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22 Jahre lang war Peter Kopp an der Entwicklung des Dresdner Kreuzchores beteiligt

Interview mit dem Chordirigenten 22 Jahre lang war Peter Kopp an der Entwicklung des Dresdner Kreuzchores beteiligt

Seit 1995 war Peter Kopp beim Dresdner Kreuzchor, zunächst als Assistent, später Chordirigent. Der Musiker, früher selbst Kruzianer, wird nun ab Oktober Dozent für Chor- und Orchesterleitung und musikalischer Leiter des Hochschulchores an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle (Saale). Ein Interview mit ihm.

Peter Kopp in der Probe mit den Kruzianern.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Seit 1995 war Peter Kopp beim Dresdner Kreuzchor, zunächst als Assistent, später Chordirigent. Der Dresdner Musiker, früher selbst Kruzianer, wird nun ab Oktober Dozent für Chor- und Orchesterleitung und musikalischer Leiter des Hochschulchores an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle (Saale) (DNN berichteten). In der Kreuzchorvesper am 26. August wird Peter Kopp zum letzten Mal in Dresden am Pult des Chores in der Kreuzkirche stehen, aber auch noch dessen große China-Tournee im Oktober leiten. Kerstin Leiße sprach mit ihm.

Frage: 22 Jahre haben Sie die Entwicklung des Kreuzchores begleitet, ihn mitgeformt, dirigiert, Höhen und Tiefen erlebt. Warum haben Sie jetzt nach so langer Zeit entschieden, Abschied zu nehmen?

Peter Kopp: Vor allem war es der Wunsch, mich noch einmal einer anderen Aufgabe zu widmen, in einem völlig anderen Umfeld zu arbeiten, neue Herausforderungen anzunehmen. Ich habe den überwiegenden Teil meines bisherigen Lebens beim Kreuzchor verbracht. Wenn ich noch eine Veränderung will, muss es jetzt sein.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie und was wünschen Sie dem Chor?

Ich habe mir den Abschied leichter vorgestellt, zumal es ja meine Entscheidung ist. Nun werde ich aber doch etwas wehmütig: Probe ich dieses oder jenes Stück jetzt schon zum letzten Mal, welche Dinge erledige ich noch, wie wird der Abschied von den Kollegen? Sie glauben auch nicht, was sich in einem Büro so ansammelt… Ich wünsche dem Dresdner Kreuzchor von Herzen Gutes. Damit meine ich, dass sich die verschiedensten Menschen ihm mit Liebe zuwenden, mit Liebe zu seiner großen Tradition und Aufgabe.

Trägt das Programm, das Sie für Ihre letzte Kreuzchorvesper ausgesucht haben, besonders persönliche Züge?

Ja, ein bisschen habe ich darauf geachtet. Schütz muss natürlich dabei sein, auch ein Homilius, für dessen Rückkehr ins Repertoire ich mich sehr eingesetzt habe. Und schon immer wollte ich mal einen Psalm aus Monteverdis „Marienvesper“ mit den Kruzianern machen – nun kommt er, quasi zur letzten Gelegenheit. Francesco Durantes Motette „Misericordias Domini“ kenne ich seit meinen frühen Kruzianerjahren, sie ist für mich wie ein Leitmotiv.

Peter Kopp

Peter Kopp war seit 1995 Chordirigent beim Dresdner Kreuzchor. Er teilte sich als rechte Hand des Kreuzkantors mit diesem die Probenarbeit, dirigierte selbst mehrfach wichtige Konzerte (u. a. im Konzerthaus Berlin), leitete zwei Chinatourneen und zahlreiche Vespern und Gottesdienste. Zudem leitete er die Abteilung „Musikalische Ausbildung“, kümmerte sich um die Kommunikation mit der Schule und war eine wesentliche Figur bei der Programmgestaltung. Am 10. Oktober fährt er zum dritten und letzten Mal mit den Kruzianern nach China. Mit seinem Nachfolger wird derzeit noch verhandelt, er soll am 1. Oktober seine Stelle antreten

Sie haben in mehr als zwei Jahrzehnten die Geschichte des Chores hautnah miterlebt. Wie sieht Ihr persönliches Resümee aus?

