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Acht Künstlerinnen aus Dresden und Prag in der Galerie Drei

Von Moment zu Moment Acht Künstlerinnen aus Dresden und Prag in der Galerie Drei

Unter dem Motto „One Moment“ präsentiert die Dresdner Sezession 89 e.V./galerie drei eine Auswahl von Arbeiten von vier Dresdner und vier Prager Künstlerinnen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Flüchtigkeit und Momenthaftigkeit auseinandersetzen.

Manja Barthel: Schreibtischgalaxie, 2014, Klebefolie und Klebeband auf Folie.

Quelle: Manja Barthel

Dresden. Einzigartigkeit und Besonderheit, Verletzlichkeit und Vergänglichkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Denn alle Lebewesen und Ereignisse haben deshalb Bedeutung, weil sie sich von jeweils anderen unterscheiden und nicht ewig sind. Wie lässt sich das derart Fragile unseres Daseins in Kunst überführen? Dieser Frage geht die aktuelle Ausstellung in der Galerie Drei nach, die Werke von acht zeitgenössischen Künstlerinnen aus Dresden und Prag zusammenbringt und von diesen selbst kuratiert wurde: Manja Barthel, Constanze Böckmann, Veronika Drahotová, Alzbeta Josefy, Alena Kotzmannová, Stephanie Laeger, Nina May und Adéla Soucková. Aus zwei Ländern und von unterschiedlichen Persönlichkeiten stammend, trifft hier Malerei auf Malerei, Fotografie auf Fotografie, Film auf Zeichnung, Installation und Plastik auf raumbezogenes Arbeiten vor der Wand.

„Moment“ heißt Augenblick oder Atemzug, das lateinische „momentum“ gar entscheidender Augenblick, der kaum zu fassen und im nächsten Moment schon vergangen ist. Gleichsam anziehende wie Abstand gebietende Bilder für den flüchtigen Moment findet die in Liberec geborene und in Prag tätige Malerin Alzbeta Josefy. Der Grund für die ephemere Erscheinung ihrer Gemälde ist ein Akt der Umkehrung: Die Künstlerin trägt ihre von Pflanzen-, Tier- und menschlichen Formen abstrahierten Bildmotive in intensiven Acrylfarben auf die Leinwand auf, um sie kurz darauf, leicht angetrocknet, aber noch nass genug, zum Teil wieder abzuwaschen. Dadurch erscheinen die Bildgegenstände wie unter einem Schleier verborgene, bewegte Abdrücke der Ausgangsobjekte.

Die aus Freiburg stammende und in Dresden ansässige Stephanie Laeger findet mit ihren „Zaungäste“ betitelten Porträts ebenfalls Bilder für die Vergänglichkeit: Ihre Porträts in Tusche und Acryl entstehen auf der Grundlage von Fotografien von Freunden oder der Künstlerin selbst. Doch ihre Formen werden so weit reduziert und stilisiert, bis sie Urgestalten gleichen, deren Umrisse aus dem Nichts aufzutauchen und wieder zu verschwinden scheinen, ohne dass das jeweilige Antlitz wirklich greifbar wäre. Die Künstlerin betont die Flüchtigkeit äußerer Erscheinungen und hinterfragt den Wunsch nach der Dokumentation einer Person in möglichst vielen ‚authentischen’ Bildern – eine Erkenntnis, die angesichts der Selfie-Flut unserer Tage zusätzliche Brisanz gewinnt. Schließlich sind wir Meister im Festhalten und Teilen von Bildern des „Hier und Jetzt“, die, kaum betrachtet, wieder verschwinden.

Während unsere Handybilder mehr die Gegenwart adressieren als tatsächlich zurückzublicken, probt die Prager Fotografin Alena Kotzmannová mit der Serie „An Attempt at Regaining Reality VIII“ einen anderen Umgang mit der Momentaufnahme. Als Ausgangspunkt dient die in einem Buch gefundene Schwarz-Weiß-Fotografie einer unbekannten Frau vor einer Wand mit seltsamem Ornament, deren Gesicht nur halb zu sehen ist. Ausgeschnitten aus Raum und Zeit, kontextualisiert Kotzmannová das alte Foto mit neuen Bild-Informationen, indem sie der gefundenen nun eigene Fotografien zuordnet, die zu der Dargestellten passen könnten. Kotzmannová geht assoziativ vor und erfindet ein Arrangement aus Bildern, das in unseren Köpfen inhaltliche und formale Verbindungen heraufbeschwört. Die Vorstellung von der Fotografie als objektiv-unverstelltem Dokumentationsmedium gerät ins Wanken, denn wir sehen, dass wir nichts dokumentieren können, dessen Bedeutung sich erst im Kontext anderer, verlorener Bilder erschließen würde.

