Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Abglanz: "Bilder deiner großen Liebe" in Dresden reicht nicht an Bühnen-Vorgänger "Tschick" heran

Abglanz: "Bilder deiner großen Liebe" in Dresden reicht nicht an Bühnen-Vorgänger "Tschick" heran

Kann man "Tschick" toppen? Einen Jugendroman, der rund zwei Millionen Mal verkauft wurde und 2010 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt? Die in Dresden uraufgeführte Bühnenfassung darf inzwischen in keinem Theaterspielplan mehr fehlen.

Voriger Artikel
Ausstellung über Muslime im eröffnet im Dresdner Bertolt-Brecht-Gymnasium
Nächster Artikel
Kruzianer-Konzert sorgt für Massenansturm im Dresdner Hauptbahnhof

Holger Hübner (Ein Mann) und Lea Ruckpaul (Isa).

Quelle: David Baltzer

von Michael Bartsch

In Dresden wanderte sie wegen der großen Nachfrage von der Probenbühne des Kleinen Hauses bis ins große Schauspielhaus. Man darf dem Dresdner Staatsschauspiel unterstellen, dass es nicht auf Besucherzahlen eines Nachfolgehits spekulierte, als es das Abschiedsfragment Wolfgang Herrndorfs "Bilder deiner großen Liebe" ebenfalls auf die Bühne brachte. Denn trotz des Premierenerfolges am Donnerstagabend dürfte diese Uraufführung die bislang 130 "Tschick"-Vorstellungen kaum erreichen.

Die Fortsetzung erscheint indessen nur logisch und kann zugleich als Hommage an den Autor verstanden werden, der sich als 48-Jähriger in aussichtsloser gesundheitlicher Lage 2013 das Leben nahm. Herrndorf selbst verstand "Bilder deiner großen Liebe" wie ein Vermächtnis, geprägt von Lebensliebe, ja Lebenshunger. Wieder projiziert er seine Sehnsüchte in das adoleszente Lebensalter hinein, dem man noch am ehesten Unverbrauchtheit unterstellen darf. Offenbar trifft er damit den Nerv von Millionen Lesern in einer akribisch durchregelten Gesellschaft, in der Freiheit eher ein gülden umkränztes Postulat denn konkrete Erfahrung bedeutet.

Nicht erst eine Gegenwartserscheinung. Der Road-Trip von Maik und Tschick oder im letzten Buch eben von Isa findet seine Entsprechung in den Road-Movies, wenn man so will, schon im "Simplicissimus" oder im "Leben eines Taugenichts". Projektionen einer Wunschwelt, in der es noch riskante Primärerfahrung statt bemühter Erlebnispädagogik gibt. Die anarchischen Selbstversuche von Herrndorfs jungen Helden würden heute realiter schon im Ansatz stecken bleiben. Man stelle sich nur praktisch vor, wie weit zwei Halbwüchsige mit einem geklauten Lada kämen. Oder wann eine Isa nach ihrer Flucht aus der Anstalt wieder eingefangen wäre und welch empörtes Echo jeglicher Verstoß gegen die festgefahrene Ordnung nach sich zöge. Insofern kann man sich entspannt in die Romanfiktionen und in seine noch nicht ganz erstickten persönlichen Erinnerungen an ein Alter hineinträumen, in dem noch alles möglich schien.

Insofern geht aber auch so überragend gespieltes Theater wie im Kleinen Haus nicht wirklich an die Nieren. Im Hinterkopf klopft das Wissen, dass Vierzehn- und Fünfzehnjährige solche abenteuerlichen Selbst- und Welterkundungen heute bestenfalls virtuell, aus zweiter Hand und TÜV-geprüft erleben. Isa aus dem Tschick-Trio begegnet uns wieder, diesmal als Hauptfigur. Sie wird mit Lea Ruckpaul auch von derselben Schauspielerin dargestellt, und Jan Gehler führt erneut Regie. Staatsschauspiel-Chefdramaturg Robert Koall bleibt mit seiner Bühnenfassung sehr dicht am Herrndorf-Original und setzt ganz auf die Ich-Erzählerin. Das Personarium ihrer Begegnungen wird reduziert auf einen einzigen Mehrzwecktypen, der im Textbuch als "ein Mann" und auf der modisch angeschrägten Bühne des Kleinen Hauses in Gestalt von Holger Hübner daherkommt. Bühnenbildnerin Sabrina Rox bietet dem Auge auch nicht mehr als eine die Bühne diagonal schneidende und verkürzende Leinwand, die außer vereinzelten Schattenspielen lediglich die Lichtstimmungen unterstützt.

Der Zuschauer muss also weitestgehend imaginieren, was ihm das Darstellerduo verbal und gestisch anbietet. Das ist sehr viel, und dennoch balanciert solch ein gesprochenes Tagebuch manchmal hart am Rande des Leerlaufs entlang. Lea Ruckpaul gewinnt alle Sympathien, ist eine wunderbare mädchenhafte Erwachsende, ebenso energisch, schlagfertig und impulsiv wie in die poetischen Textpassagen versunken. Jogginghose, blaues Shirt, die ominöse grüne Trainingsjacke zur Schärpe geknotet. Die ersten 20 Minuten ist sie ganz allein, und auch die folgende Viertelstunde dient ihr Partner bestenfalls als lebendes Requisit. Szenisch passiert bei diesen Monologen nicht viel, Rhythmuswechsel hätten die Konzentrationsfähigkeit auf den Zuschauertraversen gewiss befördert. Bei aller Frische und Wandlungsfähigkeit kann Lea Ruckpaul allein die Spannung nicht immer halten.

Der lange und ausgespielte Dialog mit dem "Kapitän" des Lastkahns entschädigt dann aber gründlich. In der zweiten Hälfte wird mehr miteinander geredet und gespielt, unter geschicktem Einsatz des doppelten Bühnenbodens belebt sogar ein wenig Action die Szene. Der um einen reichlichen Kopf größere Holger Hübner steht der Protagonistin Isa an Liebenswürdigkeit nicht nach, findet etwa bei der Erinnerung an seine erste Liebe auch zu anrührend melancholischen Tönen oder bei der Reminiszenz an "Tschick" zum Halbstarken-Gestus von Maik. Alle Register des Komödianten beherrscht Hübner mit trockenem Humor ohnehin, man fühlt sich bei ihm reflexartig stets an den Klaus Uhltzscht aus Thomas Brussigs "Helden wie wir" erinnert.

Im Ganzen bleibt es erstaunlich, wie diese Reduktion auf ein - nun ja - Eineinhalbpersonenstück letztlich aufgeht. Der begeisterte Applaus galt zwei erfrischenden Darstellern, gewiss aber auch der respektablen Gedächtnisleistung der jungen Lea Ruckpaul.

Aufführungen: 23., 26.3.; 2., 8., 22.4.; 12. und 23.5.; 3.6., Kleines Haus

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2015

Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr