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18:33 31.05.2018
94 Selbstbildnisse von Gerhard Richter sind aktuell im Albertinum zu sehen Quelle: dpa
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Dresden

Übermäßig häufig hat sich Gerhard Richter (Jg. 1932) dem Selbstbildnis nicht gewidmet. Wie Dietmar Elger, Leiter des Gerhard-Richter-Archivs bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vor Journalisten vermerkte, kennt man zwei derartige Gemälde. Gleichwohl bot dieses Genre am 31. Mai Anlass, die Presse ins Albertinum zu bitten. Denn hier sind nun 94 Selbstporträtzeichnungen des gebürtigen Dresdners ausgestellt. Sie stammen aus einer Privatsammlung und sind gewissermaßen das „Überbleibsel“ einer Aktion des Künstlers aus dem Jahr 1993.

Damals war im Insel Verlag in Frankfurt/Main die erste Ausgabe der von Hans Ulrich Obrist herausgegebenen Schriften und Interviews von Gerhard Richter erschienen. Zur Publikation mit dem Titel „Gerhard Richter. Text“ gehörte eine Vorzugsausgsabe von 100 Exemplaren, wovon jedes eine eingebundene Originalzeichnung des Künstlers enthielt. Die darüber hinaus entstandenen knapp 100 Arbeiten fanden dazumal keine Verwendung und gelangten, wie oben schon erwähnt, in eine Privatsammlung. Die Präsentation im Albertinum unter dem Motto „Gerhard Richter. Selbstbildnisse, 1993“ lässt nun erstmals die Öffentlichkeit an ihnen teilhaben.

Den Ausgangspunkt für diese mit Bleistift ausgeführten Blätter bildete ein auf recht dünnes Papier gedrucktes fotografisches Porträt aus den 1960er Jahren. Richter benutzte dieses, um die Selbstbildnisse auf dessen Rückseite durchzuzeichnen. Geschaffen wurden die nahezu 200 Zeichnungen zwischen dem 3. September und dem 12. Dezember 1993. Die einzelnen Blätter folgen dem Vorbild allerdings mehr oder weniger frei, wobei für die oben erwähnte Publikation wohl die eher dem Erscheinungsbild des Künstlers näher kommenden Arbeiten verwendet wurden.

Selbstbildnis Quelle: Gerhard Richter

Insgesamt fällt gerade in der Ausstellung auf, dass Gerhard Richter beim Zeichnen eher seine Verfassung aus den frühen 1990er im Blickfeld hatte als einfach den jungen Mann aus den 1960ern, als das Foto entstand. Zeichnerisch aufgenommen ist vor allem die Grundsituation der Platzierung des Kopfes – im Profil - und des Oberkörperansatzes im Raum. Der Kopf selbst – oft mit Brille, die der junge Richter wohl noch nicht brauchte – bringt unterschiedliche Darstellungsansätze für ein Selbstporträt zum Ausdruck: vom äußerlich recht ähnlichen zum eher antizipierenden von möglichen Zuständen. Verbunden ist dies mit formalen Differenzierungen, die auch im Selbstporträt die für Richter typische Vielfalt der Ausdrucksmittel andeuten. Vom durchaus auf äußere Ähnlichkeit angelegten über das Erfassen mit wenigen Linien bis zum kubistischen Ansatz reicht die Variationsbreite, wobei die Linie mal mehr, mal weniger gestisch gehandhabt wird. Neben der Brille gibt es ein anderes Attribut, das hin und wieder in Erscheinung tritt: einen Hut. Als Betrachter stößt man aber auch auf Zuspitzungen, die vielleicht eine punktuelle Befindlichkeit offenbaren – etwa wenn das Selbstporträt zum Totenkopf wird.

Anders als man es von anderen Künstlern kennt, die wie etwa Curt Querner für das Ringen um das adäquate, „perfekte“ Selbstporträt über Jahre und Jahrzehnte bekannt sind, ist Richters Motivation eine andere. Seine Variationen dienen zuvorderst der seriellen Erprobung unterschiedlicher, durchaus gleichwertiger Möglichkeiten der Darstellung innerhalb begrenzter Vorgaben. So sind die nicht eingebundenen 94 Blätter auch eher nicht als Einzelwerke zu sehen, sondern als eine Serie, wenngleich jedes individuell ist. Damit dies für die Öffentlichkeit nicht nur durch die aktuelle Ausstellung greifbar ist, sondern auch darüber hinaus bleibt, wurden die „100 Selbstbildnisse“ parallel im Verlag Walter König in Buchform publiziert, als Band 16 (!) der Schriften des seit 2006 in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden angesiedelten Gerhard Richter Archivs, das neben seinen wissenschaftlichen Aktivitäten – dazu gehört auch eine viel publizierte und derzeit gerade ins Japanische übersetzte Richter-Biografie von Dietmar Elger – wie aktuell auch mit Ausstellungen hervortritt.

Albertinum, bis 26. August, geöffnet Di bis So, 10 bis 18 Uhr

Publikation „Gerhard Richter. 100 Selbstbildnisse“, 28 Euro während der Ausstellung (im Buchhandel 38 Euro)

www.skd.museum

Von Lisa Werner-Art

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