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90. Geburtstag des Dirigenten und Komponisten Michael Gielen

In Dresden geboren 90. Geburtstag des Dirigenten und Komponisten Michael Gielen

Über das klassisch-romantische Repertoire hinaus die Musik seiner Zeitgenossen aufzuführen, betrachtete der selbst komponierende Dirigent Michael Gielen als seine Pflicht. Mit besonderer Neigung widmete er sich aber auch dem Schaffen eigener Werke.

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Michael Gielen bei der Verleihung des Deutschen Theaterpreises im Prinzregententheater in München 2007.

Quelle: dpa

Dresden. Über das klassisch-romantische Repertoire hinaus die Musik seiner Zeitgenossen aufzuführen, betrachtete der selbst komponierende Dirigent Michael Gielen als seine Pflicht. Mit besonderer Neigung widmete er sich aber auch dem Schaffen eigener Werke. Vor zehn Jahren, zu seinem 80. Geburtstag, zeichnete ein Film den Lebensweg und Wirkungskreis des bedeutenden Künstlers, der zu den herausragenden Dirigenten unserer Zeit gehörte, unter diesem Titel nach. Möge das rare filmische Porträt nunmehr anlässlich seines 90. Geburtstages erneut Beachtung finden, denn es ist inzwischen recht still geworden um Michael Gielen, dem gleichermaßen sympathischen wie streitbaren großen Musiker, der im Oktober 2014 im wahrhaft biblischen Alter das Ende seiner Karriere erklärte und sich zurückzog wegen Verschlechterung seines Sehvermögens in sein Anwesen am Mondsee im Salzkammergut.

Am 20. Juli 1927 wurde er in Dresden geboren. Vater Josef Gielen war hier seit 1923 als Oberregisseur des Schauspiels tätig. Später wechselte er auch an die Staatsoper, wo er unter anderem 1933 mit Clemens Krauss die Uraufführung der „Arabella“, 1935 mit Karl Böhm die Uraufführung der „Schweigsamen Frau“ von Richard Strauss sowie die Uraufführung von Rudolf Wagner-Régenys „Günstling“ betreute. Bald mussten er, der Anti-Nazi, und seine Frau, eine aus Galizien stammende Schauspielerin, als Jüdin dem Druck der Nationalsozialisten weichen.

Die Familie übersiedelte im Sommer 1936 über Berlin und Wien nach Buenos Aires, wo der Vater 1940 am Teatro Colón als Oberspielleiter eine neue Aufgabe fand. Michael Gielen absolvierte in der argentinischen Hauptstadt Gymnasium sowie philosophische und musikalische Studien. Dirigentische Vorbilder waren die ebenfalls am Teatro Colón wirkenden Erich Kleiber und Fritz Busch. Auch Wilhelm Furtwängler und Tullio Serafin begegnete er hier. Der Pianist und Komponist Eduard Steuermann, einst von Arnold Schönberg ausgebildet und 1936 in die USA emigriert, beriet den bereits preisgekrönten jungen Komponisten, seinen Neffen, brieflich. Dessen Doppelbegabung hatte sich frühzeitig erwiesen. Mit 22 Jahren spielte er anlässlich Schönbergs 75. Geburtstag dessen gesamtes Klavierwerk öffentlich. Dirigieren hat er übrigens nie studiert. Er bezeichnete sich selbst als Autodidakten.

1950 nach Europa zurückgekehrt, wurde Gielen zunächst Korrepetitor, 1952 Kapellmeister an der Wiener Staatsoper (der Vater war inzwischen Direktor des Wiener Burgtheaters geworden und wechselte dann ebenfalls an die Wiener Staatsoper). Ab 1960 folgten dann Michael Gielens Jahre als Opernchef in Stockholm (1960/65), Köln (1965/68), Brüssel (1968/73), Amsterdam (1973/75) und Frankfurt/Main (1977/87). Allein in Frankfurt hat er 55 Opern dirigiert, oft in unkonventionellen, ja spektakulären Inszenierungen innovativer Regisseure wie Hans Neuenfels, Volker Schlöndorf, Alfred Kirchner, Harry Kupfer und Ruth Berghaus. In seinen Frankfurter „Montagekonzerten“ sorgte er für manche Aufregung. Vor allem goutierte nicht jedermann, dass er Schönbergs „Überlebenden aus Warschau“ in ein deutsches Heiligtum wie das Finale der „Neunten“ Beethovens implantierte. Herbert Kegel hat das gern in Leipzig und Dresden ebenso gehandhabt. Zeitgleich leitete Gielen während dieser Jahre das Orchestre National de Belgique (1969/72) und das Cincinnati Symphony Orchestra (1980/86).

