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96 Ex-Kruzianer wenden sich an den Kreuzkantor – und er antwortet

Probleme zwischen Dresdner Chor und Schule 96 Ex-Kruzianer wenden sich an den Kreuzkantor – und er antwortet

96 ehemalige Kruzianer haben sich in einem Offenen Brief an Kreuzkantor Roderich Kreile gewandt. Das Schreiben, das den DNN vorliegt, listet eine Reihe von Bedenken zur Entwicklung von Kreuzchor und Kreuzschule auf. Kantor Kreile antwortete bereits.

Der Dresdner Kreuzchor bei seinem Stadionkonzert
 

Quelle: Stephan Lohse

Dresden. 96 ehemalige Kruzianer der Absolventenjahrgänge 1999 bis 2016 haben sich in einem Offenen Brief an Kreuzkantor Roderich Kreile gewandt. Das Schreiben, das den DNN vorliegt, ging zudem u.a. an die Leiterin des Dresdner Kreuzgymnasiums, Gabriele Füllkrug, an Superintendent Christian Behr und Kreuzkirchen-Pfarrer Holger Milkau, an Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke), an Vertreter der Stiftung Kreuzchor und des Fördervereins Dresdner Kreuzchor e.V., an Kruzianereltern sowie an Stadträte.

„Mit Bestürzung haben wir die Nachricht aufgenommen, dass mehrere Mitglieder der derzeitigen zwölften Klasse von der diesjährigen Sommerreise ausgeschlossen wurden und aus diesem Grund weitere Zwölftklässler die Teilnahme an dieser Reise verweigert haben. Vielen ehemaligen Kruzianern ist diese Nachricht sehr nahe gegangen, weil wir aus eigener Erfahrung um den hohen Stellenwert der letzten Chorreise für die Kruzianer der zwölften Klasse wissen“, begründen die früheren Kruzianer ihren ungewöhnlichen Schritt. „Dass dem Jahrgang 2017 dieses wichtige Schlüsselerlebnis fehlen wird, hat unter uns ehemaligen Kruzianern zu intensiven Diskussionen über die Frage geführt, wie es so weit kommen konnte. Dabei wurde deutlich, dass über den konkreten Anlass hinaus sehr viele ehemalige Kruzianer die jüngere Entwicklung des Chores mit Sorge betrachten.“

Aus Gesprächen mit den betroffenen Kruzianern und Abiturienten der letzten Jahrgänge, aber auch mit Eltern und Vertretern von Institutionen im Umfeld des Chores hätten sie den Eindruck gewonnen, heißt es weiter, dass seit einiger Zeit zunehmend Spannungen sowohl innerhalb des Chores, als auch zwischen dem Chor und seinem engen Umfeld bestünden. „Als ehemalige Kruzianer glauben wir, mit etwas Abstand einen objektiveren Blick auf die Problemkonstellationen zu haben.“

Der Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile

Der Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile

Quelle: Astrid Ackermann

„Die Frage nach der richtigen Balance zwischen der Aufrechterhaltung der hohen musikalischen Qualität zum einen und der Förderung der individuellen Persönlichkeitsentwicklung der Kruzianer zum anderen begleitet den Chor schon seit langem. Kruzianer haben durch tägliche Probenarbeit sowie regelmäßige Auftritte und Reisen wesentlich weniger Zeit zur Bewältigung ihres schulischen Pensums und zum Besuch sonstiger schulischer Veranstaltungen zur Verfügung, als ihre Mitschüler.“ Hier sei es bis heute nicht gelungen, gemeinsam mit der Kreuzschule eine nachhaltige Lösung zu finden, um diesen Nachteil auszugleichen. „Gerade als ehemalige Kruzianer, die nun mitten im Leben stehen, wissen wir aber auch, wie wichtig es ist, dass die Kruzianer neben dem Chorleben auch Kontakte zu ihren Mitschülern aufbauen, um so eine ganzheitliche persönliche und soziale Kompetenz entwickeln zu können.“

