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Regional Abstraktes Pathos: der Bildhauer Jacques Lipchitz
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17:40 04.01.2018
Jacques Lipchitz: Feuerhunde (Fragmente eines Kamins), 1927, Gips, Kunstsammlungen Chemnitz, Schenkung der Jacques and Yulla Lipchitz Foundation
Chemnitz

Einer der Gründe, in den letzten Jahren auch von auswärts den Weg nach Chemnitz zu suchen, war häufig die Qualität der Ausstellungen in den dortigen Kunstsammlungen. Das ist zuerst ein Verdienst der Museumschefin Ingrid Mössinger, die sich nun nach 20 aktiven Jahren in und für Chemnitz in den Ruhestand verabschiedet. Eine umfangreiche, über 200 Werke umfassende Schenkung der Berliner Sammlerfamilie Bastian beweist, wie sich dieses Engagement auch außerhalb der regionalen Grenzen herumgesprochen hat. Diese Werke – darunter Arbeiten von Picasso, Rauschenberg und Gerhard Richter – sind nun im Museumsbau am Theaterplatz zu sehen, und parallel kann man bis Ende Januar ein weiteres Mal erleben, mit wie viel kreativer Neugier die Chefin und ihr Team weit in die Welt schauen: denn Jacques Lipchitz – gebürtig 1891 aus einer jüdischen Familie in Litauen, tätig in Paris und an der amerikanischen Ostküste, 81-jährig gestorben auf Capri, begraben in Jerusalem – zählt ja nicht unbedingt von vornherein zum engeren Kanon jener Bildhauer, die als richtungweisend für das vergangene Jahrhundert empfunden werden.

Bedeutend ist er dennoch und hoch interessant sowieso: daran gibt es, wenn man die so kompakte wie transparent-assoziativkräftige Schau durchlaufen hat, keinen Zweifel. Die Skulpturen wirken, nachdem der junge Künstler um 1910 in Paris – ziemlich parallel mit dem ebenso aus dem Osten gekommenen Alexander Archipenko – den Kubismus für sich entdeckt hatte, zunächst wie eine „Übersetzung“ der Bilder eines Picasso oder Gris ins Dreidimensionale. Selbst die Themen – etwa gitarren- oder klarinetten“-bewaffnete“ Harlekinsfiguren – sind oft ähnlich. Auffällig ist aber schon hier, wie die prismatischen Brechungen gleichsam ausharmonisiert, in ein fließendes Ganzes gefügt werden – was sich dann seit den 20er Jahren in zunehmend weich schwingenden, barock gebauschten und geblähten Konturführungen verdichtet. Es ist, als erinnere sich Lipchitz an seine akademische Schulung im Stil eines üppigen Gründerzeitpathos, um sie nun in die Welt der Abstraktionen zu integrieren und daraus eine ganz neue Synthese zu schaffen.

Rein formell lassen sich auch da Parallelen finden; man könnte zum Beispiel an Werke von Hans Arp denken. Doch Lipchitz hat entschieden mehr Pathos, geht auch ikonographisch oft mit einem quasi spätbarocken Repertoire um – er liebt zum Beispiel Stiere und Geier, dabei häufig überzeitliche antike Mythen wie die Prometheus-Legende aufnehmend. Das wirkt, angesichts der eigenen biografischen Verwerfungen und der Martyrien des jüdischen Volkes, wie die Zuflucht in eine Welt der großen alten Erzählungen – was kraftvoll zupackende und handfeste Porträtköpfe zum Beispiel aus den 40er und 50er Jahren nicht ausschließt.

In der gleichen Zeit steigerten sich seine verknoteten und verflüssigten Volumina (er arbeitete dabei auch mit Materialien wie Wachs und Schellack) ins Monumentale, so in einer überlebensgroßen, entflammt die Harfe spielenden „Benediction“-Skulptur. Deren Bronzeguss, einst im New Yorker MoMA, ist verloren, aber es gibt ein riesenhaftes Plastilinmodell: 750 Kilo der weichen Masse, selbst bei Einräumung zarter ästhetischer Vorbehalte schier überwältigend in seiner fast titanischen Körperlichkeit und nach jahrelanger mühevoller Restaurierungsarbeit nun in einem Sonderraum der Chemnitzer Schau zu besichtigen. Dort dürfte es auch verbleiben, weil man sich angesichts der Verbindung kolossalischer Maße und des fragilen Materials kaum eine nochmalige Umsetzung vorstellen kann. Dazu bleiben noch über 30 andere Arbeiten – eine Skulptur, dazu weitere Modelle und Grafiken – als Schenkung am Ort: ein weiterer Glücksgriff für das Haus und ein neues Ziel für interessierte Kunstfreunde.

Noch bis 28.1. im Kunstmuseum Chemnitz am Theaterplatz; täglich außer Mo 11-18 Uhr; 24.12. und 31.1. geschlossen

Von Gerald Felber

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