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09:11 18.01.2018
Uwe Kolbe im vergangenen August in Dresden. Quelle: D. Flechtner
Dresden

 Seine Zeit als Dresdner Stadtschreiber ist zu Ende, doch Uwe Kolbe will bleiben. „Ich lebe jetzt in Dresden.“ Mit dieser Erklärung überraschte er seine Zuhörer, die dicht gedrängt bei seiner Abschlusslesung in der überfüllten Kunstbibliothek saßen.

Stoff für Poesie und Prosa scheint er in dem halben Jahr reichlich gesammelt zu haben. „Meine nächsten zwanzig Lebensjahre sind gefüllt mit Dresdner Figuren“, scherzte er im Gespräch mit Moderatorin Karin Großmann von der „Sächsischen Zeitung“. Johann Joachim Winckelmann, den Archäologen und Klassizismus-Begründer, nannte er, Paula Modersohn-Becker, die bedeutendste unter den Worpsweder Künstlern. Und den Maler Caspar David Friedrich, dessen Bildern der damals 17-Jährige Berliner in einer Ausstellung begegnete, als er Dresden 1974 zum ersten Mal besuchte. „Eine Nebentür führte damals auch zu Wolfgang Mattheuer“, erinnerte er sich.

Was seinen Blick auf die Stadt geprägt hat, sind die vergangenen Jahrhunderte, Landschaft, Kunstgeschichte. Das „P-Problem“, wie er die auf den Montag abonnierten Dauerdemonstranten umschrieb, hat dieses Bild nicht zu trüben vermocht. Von dieser Perspektive, die, historisch unterfüttert, das Wichtigere wahrnimmt, Kultur nämlich, und so vor politischer Hysterie bewahrt, könnten sich auch Dresdner Bürger eine Scheibe abschneiden - für ein gelasseneres Selbstbewusstsein.

Uwe Kolbe hat häufig über bildende Künstler geschrieben, als begeisterter Verehrer. In seinem Porträt über die 1953 geborene Berlinerin Cornelia Schleime, die in den Siebzigern an der Dresdner Kunsthochschule studierte, verbeugt er sich auch vor einer Geistesverwandten. In der 2005 erschienenen Anthologie „Künstler in Dresden im 20. Jahrhundert“ findet man es. Ihre Stasi-Akten habe Cornelia Schleime ironisch-humorvoll zu Kunst verarbeitet. Den Verrat indes habe sie mit Ernst behandelt. Er bewundert ihre Konzentration auf das Menschenbild und dass historisch Hergebrachtes in ihrer Kunst stets anwesend ist.

Dass viel mehr Betrachter Peter Herrmann wahrnähmen, so, wie es dem 1937 in Großschönau geborenen und in Dresden aufgewachsenen Maler gebührt, wünscht er sich. Wie er, der Dichter, von künstlerischer Haltung beeindruckt, hier Sinn aus Maltechniken liest, könnte uns als Schule des Sehens dienen. Hingabe, Vertrauen zur Kunst entdeckt er, ein „Menschen-Ja“ - und Gemaltes, das den Himmel berührt. Diese Bilder zu vermissen, existierten sie nicht, bekennt Uwe Kolbe. „Ich würde die Orientierung verlieren ohne sie.“

Er selbst bezieht sich in der „subkutanen“ Art, wie er Gedichte schreibt, auf bisweilen sehr alte historische Schichten. Eine Kostprobe gab er mit dem Zyklus „Das Tagwerk“ aus dem Band „Gegenreden“, in dem er verschiedene Schöpfungsmythen verdichtet hat.

Etwa zweieinhalbtausend Jahre greift er bei den „Psalmen“ zurück, seinem jüngsten Gedichtband. „Der hat mich ins Schleudern gebracht.“ In Kirchen wurde er eingeladen, am 15. Februar liest er im Dresdner Kathedralforum der Katholische Akademie. Aber auch Kopfschütteln erntete er. Was das denn für ein Beitrag zur deutschen Gegenwartslyrik sei, soll ein Rezensent gefragt haben. Da hat sich Uwe Kolbe vorgenommen: „Ich möchte keinen Beitrag zur deutschen Gegenwartslyrik leisten.“

Zu ernst ist es ihm bei den Psalmen mit der Haltung des Ansprechens. „Es gab und gibt ein größeres Gegenüber“, das ist seine Erfahrung. In der Natur hat er das vor allem erlebt. „Demut ist die Haltung des Psalmisten.“ Dass dies gegenwärtig nicht eben mehrheitsfähig ist, weiß er. Er jedoch besteht unbeirrt auf dem Eigenen und dreht den Spieß der Polemik gern auch mal um: „Dieser vulgäre Atheismus in unserer Gesellschaft kotzt mich an. Wie das Erbe der Aufklärung verwaltet wird, halte ich für anmaßend und dumm.“ Für Uwe Kolbe ist es keine Frage von Religiosität. Der Haltung belanglosen Laberns mit „Gegenreden“ zu begegnen, darum geht es ihm. Der Umgang miteinander ist es. „Wenn Gott anwesend ist in einem Gespräch, ist Ernst anwesend.“

Von Tomas Gärtner

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