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Regional Adieu einer Flaneurin
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08:00 20.06.2018
Porträt Herta Günther von 2007 Quelle: Jürgen Günther
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Dresden

Wer von den Kunstfreunden – auch weit über Dresden hinaus – kennt nicht die Straßen-, Café- und Kneipenszenen, mit denen die Künstlerin ihre über Jahrzehnte wachsende Anhängerschar erfreute? Mancher muss wohl nur daheim an die Wand schauen, um einige der in den Güntherschen Szenerien erscheinenden Typen, nicht zuletzt üppige weibliche Wesen, zu entdecken, wobei diese oder jene eine „Schwester“ der Künstlerin sein könnte. Manchmal trifft das Auge zudem auf eigentümliche Kellner oder breite Seemannstypen, die wohl eher vom Elbe- denn vom Meeresstrand stammen. Mitunter allerdings ist im Gastraum nur noch eine Katze zu entdecken oder ein schales Bier. Erinnert das Eine ein wenig an die brodelnden 1920er Jahre, ja an das Milieu, dem Dix, Griebel und wie sie alle hießen in Dresdens Cafés und Bars begegneten, wirken andere Darstellungen nahezu verträumt, ein wenig wehmütig.

Herta Günther, denn von ihr ist hier die Rede, hat dieses Milieu wohl geliebt – als einen Ort erfüllter, meist aber wohl unerfüllter Sehnsüchte nach Freiheit (deshalb wohl auch die Seemänner) und Unbeschwertheit. Immerhin nannte sie mal – es war 1976 – ein kleines Bildchen mit erotischen Schönen „Paris bleibt Paris“. Dass mancher sich an solchen Kneipenorten – sei es in der Neustadt oder Pieschen – auch verlieren konnte, hat sie gewiss ebenfalls gewusst, hat solche Menschen wahrgenommen, hätte sie aber wohl nie mit aller Schärfe auf ihre Bilder gebannt. Wenn, dann rücksichtsvoll. Und auch die Veränderungen der Zeit sind eher zurückhaltend mit einem Gegenstand, einem modischen Detail oder einem Wort gespiegelt. So finden sich durchaus mal bayrische Trachtenjacken oder eine Cappuccino-Reklame auf jüngeren, bis weit nach 2000 entstandenen Arbeiten. Gleichwohl wirkt dies nicht vordergründig.

Überhaupt fiel in Herta Günthers umfangreichem Schaffen nie etwas vordergründig aus. So wie sie in „gewöhnlichen“ Menschen einen speziellen kernigen – oder im Falle der Frauen – erotischen Typ entdeckte, so drückte sie auch den Orten, wo sie flanierte, in ihrer Kunst einen phantasievollen „Zauberstempel“ auf – etwa den stillen alten Straßen in Pieschen, der mittlerweile dahingegangenen Fähranlegestelle oder dem Elbbogen in Übigau. Über solchen gemalten Landschaften, die eher weniger von Menschen bevölkert sind, liegt ebenfalls eine ganz eigene, vielleicht sogar etwas verklärte Stimmung. Auch hier sind Zeichen der Zeit wie etwa beim Bild der „Annenkirche“, die 1987 noch ohne Turmhaube ist, eher selten.

Herta Günther: Allein am Tisch, um 1990, Öl auf Malpappe, 31x25. Quelle: Johann Döbele, Döbele Kunst Mannheim

Diese Konzentration auf das Liebens- und Lebenswerte hat gerade im über Jahrzehnte von Kriegszerstörung geprägten Dresden, der Geburts- und Heimatstadt Herta Günthers, eine optimistische, dem Leben zugewandte Seite, etwas von einem Trotzdem. Es kommt ein Lebensgefühl zum Ausdruck, das in der Stadt immer noch etwas Besonderes sah – trotz der Zerstörung. Das Leben selbst tobte in den erhaltenen Geschäftsstraßen sowie Gaststätten, Cafés und Weinschenken – jenseits des Zentrums. Und genau dort war Herta Günther vor 1989, aber ebenso danach, unterwegs, wobei sie sicher auch passendes Neues gern annahm.

Fortan wird sie endgültig nicht mehr dort oder anderswo flanieren können. Die am 9. Mai 1934 geborene Künstlerin hat am 17. Juni für immer Adieu gesagt. Bleiben wird in Museen in Ost und West sowie bei vielen Kunstfreunden das im Laufe der Jahre Erworbene. Es bleibt ein umfangreiches, nahezu zeitloses Werk von Ölbildern, Aquarellen, Pastellen – letztere wohl besonders mit ihrem Namen verbunden – Zeichnungen und Farbgrafiken, vor allem Radierungen. Erst 2014, zum 80. Geburtstag der Künstlerin, haben Jubiläumsausstellungen der Galerie Döbele, die Herta Günther ab 1985 in Südwestdeutschland und der Schweiz bekannt machte, sowie der Kunstsammlung Freital die Vielfalt dieses Werks erneut deutlich gemacht.

Herta Günther hatte in den frühen 1950er Jahren an der Hochschule für Bildende Künste Dresden (1951–1956) künstlerische Orientierung bei Lehrern wie Hans Theo Richter, einst Meisterschüler bei Dix, und Max Schwimmer gefunden. Später, etwa ab 1971, wurde Fritz Löffler ein kenntnisreicher Anreger, der sie bestärkte, ihre unnachahmliche Sicht auf die Dinge und damit auch ihre Handschrift zu pflegen.

Von Lisa Werner-Art

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