Mit dem von ihm 1986/99 als Elite-Klangkörper geformten Südwestfunk-Sinfonieorchester Baden-Baden, das ihn 2002 zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit ernannte und dem er danach, auch nach der Fusion mit dem Freiburger Rundfunkorchester, noch lange als Gastdirigent zur Verfügung stand, erreichte die von strenger, auch harter Probenarbeit gekennzeichnete Führungstätigkeit des Dirigenten Gielen gewissermaßen ihren Höhepunkt und Abschluss zugleich. Mit diesem exzellenten Klangkörper, mit dem er sämtliche Sinfonien Beethovens und Mahlers einspielte, gastierte der Künstler im Oktober 1992 übrigens im Austausch mit der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast, nachdem er zuvor in den 70er Jahren eine „Rosenkavalier“-Aufführung geleitet hatte. Es war dies sein zweiter und schon letzter Auftritt als Dirigent in seiner Geburtsstadt Dresden.

Leider hat er sich hier sehr rar gemacht. An diesem herausragenden, in der Erinnerung gebliebenen Konzertabend erklang Beethovens 1. Sinfonie und Mahlers „Lied von der Erde“ mit den Solisten Doris Soffel (Alt) und Heinz Kruse (Tenor). Danach ergab sich im Zentrum für zeitgenössische Musik eine nachhaltige Begegnung mit der charismatischen Persönlichkeit des Gastes, der sich selbst vor allem als einen bodenständigen Musiker sah, der etwas an Ort und Stelle bewegen wollte und Erstaunliches bewegt hat. Immerhin ist Michael Gielen ein drittes Mal nach Dresden gekommen: nicht als Musiker, als Schriftsteller, Autor seiner Lebenserinnerungen, die unter dem Titel „Unbedingt Musik“ 2005 im Insel-Verlag Frankfurt/Main und Leipzig erschienen.

Im Januar 2008 stellte er dem Publikum seiner Heimatstadt das Buch im Rahmen einer Lesung im Schauspielhaus vor, wo er Jahre zuvor in dem seinerzeit als Großes Haus der Staatstheater geführten Gebäude den „Rosenkavalier“ dirigiert hatte. Die überaus lesenswerten, freimütigen Erinnerungen beginnen mit der Schilderung seiner neunjährigen „Unbeschwerten Kindheit“ in Dresden und enden mit Erfahrungen und Gedanken über seinen beruflichen Weg. Für den Dirigenten gab es keinen Unterschied zwischen alter und neuer Musik. Obwohl er zeitweise ausschließlich als Spezialist für neue Musik galt, für die Musik der Schönberg- und Webern-Schule, für Stockhausen, Kagel, Nono, Ligeti oder Berio etwa, als 35-Jähriger seinen internationalen Ruf als Dirigent unzähliger Uraufführungen begründete (unter anderen von Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ in Köln 1965) und viele Zeitgenossen, darunter manche Avantgardisten, dank seiner Autorität und Kompetenz zu anerkannten Komponisten erhoben hat, ist er dennoch nicht ausschließlich mit neuen Klängen beschäftigt gewesen. Ebenso widmete er sich immer dem klassisch-romantischen Opern- und Konzertrepertoire.

Seine Beethoven-, Bruckner- und Mahler-Interpretationen auf Platten- und CD-Einspielungen gehören längst zu den wichtigsten Auseinandersetzungen mit diesen Komponisten: energisch, zupackend, prägnant, aber auch sensibel. Gielens dirigentische Könnerschaft, gestärkt durch eigene kompositorische Arbeit, geschärften Kunstverstand und philosophische Reflexion machten ihn zu einer „Institution als Musiker“, zu einem „Gewissen der Musik“, wie ein Kritiker formulierte. Zu Beethoven und Mahler verfasste er auch Schriften.

Gielens Œuvre als Komponist, das kaum bekannt geworden ist und sozusagen noch der Entdeckung harrt, umfasst Kammermusik, Orchester- und Vokalwerke sowie Ensemblestücke – stilistisch eigenständig, keiner Moderichtung folgend, doch gelegentlich serielle, aleatorische Praktiken nutzend. Bezeichnend für ihren Schöpfer, der Musik nie als „Beruhigungspille“ verstanden hat, sein Ausspruch: „Für die Kunst darf man auch das Gehirn bemühen.“ Die Akademie der Künste in Berlin hat das Archiv Michael Gielens mit Manuskripten, Studienaufzeichnungen, Dirigierpartituren, Fotos und Programmheften übernommen.

Von Dieter Härtwig

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