Ach, das würde ich doch lieber erst mit etwas Abstand ziehen, damit es nicht zu stark von den letzten Jahren geprägt ist. Ich bin ja auch noch nicht fertig! Vielleicht verändert die anstehende China-Tournee im Oktober ja noch entscheidend den Gesamteindruck? (lacht) Im Ernst: Manchmal denke ich, dass das wichtigste Ergebnis meiner Arbeit ist, den Kreuzchor in sich rasant verändernden Zeiten in seinem Wesen erhalten zu haben. Das ist natürlich nicht nur mein Werk, daran haben auch viele andere mitgewirkt.

1995 haben Sie unter Matthias Jung begonnen und dann das Kantorat Roderich Kreiles erlebt. Wie hat sich der Chor, wie haben sich die Kruzianer in der Zeit entwickelt? Gibt es große Unterschiede zwischen gestern und heute?

Der Kreuzchor ist ein Teil der Gesellschaft, er verändert sich genauso, vielleicht etwas langsamer. Die Vorstellung, er müsse die „letzte Insel der Tugend“ sein und bleiben, ist eine schöne Illusion. Alle allgemein wahrnehmbaren Veränderungen von Kindern, Eltern, Kirche, Schule usw. treffen auch auf den Kreuzchor zu – vielleicht abgemildert, weil die ständige Arbeit an unseren musikalischen Aufgaben uns davon abhält, jeder Mode anzuhängen. Vielleicht so gesagt: Hat ein Mensch grundsätzlich das Gefühl, dass die Welt immer schlechter wird, wird er das auch beim Kreuzchor so empfinden. Ist er optimistischer, wird er die Veränderungen eher als Wandel wahrnehmen.

An welche besonders guten Momente erinnern Sie sich, und welche waren die schwierigsten?

Das halbe Jahr meiner kommissarischen Chorleitung vor Roderich Kreiles Amtsantritt war natürlich ein Höhepunkt, da war ich noch nicht mal 30! Ansonsten könnte ich keine Tournee oder ein bestimmtes Ereignis hervorheben. Das Schönste war immer, wenn bei einer Aufführung zwischen mir, den Kruzianern und den Zuhörern so etwas wie eine Verbindung entstand. Und das konnte überall entstehen, in der Kreuzkirche, einer Kleinstadt in der Provinz oder in Peking – oder manchmal auch nicht. Dann war es eben nur „o.k.“. Richtig schwierig war das vergangene Schuljahresende, dazu möchte ich jetzt aber nichts mehr sagen.

Kreuzkantor Kreile: „Bin ihm sehr dankbar“

Im Laufe der mehr als 20 Jahre habe ich besonders seine Kreativität, seine hervorragende musikalische Begabung und seine Arbeitskraft schätzen gelernt, es gibt da sehr viele Aspekte, für die ich ihm sehr dankbar bin. Er war in verschiedenen Bereichen tätig: Neben den Proben und Dirigaten leitete er die Fachschaft der musikalischen Ausbildung und hat immer wieder aus seiner reichen Erfahrung wesentliche Impulse für die Programmgestaltung im Sinne eines Dramaturgen gegeben, ich denke da zum Beispiel an seine Konzeption für die Homiliusfeiern 2014, mit denen wir ein Jahr lang diesen berühmten Kreuzkantor geehrt haben. Natürlich war er auch ein Kristallisationspunkt für das Leben der Kruzianer. Wir werden uns sehr gern an Peter Kopp erinnern, der eine prägende Musikerpersönlichkeit ist, von der der Chor noch eine lange Zeit zehren kann.

Ich wünsche Peter Kopp, dass er in seiner neuen Tätigkeit Glück und Erfüllung findet. Vor allen Dingen wünsche ich ihm eine stabile Gesundheit, weil auch die neue Tätigkeit sehr fordernd sein wird.

Im Moment kann der Name seines Nachfolgers noch nicht genannt werden. Mit ihm steht die Stadt unter meiner Beteiligung in guten Verhandlungen. Der Vertrag liegt vor und wird hoffentlich in Kürze von beiden Seiten unterschrieben, so dass wir dann auch den Namen nennen können. Peter Kopp verlässt uns zum Ende September, und wir hoffen, dass sein Nachfolger pünktlich zum 1. Oktober seinen Dienst antreten kann.

Und was war das skurrilste Erlebnis, welches das lustigste? Und was werden Sie am meisten vermissen?

Auf ersteres kann ich nicht antworten, ohne dass es auf Kosten Dritter geschähe, das lasse ich lieber. Aber es gab viel zu lachen! – Ich fürchte, dass ich vielleicht genau das vermissen könnte, was ich mit meinem Wechsel verlassen will: die Regelmäßigkeit, die Arbeit in immer gleichen Bahnen, die vertrauten Kreise, in denen man sich bewegte. Oder den zufälligen Blick auf irgendeinen kleinen Kruzianer, der sich bei einer schönen Stelle so richtig ins Zeug legt. Das machte mir immer sofort gute Laune!