Die Auftritte des Chores mögen sich, abgesehen von einer deutlichen Steigerung während des Jubiläumsjahres, von der Anzahl her insgesamt nicht erhöht haben, bestätigen die Verfasser eine Aussage von Kreuzkantor Roderich Kreile, führen indessen zugleich an, dass die Auftritte sich aber verändert haben. Der Chor nehme vermehrt Termine außerhalb des gewohnten Rahmens von Vesper und Gottesdienst wahr. Diese stellten eine zusätzliche Belastung für die Kruzianer dar, da sie den Alltag noch stärker zerreißen und eine gesunde Entwicklung, die von Regelmäßigkeit lebt, erschweren würden. Problematisch sei etwa, wenn die jüngeren Knaben bis spät in die Nacht an Veranstaltungen teilnehmen müssten und keine ausreichenden Ruhezeiten zwischen Veranstaltungen gewährleistet werden könnten.

Besonders monieren die Verfasser die Aussage des Chormanagements, der Kreuzchor sei „,kein Freizeitensemble, sondern ein Profiorchester’, das sich auf dem Weltmarkt behaupten müsse.“ Diese Aussage passe zu einem in der letzten Zeit zu beobachtenden Wandel des Selbstverständnisses des Chores, der wohl in erster Linie auf eine Restrukturierung im Chormanagement zurückzuführen sei. Dies zeige sich auch darin, dass in den letzten Jahren die Außendarstellung stark verändert wurde und eine zunehmende Vermarktung des Chores als Werbeträger für diverse Unternehmen stattfinde. Es solle nicht der Eindruck entstehen, schreiben die ehemaligen Kruzianer, „dass wir nicht um die finanziellen Zwänge wissen, denen große Kultureinrichtungen ausgesetzt sind. Auch entzündet sich die Kritik keineswegs an der generellen Verwendung von sozialen Medien oder dem Einsatz technischer Mittel, um Außenstehenden einen Einblick in das Chorleben zu gewähren.“ Es stelle sich jedoch die Frage, was für Botschaften man hier verwendet und in welchem Maße man sie sich zu eigen macht. „Ein unreflektierter Umgang mit Themen wie Konsum und Kommerz verträgt sich nicht mit einer christlichen Werteerziehung, die zum Selbstverständnis des Kreuzchores gehört.“

Bezugnehmend auf Äußerungen von Seiten der Chorleitung, die Kruzianer wären aufgrund von bestehenden Verträgen zur Erbringung ihrer Leistung verpflichtet, stellen die Verfasser des Offenen Briefes die Frage, welche Grundwerte der Chor in seinem Inneren lebt und nach außen transportieren will. „Dies, so glauben wir, sollte nicht durch neue Werbe- und Vermarktungsstrategien und ein betriebswirtschaftliches Verständnis diktiert werden.“ Mit Blick auf ihre eigene Kruzianerzeit sei es neben der Leidenschaft für die Musik und der erlernten Selbstdisziplin an erster Stelle ein ausgeprägter Sinn für Gemeinschaft und Zusammenhalt. „Darüber hinaus haben wir das Kruzianersein stets als eine Tätigkeit im Dienste einer höheren Sache verstanden. Diese erschöpfte sich nicht im Streben nach höchster musikalischer Qualität. Wir sahen uns vielmehr auch im Dienste der langen Tradition der Institution Kreuzchor und der Werte, für die diese Institution steht.“

Eine Abwendung von diesem Erbe werde, so befürchten die Ehemaligen, nicht nur zu einer neuen Außenwahrnehmung des Chores führen, sondern die Chorgemeinschaft als dessen Kern beschädigen. Je stärker an diesem Fundament gerüttelt und der Chorgemeinschaft die gemeinsame Wertegrundlage entzogen wird, desto weniger werde man von den Kruzianern in der Zukunft erwarten können, über sich hinauszuwachsen und persönliche Opfer für den Kreuzchor und die Bewahrung des musikalischen und institutionellen Erbes zu erbringen.

