat. Von Kohout/Klíma durchweg für männliche Darsteller vorgesehen, bietet es u.a. Ansätze für glänzende Travestien und Parodien, die der Regisseur mit Lust und Perfektion im besten Sinn umsetzen kann, nicht zuletzt dank der in jeder Hinsicht maßgeschneiderten Kostüme (Nehle Balkhausen) und bestens aufgelegter Schauspieler. Wobei die Leistung gerade nicht darin besteht, dem eigenen Affen gnadenlos Zucker zu geben, sondern vielmehr immer wieder Fenster zur Seele, zur absurden Tragik menschlicher Existenz zu öffnen und - trotz aller Übergriffe - das Fünkchen Hoffnung für den so unheldischen Karl am Glimmen zu halten. Bis hin zum vermeintlichen, womöglichen, erträumten Happy End.

Torsten Ranft erinnert als egozentrisch-herrischer Onkel ein wenig an seinen Puntila, läuft als herzig zwinkernde Oberköchin zu großer Form auf und überbietet sich noch als ausufernde Brunelda (u.a. mit einer wahnsinnig schrägen Alexandra-Parodie). Fast noch wandlungsfähiger zeigen kann sich Thomas Schumacher als derber, kohleverschmierter Heizer, aufgeblasener Herr Green, durchtriebener und wortgewandter Landstreicher Delamarche, der dann plötzlich, perfekt in Stil und kleinster Geste, den Oberkellner mimt und Karl die Funktion des Liftboys bzw. des Aufzugs erklärt, um ihn wenig später als Polizist der übleren Sorte in hilflose Stellung zu zwingen. Das Gröbere ausgiebig herauskehren darf Duran Özer als eitler brutaler Oberportier, aber als Herr Pollunder bleibt er nur dank des entsprechenden Kleidungsstücks in Erinnerung, seine Pensionswirtin ist eine einigermaßen schrille, vorüberhuschende Erscheinung. Christian Clauß dagegen gibt nicht nur den unbeholfen radebrechenden Liftboy und einen rastlosen Studenten, sondern wirklich auch ganz bezaubernd und eindringlich die liebeshungrige Klara Pollunder sowie die eher schüchterne, aber treue Hotelsekretärin Therese Berchthold. Philipp Lux ist vorzugsweise als Ire Robinson zu erwähnen. Diesen schwierigen, keineswegs nur rein verlogenen und diebischen Charakter weiß er so echt nervend, weil auch irgendwie anrührend zu zeichnen, dass Karls ganzes Elend sichtbar wird.

Da kann man wohl von kafkaesk sprechen, aber insgesamt eigentlich nie im Sinne von rätselhaft, unverständlich oder gar gewollt intellektuell. Wie zuletzt immer ein bisschen weise analysiert Engel ganz unaufdringlich und bietet Kafka in einer deftigen, übersichtlichen Aufführung für jedermann. Großer Beifall, aber doch nicht die Ovationen, die das gesamte Team und die anwesenden Autoren eigentlich verdient hätten.

nächste Aufführungen: 16. und 27. März

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.03.2015

Tomas Petzold

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