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Alexander Nachama wird neuer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dresden

Alexander Nachama wird neuer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dresden

Er stammt aus Berlin und hat berühmte Vorfahren. Im November soll Alexander Nachama, der in diesem Jahr 29 wird, neuer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dresden werden.

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Alexander Nachama vor der Dresdner Synagoge. Im November wird er offiziell neuer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde. Er löst den Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl ab, der Ende 2011 in den Ruhestand gegangen ist.

Quelle: Dietrich Flechtner

Das Leben in der Synagoge hat er schon früh kennengelernt. "Ich bin immer in die Gottesdienste meines Großvaters gegangen", erzählt er. Der hieß Estrongo Nachama, wurde von vielen Eto genannt und hatte eine klangvolle Baritonstimme, mit der der Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin überall dort berühmt wurde, wo man die Übertragungen der Sabbatfeiern mit ihm im RIAS hörte. Dessen Sohn, Andreas Nachama, Historiker, Publizist und Direktor der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors", ist Alexander Nachamas Vater.

Für ihn sind sie zwei Vorbilder und zugleich Inspiration, wie er sagt. Höhere Erwartungen in der Gemeinde spüre er deswegen nicht. "Trotz der langen Familientradition steht jeder für sich, hat jeder seine eigene, individuelle Persönlichkeit."

Hebräisch lesen konnte Alexander Nachama bereits bei seiner Bar Mizwa, der Feier der religiösen Volljährigkeit kurz nach dem 13. Geburtstag. Mit 14 ist er zum ersten Mal als Vorbeter aufgetreten, in der Synagoge im jüdischen Altenheim in Berlin. "Es war eine Art Notsituation", erinnert er sich. "Ich habe ausgeholfen. Den alten Leuten hat es gut gefallen. Also habe ich seither immer wieder vorgebetet."

Nach dem Abitur wollte er zunächst Kantor werden. Anders als in christlichen Gemeinden, wo dies der Kirchenmusiker ist, habe ein Kantor in der Synagoge die Aufgabe des Vorbeters, erläutert er. Weil man nicht mehr auf gründliche Hebräischkenntnisse der Gottesdienstbesucher bauen konnte. "Außer Hebräisch muss ein Kantor natürlich auch schön singen können", sagt Alexander Nachama. Dazu hat er in Berlin ganz normalen, weltlichen Gesangsunterricht genommen. Hat an der Freien Universität Berlin Geschichte, Religionswissenschaft und Judaistik studiert, dazu in New York und in Denver. Bis ihm sein Mentor bestätigte, dass er das Amt nun ausüben könne und das Zeugnis aushändigte. "Titel werden bei uns durch jüdische Autoritäten verliehen. In meinem Fall durch liberale Rabbiner." Orthodox oder liberal - das ist die Grundentscheidung für jeden, der ein Amt in einer Gemeinde anstrebt.

"Interessiert hat mich der Beruf des Rabbiners schon lange." Zur Ausbildung hat er sich am Abraham-Geiger-Kolleg eingeschrieben, das der Universität Potsdam angegliedert ist. Fast 20 Rabbiner-Studenten gebe es dort, sagt er. Jüdische Geschichte, Literatur, Sprache gehören zur Ausbildung. Am Geiger-Kolleg ist Seelsorge ein Schwerpunkt. "Das haben wir in Gruppen trainiert." Man müsse wissen, was ein Seelsorger kann und wo seine Grenzen liegen. "Psychologe kann ich nicht sein." Homiletik, die Lehre vom Predigen, hat ihnen nicht nur ein Rabbiner, sondern mit diesem gemeinsam ein katholischer Theologe aus Regensburg vermittelt. Mit viel Begeisterung habe er sich auch den praktischen Übungen bei einem erfahrenen Rabbiner gewidmet. "Das ist sehr nah am Beruf dran." Dreieinhalb Jahre studiert er jetzt am Abraham-Geiger-Kolleg. Angelegt sei ein Rabbiner-Studium in der Regel auf etwa fünf Jahre. Dazu gehören Praktika. Absolviert hat er sie in Gemeinden in Bielefeld und in Mönchengladbach. Seit Juni 2011 ist er in der Gemeinde in Dresden. "Einmal im Monat habe ich den Gottesdienst gestaltet." Immer dann, wenn Salomon Almekias-Siegl, der sächsische Landesrabbiner, woanders unterwegs war. Ende 2011 ist der in den Ruhestand gegangen.

Mittlerweile habe er in der Dresdner Gemeinde schon viele Erfahrungen gesammelt, sagt Alexander Nachama. Das letzte Praktikum in einer Gemeinde mündet im Idealfall in das Amt als Rabbiner. In Dresden haben er und die Gemeinde sich gefunden. "Ich möchte, dass sich möglichst viele in der Gemeinde wohlfühlen. Um zu sehen, wie das möglich ist, braucht es Zeit." Die meisten Gemeindemitglieder, die aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind, sprechen Russisch. Deren Sprache wolle er noch lernen, um auch sie besser erreichen zu können.

In seiner Abschluss-Arbeit hat sich Alexander Nachama mit dem rituellen Anzünden der Sabbat-Lichter beschäftigt, hat über die theologischen Hintergründe und die geschichtliche Entwicklung geschrieben. Zum Rabbiner ordiniert werden soll er bis spätestens Mitte des kommenden Jahres.

Tomas Gärtner

Großvater: Estrongo "Eto" Nachama (1918-2000); entstammt Familie sephardischer Juden; Vorfahren bedeutende Rabbiner und Talmudgelehrte; griechischer Sänger; 1943 von Nazis aus Griechenland nach Auschwitz deportiert; 1947-2000 Kantor und Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin; sang bei Übertragung Sabbatfeier im RIAS und in Deutschlandradio; verkörperte im Film "Cabaret" (1972) den Kantor

Vater: Andreas Nachama (geboren 1951), Publizist; seit 1987 Leiter der Dauerausstellung "Topographie des Terrors" in Berlin, seit 1994 geschäftsführender Direktor der Stiftung; ehrenamtlicher Rabbiner in der 1999 wiedereröffneten Synagoge Hüttenweg in Berlin-Zehlendorf

Reformjudentum: m 19. Jh. als Antwort auf Emanzipation entstandene Richtung; Reformer kürzten Liturgie, übertrugen Teile in Landessprache, führten Chor und Orgel ein; Rabbiner trägt Talar

Liberale Gemeinden: der Tradition des progressiven Reformjudentums verbunden; in Deutschland seit 1995; Dachverband "Union progressiver Juden in Deutschland", zu der auch das Abraham-Geiger-Kolleg gehört

Abraham-Geiger-Kolleg: Rabbinerseminar; benannt nach Judaist und Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874), Führer des Reformjudentums in Deutschland; gegründet 1999 in Potsdam, angegliedert an Universität Potsdam; drei erste Rabbiner 2006 in Dresden ordiniert; bildet seit 2008 auch Kantoren aus

Dresden: Jüdische Gemeinde erstmals urkundlich erwähnt 1265; 1933 rund 5000 Mitglieder, 1945 noch 41; 1950 Umbau der Totenhalle auf dem Friedhof Fiedlerstraße zur Synagoge; 2001 Bau der neuen Synagoge; heute rund 720 Mitglieder, vor allem aus Staaten der früheren Sowjetunion; liberale Gemeinde

Internet: www.jg-dresden.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.10.2012

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