Sie sind selbst Kruzianer gewesen, haben dann Chor- und Orchesterdirigieren an der Dresdner Musikhochschule studiert, waren beim Kreuzchor und haben zudem einen Erwachsenenchor gegründet, das „Vocal Concert Dresden“. Worin sehen Sie heute die besondere Daseinsberechtigung eines Knabenchores, wie sollte er sich positionieren und wie wichtig ist die Anbindung an die Kirche?

Das wichtigste Argument einer „Daseinsberechtigung“ sind zuallererst genügend Leute, die den Kreuzchor hören wollen und dass – über welche Wege auch immer – die notwendigen Mittel aufgebracht werden, dass der Chor arbeiten kann. Das zweite ist eine Gesellschaft, die noch die Wichtigkeit verspürt, dass junge Menschen an tradierte kulturelle und geistige Werte herangeführt werden, Stichwort „Nachwuchs“. Im speziellen Fall des Kreuzchores ist die Anbindung an die evangelische Kirche unabdingbar, diese steht auch überhaupt nicht zur Debatte. Gegenwärtig wird lediglich ein Weg gesucht, wie diese Anbindung praktikabel organisiert werden kann. Der Kreuzchor steht seit knapp 100 Jahren auf mehreren Beinen, die seitdem als Spagat empfunden werden: Kirchendienste, Konzert- und Reisetätigkeit auf professionellem Niveau, dazu gymnasiale Schulausbildung. Mal ehrlich: Worauf sollte man verzichten? Es bleibt also nur, weiter nach gangbaren Wegen und Kompromissen zu suchen – wie auch in den vergangenen 22 Jahren.

In Halle werden Sie an einer der wichtigsten deutschen Ausbildungsstätten der evangelischen Kirche arbeiten. Worin sehen Sie dort besondere Herausforderungen und was werden Ihre Aufgaben sein?

Die Erteilung von Dirigierunterricht in verschiedenen Studiengängen und Semestern, die Leitung des Hochschulchores, auch in dessen Konzerten. Die hauptamtlichen Lehrkräfte übernehmen zudem Aufgaben in der Hochschulleitung, was vielleicht für mich einmal ein größeres Thema werden könnte. Die Herausforderungen kenne ich noch nicht genau genug, sie liegen vermutlich weniger auf dem musikalisch-fachlichen Gebiet.

Sie meinen, dass es angesichts zurückgehender Mitgliederzahlen, fusionierender Gemeinden, drastischen Stellenrückgangs im Bereich der Kirchenmusik schwierig werden könnte, Ihre künftigen Studenten zu motivieren? Was wollen Sie diesen vermitteln?

Ich werde immer versuchen, den Studenten die Schönheit der Aufgabe, also die Freude am Musizieren mit anderen, zu vermitteln oder zu befördern und dabei auf vielseitige, aber nicht unübersichtlich aufgefächerte beliebige Ausbildung achten. Die Lage ist nicht schwieriger als für Absolventen anderer künstlerischer Hochschulen. Die Halleschen Absolventen sollen übrigens eine vergleichsweise gute Quote haben, was ihre tatsächliche spätere Arbeit im studierten Fach betrifft.

Heißt der Stellenwechsel für Sie auch Heimatwechsel, sprich werden Sie nach Halle ziehen und Ihren Dresdner Chor aufgeben (müssen)?

Ich werde über die Woche in Halle wohnen, am Wochenende in Dresden. Vocal Concert Dresden und ich wollen unbedingt gemeinsam weitermachen, wofür es nach ersten Planungen auch gut aussieht. Schließlich steht 2018 das 25-jährige Jubiläum an!

Was machen Sie in diesem Jahr am Heiligabend? Sie sind dann – vielleicht ausgenommen die Jahre des Studiums – das erste Mal seit vier Jahrzehnten nicht an der Christvesper in der Kreuzkirche beteiligt...

In den Jahren ohne Kreuzchor-Christvesper habe ich dafür woanders Orgel gespielt, meist mehrmals hintereinander. Dieses Jahr weiß ich noch nicht, ich werde mich auf keinen Fall leichtfertig zu irgendeinem Dienst verpflichten…

Von Kerstin Leiße

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