Mit der Verortung von Momentaufnahmen befasst sich auch die aus Berlin stammende, in Dresden tätige Künstlerin Constanze Böckmann. Ihre Videoarbeit „Momente“ (2017) vereint alltägliche Situationen, deren Aufnahme mit der Handykamera zunächst nur den Versuch darstellte, besondere Augenblicke einzufangen, wie den Tanz von Großmutter und Enkelin am Strand oder der Blick aus dem Zugfenster. Im Nachhinein verändern sich diese Fragmente, denn durch Aufnahmebeginn und -ende, Schnitt, Ton und die Unterlegung mit literarischen Texten werden sie ihrem zeitlichen Verlauf entfremdet und gewinnen als Essay-Film eine neue Qualität. Daneben zeigt Böckmann kleinformatige Collagen aus Zeitungsausschnitten, Kopien und Zeichnungen, die in der Kombination mit Wörtern eine spannungsvolle Bild-Text-Schere erzeugen. Es ist der Versuch, persönliches Erleben festzuhalten, ohne es schlicht abbilden zu wollen.

Ebenfalls stark in der eigenen Biografie verwurzelt und dabei vollkommen anders in der Umsetzung sind die Arbeiten von Veronika Drahotová. Die Prager Künstlerin hat für die Ausstellung die Serie „Action at the Distance“ geschaffen: „Non local I“ und „-II“ sind zwei farbige Licht-Textil-Installationen, die Malerei, Plastik und kinetische Kunst verbinden. So wie jeder Moment seinen Sinn erst als Teil einer Kette von vorangegangenen und nachfolgenden Momenten offenbart, so nehmen die Werke Bezug auf die ihnen vorangegangenen Serien. Drahotovás Mixed-Media-Arbeiten sind wie ihre Titel metaphorisch-mythische Umsetzungen von so unterschiedlichen Konstrukten wie Ich, Raum oder Universum, die, gleich einem Moment, nie isoliert, sondern nur in Relation zu anderen, sie begrenzenden Konstruktionen erfasst werden können.

Jede Wahrnehmung ist an Erfahrung geknüpft – wir alle sehen anders. Diese Einsicht illustrieren die mehrdeutigen Klebefolienbilder von Manja Barthel, deren Staffelungen unterschiedliche Wahrnehmungsweisen herausfordern. Die Dresdner Künstlerin schafft aus collagierten Folienschichten abstrakte Farb- und Flächenkompositionen, die an reale Orte, Gänge oder Raumgefüge erinnern, wie „Schreibtischgalaxie“ (2014). Barthel entwirft Bilder in Form von futuristischen Räumen, die über die eigenen Grenzen hinausweisen. Damit führt sie vor Augen, dass Welt-Wahrnehmung zwar stets räumlich und zeitlich organisiert ist, aber Raum und Zeit immer menschliche Konstrukte bleiben, die gleichermaßen individuell und relativ sind.

Eine ganz anders geartete Illusion von Form, Material und Raum entfaltet sich bei der aus Kempten gebürtigen, in Dresden tätigen Nina May, die Tuschezeichnungen und die feingliedrige, an Blutbahnen erinnernde Installation „Eis zu Wasser, Wasser zu Raum“ (2015) präsentiert. Die Zeichnungen bestehen aus wuchernden Strukturen, die mal wie verblassende Fahrspuren oder Kondensstreifen, mal wie Computerraster oder textile Gewebe daherkommen. Momenthaftigkeit wird bei May im Werkprozess selbst verhandelt, denn die Künstlerin versteht das Zeichnen als meditative Übung: Das Setzen der einzelnen Striche, Punkte oder Kreise ist ein sich x-fach wiederholender Vorgang, wobei jeder für sich genommen einmalig ist und nie Identisches wie der vorangegangene erzeugt. Wie beim Ein- und Ausatmen wird in der Wiederholung des vermeintlich Gleichen doch permanent Neues geschaffen.

Schließlich zeigt die in Berlin und Prag lebende Künstlerin Adéla Soucková die Videoarbeit „Von einer Erde, die aus einem unruhigen Traum erwacht“. Unterlegt mit einem rhythmisch vorgetragenen Gedicht, erzählt der Film die Geschichte von der Natur als Mutter Erde und ihren Kindern, den Menschen, die sich, blind vor Gier, Hybris und technischem Fortschritt, von ihrem Ursprung entfernt haben. Gleich einer von der Künstlerin ausgeführten rituellen Handlung mit Heilungspotenzial verselbstständigt sich die Aktion im Moment ihrer Aufzeichnung und soll mit jedem Abspielen als Kritik am gegenwärtigen Zustand der Welt weiterwirken.

Die Ausstellung „One Moment“ bringt höchst unterschiedliche künstlerische Positionen zusammen, um eine zeitgenössische Sicht auf das Flüchtige unserer Existenz zu entwerfen. Doch so unterschiedlich die versammelten Arbeiten dieser acht deutschen und tschechischen Künstlerinnen auch sind, eint sie doch der implizite Wunsch, Austausch und Offenheit im Sehen anzuregen, anstatt dem Vergehen von Momenten nur passiv zuzuschauen.

Ausstellung „One Moment: 4+4minds Dresden-Praha“. Bis 7. Oktober in der Dresdner Sezession 89 e.V/galerie drei, Prießnitzstr. 43, geöffnet Mi bis Fr 16 bis 18, Sa 15 bis 18 Uhr

www.sezession89.com

Von Teresa Ende

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