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Active Child brillierten im Konzert im Dresdner Beatpol

Active Child brillierten im Konzert im Dresdner Beatpol

Wenn alle Synthies, Effektgeräte und Keyboards verkabelt sind, kommt Pat Grossi mit einer Harfe unterm Arm und stellt sie so ganz selbstverständlich zwischen die Strippen, dass selbst der Beatpol-Tontechniker kurz innehält und starrt; man könnte ihm in diesem Moment einen ungläubigen Blick unterstellen.

Um Spirituelles nicht nur aufspüren, sondern auch tatsächlich erfahren zu können, bedarf es des Glaubens. Und den galt es in den Beatpol mitzubringen, denn noch ist Pat Grossi alias Active Child ein echter Geheimtipp, auch wenn ihn einige exzellente Popblogs bereits im vergangenen Jahr auf dem Silbertablett vor sich her trugen.

Weniger exzellente attestierten undifferenziert Eighties-Revival im typgerechten Falsett. Nur wenn es unbedingt sein muss, darf nach diesem ganz besonderen Konzert immer noch ein bisschen gerätselt werden, ob Grossi bei der Wahl seiner stilistischen Mittel wie die Jungfrau zum Kinde kam oder ob einfach die zwischen den Eckpfosten seiner musikalisch-emotionalen Kernsozialisation gespannte Stolperschnur von der kristallnen Stimm-Anhöhe Jimmy Sommervilles bis zu den matt schimmernden, weiten Horizonten des Talk-Talk-Spätwerks reicht. Abgesehen davon ist spätestens jetzt klar: Grossi hat nichts aufgeschnappt.

Vielmehr erlebt man einen derartig fein abgestimmten, ingeniös die Mittel durch eine umwerfende Musikalität miteinander verwebenden Pop-Moment nicht dreimal im Jahr. Vielleicht kann jemand, der die ähnlich unvergleichlichen Animal Collective schon einmal live in guter Form erleben durfte, die Möglichkeiten am Freitag im Beatpol nachempfinden: Man meint, dass dies Musik sein muss, die entweder zwanzig Jahre zu früh kommt oder aus einer anderen Dimension. Oder dass es ein großer Scharlatan-Krautsalat ist. So glücklich kann Krautsalat jedoch unmöglich machen.

Zuallererst lässt uns Grossi mit dem schon gänzlich entrückten Opener "You is all I see" gedanklich unsere Schuhe ausziehen und übers Wasser zu ihm laufen; immer schneller schlagen die Wellen, die über seine Harfensaiten ziehen, ans Eiland, auf dem die kleine Kathedrale steht, in der sein Schmerz haust, umwittert von sehnsüchtigen Nebeln. Klingt kitschig? Ist gefühlsecht. Das ganze verdammte Konzert lang.

Die beiden Tourkollegen, die neben Grossi auf der Bühne wirken, wickeln zum einen seidig-synthetisches Tuch aus Tasten und Knöpfen direkt ums Herz und für das leichte Uptempo-Gefühl der ätherisch nicht ganz so zerfließenden, also etwas stringenter zupackenden Nummern "High Priestess" und vor allem dem unruhig glitzernden "Playing House", wird auch im hochkonzentrierten Schweiß des Drummers die eigentliche Komplexität der Texturen sichtbar, auf denen ausgesprochen vielschichtige Rhythmen fußen (das Schlagwerk kombiniert klassisches, virtuelles und Pad-Drumming), die wiederum die ganze Zeit in fortschreitender Zersplitterung begriffen scheinen. Ganz so, als ob die durchaus variabel hochtönende Klage Grossis in ihrem Leid zerläuft.

Der spirutelle R&B-Drive jenes letztgenannten Songs ist es, der selbiges in weiße Traumwatte verwandelt, bevor es überhaupt die Chance hat, als großes Jammern von der Decke zu tropfen. So unaufgedrückt inniglich und gleichzeitig erbarmungslos leicht gerät Sehnsucht in Pop selten. Und damit sich die so seltsame Ernsthaftigkeit nicht verselbständigt, schaltet Grossi "Call me tonight", das hingegen als echter Eighties-Prä-Party-Nähkästchenpop aufflattert, zwischen. Auf die Platte durfte das nicht. So darf hingegen der Synthie nun hier die fragilen Choräle mit einem horizontalen Azurblau großzügig breitschmieren und verwischt auf ganz andere Weise die Perfektion der angewandten Effekt-Modulation. Von dieser Watte darf man schwer beeindruckt sein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2012

Niklas Sommer

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