Kreuzkantor Roderich Kreile zeigte sich am Mittwoch von dem Schreiben sehr bewegt und reagierte umgehend in einem Brief an die Verfasser. Mit Blick auf die veränderten Marketingstrategien des Chores erklärte er darin: Von vornherein sei es Absicht gewesen, das Jubiläumsjahr zu nutzen, „um die ‚Nische‘ Knabenchor zu öffnen“ und so weitere Zuhörerschichten und auch Sponsoringpartner zu gewinnen. Letzteres sei nach hausinterner Analyse nötig, da absehbar, teilweise schon heute spürbar, die Mittel der öffentlichen Hand zurückgehen. „Dies bedeutet u.a., dass Mehrbedarfsanträge im Bereich Bildung abgelehnt wurden und wir“, so Kreile, „wie andere Kulturinstitute auch, auf den Stand von 2014 reduziert wurden. Meine Aufgabe ist jedoch, langfristig Stabilität herbeizuführen, was gerade im Umgang mit Kindern und Jugendlichen unerlässlich ist. Im Übrigen sei angemerkt, dass auch aus Reihen des Stadtrates die Aufforderung an Kulturinstitute, Sponsoren zu gewinnen, artikuliert wurde.“

„Ich denke aber eigentlich“, so der Kreuzkantor, „dass wirklich jedem heutzutage die Notwendigkeit, Partner in der Wirtschaft zu gewinnen, einleuchtet. Nun kam aber eine für mich geradezu absurd anmutende Beobachtung ins Spiel: Unser Vorgehen wurde verwechselt mit einer Abwendung von dem traditionellen Tun, unserer Anbindung an christliche Werte und Fortführung der Präsenz in der Kreuzkirche. Dies kam augenscheinlich von Außenstehenden, die aus mir unbekannten Gründen eine ‚Entchristlichung‘ des Chores herbeischreiben wollten.“ ... „Die neuen Formate (Stadionkonzert) und die Zusammenarbeit mit Sponsoren sollen uns auch in Zukunft die Möglichkeit geben, unserer Tradition auch in Zukunft in angemessener Weise Entfaltungsraum zu geben. Anderes wäre für mich als Kirchenmusiker auch nicht denkbar.“

In Reaktion auf die Probleme zwischen Schule und Kreuzchor meinte Kreile, dass man „unverdrossen“ Gespräche führe; diese gingen, unter Anleitung von zwei Moderatoren, im September weiter und sollen der Klärung des Grundverhältnisses zwischen Chor und Schule dienen. Danach gehe es dann wieder in erweiterten Runden voran. Schnelle Lösungen seien nicht erwartbar.

Abschließend dankte Kreile den Verfassern ausdrücklich für ihr Statement, dass für sie außer Zweifel stehe, „dass Ihnen, Herr Kreile, das Wohl der Kruzianer sehr am Herzen liegt. Deswegen vertrauen wir darauf, dass Sie die richtigen Veränderungen zum Wohle des Chores und der Kruzianer einleiten werden“. Er wolle sie, so der Kreuzkantor, im nächsten Schuljahr zu einem Gespräch einladen.

Gespräche strebt auch die für den in städtischer Trägerschaft stehenden Kreuzchor zuständige Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch an. Sie nehme es sehr ernst, wenn sich Kruzianer, wie in diesem Fall, ausführlich, analytisch und besorgt zur Entwicklung des Knabenchors und zu den Anforderungen an die in ihm singenden Kinder und Jugendlichen äußern, sagte Klepsch auf DNN-Anfrage. Nach der Sommerpause müssen es um Vertrauensbildung zwischen Kruzianern und Chorleitung gehen. Mit Blick auf die jüngeren Jahrgänge sprach Klepsch hier auch von Fürsorgepflicht, die die Stadt für die ihnen anvertrauten Heranwachsenden habe.

PS: Auf Einladung des Kreuzkantors unter der Voraussetzung, dass sie sich einer Sonderprobe am vergangenen Donnerstag unterziehen und selbst für Unterkunft und Anreise sorgen, durften die 12er im letzten Konzert der diesjährigen Sommertournee in Wittenberg mitsingen. Sieben von neun haben das Angebot angenommen.

Und auch das erklärt der Kantor noch: Mit den kommenden drei Präfekten des Dredner Kreuzchores habe er vereinbart, dass man sich nun institutionalisiert künftig regelmäßig treffen wolle, um Probleme zu besprechen. Damit wolle er mit dem neuen Schuljahr sofort anfangen.

Von Kerstin Leiße

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